EXKLUSIV

Wohngebäudeversicherung im Wandel: Warum Prävention wichtiger wird

Foto: Die Bayerische
Dr. Annika Obermayer: "Die Billig-Mentalität in der Wohngebäudeversicherung ist vorbei."

Steigende Schäden, höhere Risiken und politische Diskussionen über eine Pflichtversicherung verändern den Markt der Wohngebäudeversicherung. Dr. Annika Obermayer, Leiterin Komposit bei der Versicherungsgruppe die Bayerische, erklärt, warum Prävention künftig eine größere Rolle spielen muss.

Frau Dr. Obermayer, Insurance-Analysten empfehlen, für die Wohngebäudeversicherung die Produkt- und Preisstrategie möglichst exakt auf die Risikolage des Kunden zuzuschneiden. Floß dieser Ansatz in Ihre neue „PrimeHome-Police“ ein?      

Obermayer: Ja, auch diese Logik war ein Teilaspekt für die komplette Neuentwicklung der PrimeHome-Police. Hierbei geht es häufig um klassische Risikomerkmale wie Gebäudealter, Sanierungs- und Ausstattungszustand sowie Lage des Gebäudes. Wir gehen noch einen Schritt weiter und möchten Gebäude vor Ort von den Vertriebspartnern besichtigen lassen, um Risiken individuell zu bewerten und beispielsweise bestehende Präventionen wie Wartungen, Wassersensoren und wasserfeste Fenster, die bisher in der Tarifierung keine Rolle gespielt haben, zu berücksichtigen. Wir sind bewusst weg vom pauschalen Quadratmetermodell und hin zu einer risikoadäquaten, zukunftsfähigen Absicherung einzelner Wohngebäude gegangen.

Wie ermitteln Sie die durch „PrimeHome“ abzusichernden Risiken?

Obermayer: Kern ist die exakte Ermittlung des 1914-Wertes als realistische Basis der Versicherungssumme. Ergänzt wird das durch einen konsequenten All-Risk-Ansatz im Verbund: Wohngebäude, Hausrat, Glas und Haftpflicht greifen nahtlos ineinander. Das reduziert Deckungslücken und vereinfacht die Absicherung für Eigentümer deutlich. Wer mehr Gefahren bei uns zusammenschließt, der spart zudem über den integrierten Verbundrabatt.

Kommen differenzierte Prognoseinstrumente und Szenarioanalysen zum Einsatz?  

Obermayer: In der Risikobewertung arbeiten wir heute mit internen und externen Datenpools, sowohl im Neu- als auch im Bestandsgeschäft. Dazu gehören unter anderem feinere regionale Risikodaten sowie aktualisierte Gebäude- und Schadeninformationen. Auch die Erweiterungen der Hochwassergefährdungsklasse (HGK) im Elementarbaustein um die Starkregengefährdungsklasse (SGK) wurde bewusst integriert, um reale Schadenszenarien besser abzubilden.

Welche weiteren Neuigkeiten bietet das Produkt den Kunden?

Obermayer: Neu ist das Vorsorgebudget, bei dem wir Prävention systematisch monetär unterstützen – bei einer vierköpfigen Familie sind das bis zu 650 Euro alle drei Jahre, 300 Euro davon für die Wohngebäudeversicherung – sowie die All-Risk-Deckung in Kombination mit der umgekehrten Beweislast. Kunden müssen im Schadenfall nicht mehr nachweisen, ob ein Risiko „mitversichert“ war – der Versicherungsschutz greift grundsätzlich bei allem, was nicht explizit ausgeschlossen ist. Das ist ein echter Paradigmenwechsel in der Wohngebäudeversicherung. In der Schadenregulierung führt dieser Ansatz zu einer schnellen und unkomplizierten Bearbeitung – mühsame Abgrenzungsfragen bleiben unseren Vertriebspartnern und Kunden erspart.

Was bedeutet das neue Produkt für das Wohngebäude-Angebot der die Bayerische? 

