Die Halver-Kolumne: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr…

Robert Halver
Foto: Dirk Beichert
Robert Halver, Baader Bank

Die Spannungen zwischen den USA, Israel und dem Iran rücken die Straße von Hormus erneut ins Zentrum der Finanzmärkte. Ein möglicher Engpass beim Öltransport nährt Sorgen über steigende Energiepreise und wirtschaftliche Folgen. Doch neben den Risiken gibt es auch Argumente, die für eine Entspannung sprechen.

…als dass ein Schiff Öl durch die Meerenge von Hormus transportiert. Die Folge sind volatile Preissteigerungen bei Energierohstoffen mit allen verunsichernden Folgen für Inflation, Wirtschaftswachstum und Finanzmärkte. Aber ist das Nadelöhr von Hormus wirklich so nadelöhr-haft?

„Amen, ich sage Euch, das Ende ist nah!“

Zur Gesichtswahrung scheinen aktuell weder Amerika und Israel noch der Iran klein beizugeben. Es ist ein Zermürbungskrieg. Daher haben worst case-Szenarien für Öl weiter Hochkonjunktur. Einige Analysten sprechen sogar von der größten Störung der globalen Ölversorgung in der Geschichte. Und sicherlich ist ein amerikanischer Geleitschutz zur Sicherung der Energietransporte in der Straße von Hormus illusorisch. Diese Sicherheit ist unbezahlbar.


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Bei einem Ölpreis von 150 oder gar 200 US-Dollar pro Barrel würde sich tatsächlich Konjunkturpanik weltweit ausbreiten und die Renten- und Aktienmärkte dramatisch heimsuchen. Und dort, wo noch Buchgewinne vorhanden sind, würden diese realisiert, um risikolose Liquidität zu halten und einfach abzuwarten, wie sich die Dinge entwickeln. Bei Rezessionsanzeichen könnten die Notenbanken wegen scharfen Preisanstiegen leider nicht mit lockerer Geldpolitik dagegenhalten. Im Gegenteil, sie müssten die Leitzinsen sogar erhöhen und höhere Anleiherenditen akzeptieren. Murphys Gesetz: Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen, oder?

Die rationale Gegendarstellung

Natürlich, solange das Nadelöhr von Hormus unter Verstopfung leidet, bleibt der Druck auf Wirtschaft und Finanzmärkte hoch.

Dennoch müssen Anleger auch die Gegenargumente im Blick haben. Zunächst verfügen weder die USA, noch Israel, noch der Iran über unendlichen Nachschub an Waffen. Mangels Masse muss die Kriegsführung früher oder später eingeschränkt werden.

Überhaupt ist die US-Bevölkerung mehrheitlich gegen den Iran-Krieg, vor allem, wenn es um den Einsatz von Bodentruppen geht. Und den Bären einer unmittelbaren iranischen Atombombe lässt sie sich auch nicht aufbinden. Ebenso haben die Amerikaner weder Lust auf steigende Benzinpreise vor der driving season, noch auf energieseitige Inflationsbeschleunigung, noch auf nachhaltige Aktienverluste. All das wird US-Präsident Trump nicht ignorieren können. Ansonsten kommen seine Republikaner bei den Zwischenwahlen im November unter die blauen demokratischen Räder.

Amerika war taktisch klug beraten, seine Kriegsziele wenig konkret formuliert zu haben. Mit dieser Flexibilität könnte Trump einen nicht näher beschriebenen Sieg für sich proklamieren und Teheran einen Deal anbieten. Dieser Deal könnte so aussehen, dass er das Mullah-Regime nicht beseitigt, weil es militärisch keine große Bedrohung mehr darstellt. Israel käme dabei die Rolle zu, auch nur bei der geringsten atomaren Bedrohung durch den Iran zuzuschlagen. Am Ende wird auch Teheran der Machterhalt wichtig sein, zumal sie bei Wiedereröffnung der Straße von Hormus wieder ihr eigenes Öl verkaufen können. Die aktuell harten Worte gegenüber der mitunter kreidehaften Rhetorik Trumps sind eher aufgesetzter Natur.

China ist der Joker im Öl-Spiel. Es ist massiv abhängig von Öllieferungen über das Nadelöhr und wird zur Sicherung eigener konjunktureller Interessen Druck auf Teheran zur Mäßigung ausüben. 

Zwischenzeitlich würde die Freigabe der Erdölreserven und Entspannungen bei Ölsanktionen preisdrückend wirken. Ohnehin schlagen heutige Ölkrisen nicht mehr so auf die Wirtschaft durch wie früher. Die Energieeffizienz hat sich rapide verbessert und der Strukturwandel von Industrie- zu Dienstleistungsgesellschaften findet längst statt.

Nicht zuletzt, wenn ca. 20 Prozent der weltweiten Öllieferungen von der Sperrung der Straße betroffen sind, scheint es offensichtlich noch andere Energiewege zu geben. So erhält Deutschland gut 40 Prozent seines Öls aus Norwegen, den USA und Libyen.

Und jetzt liebe Anlegerinnen und liebe Anleger?

Natürlich ist auch an den Börsen Vorsicht die Mutter der Porzellankiste. Anleger sollten die Entwicklungen genau beobachten, aber bitte auch Ruhe bewahren. Denn auch dieses Mal wird die (Finanz-)Welt nicht untergehen. Ich bin überzeugt, dass längerfristig rationale Argumente die kurzfristig emotionalen dominieren werden.

Die Ansparpläne in Einzeltitel bzw. breiteren Anlagevehikeln sollten fortgesetzt bzw. begonnen werden. Man kommt jetzt günstiger an die Objekte der Begierde.

Und am Ende muss das Kamel gar nicht durch ein Nadelöhr.

Robert Halver leitet die Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank. Mit Wertpapieranalyse und Anlagestrategien beschäftigt er sich seit Abschluss seines betriebswirtschaftlichen Studiums 1990. Halver verfügt über langjährige Erfahrung als Kapitalmarkt- und Börsenkommentator. Er ist aus Funk und Fernsehen bekannt und schreibt regelmäßig für Cash. 

Rechtliche Hinweise / Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG: https://www.roberthalver.de/newsletter-disclaimer

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