Obermayer: Kurz gesagt: „PrimeHome“ ist eine grundlegend neue Antwort auf steigende Risiken, volatile Schadenverläufe und höhere Kundenerwartungen. Wir konzentrieren uns auf unsere Kernzielgruppe der Einfamilienhausbesitzenden und bieten für diese Zielgruppe einen Schutz weit über den Marktstandard. Durch unsere Ausbildung zum PrimeHome-Berater, die wir im ersten Schritt für unsere Ausschließlichkeitsvermittler gestartet haben, werden Versicherungsvermittler systematisch zu Risikobewertern und Präventionsberatern für die Kunden mit Immobilien.

Halten Sie die von der Bundesregierung angedachte Pflicht zur Elementarschadenversicherung für sinnvoll?

Obermayer: Jeder Eigentümer eines Einfamilienhauses sollte gegen Elementarschäden abgesichert sein. Bei uns ist die Elementarabsicherung seit mehreren Jahren verpflichtend in der Wohngebäudeabsicherung dabei. Die Schäden der letzten Jahre zeigen, dass fehlender Schutz kein individuelles, sondern ein gesamtgesellschaftliches Risiko ist. Eine Pflichtversicherung kann dabei helfen, ist aber kein Allheilmittel – auch hier steht die Prävention, insbesondere in Städten, Kommunen und Gemeinden eine wichtige Rolle.

Wie sollte Ihrer Meinung nach das Opt-out geregelt werden?

Obermayer: Ein Opt-out-Modell halten wir für einen gangbaren Kompromiss zwischen kollektiver Absicherung und individueller Verantwortung – vorausgesetzt, es ist rechtssicher, transparent und praktikabel ausgestaltet. Produkt- und systemseitig wären wir darauf vorbereitet.

Sie sehen in der Pflichtversicherung nicht das Allheilmittel für die derzeitigen Probleme in der Wohngebäudeversicherung. Was braucht es noch?

Obermayer: Entscheidend ist für uns: Prävention darf nicht zur Randnotiz werden. Eine Pflichtversicherung darf nicht dazu führen, dass bauliche, technische oder digitale Vorsorgemaßnahmen vernachlässigt werden. Im Gegenteil: Prävention muss sich finanziell lohnen – etwa durch Beitragsvorteile, Förderprogramme oder konkrete Anreize für Schutzmaßnahmen wie Rückstauventile oder Leckage-Sensoren. Regionaler Hochwasser- und Starkregenschutzmaßnahmen der Gemeinden sind, neben individuellen Maßnahmen, entscheidend für ein funktionierenden, flächendeckenden Elementarschutz.

Wie stehen Sie zur Teilung von Risiken zwischen Staat und Versicherungswirtschaft in Extremfällen?

Obermayer: Die Diskussion um staatliche Rückversicherungsmodelle oder Extremereignisse führen wir offen. Auch der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) hat hierfür inzwischen eine Idee für ein Modell skizziert. Bei der Bayerischen gilt schon heute: Abhängig von der Zonierung wird die Wohngebäudeversicherung grundsätzlich mit Elementardeckung angeboten. Wir setzen damit bewusst auf Schutz statt auf Weglassen.

Viele Kunden fürchten eine Kündigung Ihrer Wohngebäudepolice. Planen Sie eine restriktivere Zeichnungspolitik und/oder Kündigungen im Bestand?

Obermayer: Nein. Wir haben unsere Annahmerichtlinien im Zuge der Produktüberarbeitung modernisiert, nicht verschärft. Unser Anspruch ist klar: Mit der „PrimeHome-Police“ wollen wir ein verlässlicher Top-Versicherer für Wohngebäudekunden bleiben. Dazu gehören eine saubere Risikoselektion und die korrekte Ermittlung der Versicherungssumme, aber keine pauschale Abschottung. Im Bestand setzen wir auf normale, sachgerechte Sanierungsprozesse, etwa nach Leitungswasserschäden. Wir glauben aber auch: Die „Billig-Mentalität“ in der Wohngebäudeversicherung ist vorbei. Hochwertiger und umfassender Risikoschutz mit gleichzeitig auskömmlichen Prämien, um langfristig verlässlicher Partner in der Wohngebäudeversicherung bleiben zu können.

Das Interview führte Cash. Autorin Silvia Fischer (Journalistin FJS).

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