EXKLUSIV

Elementarschäden: „Ein klarer Vorteil eines Opt-out-Modells ist derzeit nicht erkennbar“

Jennifer Hansen
Foto: fb research
Jennifer Hansen

Wie entwickeln sich Prämien für Elementarschäden – und was bedeutet das für eine mögliche Pflichtversicherung? Im Interview mit Cash. ordnet Jennifer Hansen, Leitung der Analyse für den Kompositbereich bei fb research, die Ergebnisse einer umfangreichen Marktanalyse ein.

Ihre Studie basiert auf zehntausenden realen Versicherungsangeboten. Wie stellen Sie sicher, dass diese Daten die tatsächliche Marktsituation valide abbilden – insbesondere in Hochrisikozonen, wo Angebote oft individuell kalkuliert werden?

Hansen: Die Berechnungen, die wir für die Studie von Prof. Dr. h.c. Hartmut Nickel-Waninger, Dr. Christian Groß und Prof. Dr. Oliver Schellenberger durchgeführt haben, basieren auf systematisch angestoßenen Vergleichsrechnungen über unseren Vergleichsrechner „fb campaign“, der es ermöglicht, in Sekundenschnelle zehntausende Tarifkonstellationen zu berechnen und zu vergleichen. Grundlage dafür bildet unsere Datenbasis mit knapp 100.000 Produkten aus allen relevanten Privat- und Gewerbesparten. Damit bilden wir genau die Angebotslandschaft ab, die auch Endkundinnen und Endkunden sowie Vermittlerinnen und Vermittler in der Praxis über Vergleichssoftware und Gesellschaftsrechner sehen. Wiederum können anfragepflichtige Risiken, die beispielsweise mit individuellen Zuschlägen, Ausschlüssen oder Sonderkonditionen verbunden sind, in der Analyse nicht berücksichtigt werden. Dennoch sind die zentralen Erkenntnisse eindeutig: Mit steigendem Risiko steigen die Beiträge signifikant, bis hin zu Fällen, in denen kein Versicherungsschutz mehr angeboten wird.

In Hochrisikogebieten können die Prämien laut Studie auf mehrere 1.000 Euro jährlich steigen. Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund die soziale Tragfähigkeit einer Pflichtversicherung?

Hansen: Das ist eine gute Frage, denn die soziale Komponente darf bei der Diskussion um eine Pflichtversicherung nicht unberücksichtigt bleiben. Aktuell besteht für Immobilieneigentümerinnen und Immobilieneigentümer keine gesetzliche Verpflichtung, ihre Gebäude gegen Grundgefahren oder Elementarschäden abzusichern. Eine mögliche Pflichtversicherung würde daher einen grundlegenden Systemwechsel bedeuten. In diesem Zusammenhang stellt sich zunächst die Frage, ob die Elementarversicherung künftig auch als eigenständiges Risiko versicherbar sein muss. Derzeit ist sie ausschließlich im Verbund mit mindestens einer weiteren Grundgefahr erhältlich. Genauso entscheidend ist die Definition des Leistungsumfangs: Elementarschäden umfassen eine Vielzahl unterschiedlicher Risiken. Während die meisten Menschen dabei vor allem an Überschwemmung und Starkregen denken, gehören auch Risiken wie Erdrutsch, Erdbeben oder sogar Vulkanausbrüche dazu. Hier stellt sich die zentrale Frage, welche Risiken im Rahmen einer Pflichtversicherung tatsächlich abgedeckt werden sollen. Zugegeben: Vulkanausbrüche sind kein relevanter Kostentreiber und werden nicht für Beiträge im vierstelligen Bereich verantwortlich sein. Dennoch zeigt das Beispiel, wie breit das Spektrum der versicherbaren Risiken ist. Aus unserer Sicht braucht es daher eine deutlich differenziertere Diskussion, sowohl hinsichtlich des Leistungsumfangs als auch der finanziellen Ausgestaltung. Für eine fundierte Bewertung der Beitragskalkulation und möglicher Ausgleichsmechanismen sind insbesondere fundierte, durch Aktuare erstellte Analysen erforderlich.


Das könnte Sie auch interessieren:

Die Studie zeigt eine enorme Preisspreizung innerhalb identischer Risikozonen. Welche Rückschlüsse ziehen Sie daraus für Transparenz, Wettbewerb und Tariflogik im Markt?

Hansen: Konkrete Rückschlüsse lassen sich nur eingeschränkt ziehen, da die Beitragskalkulation von Tarifen hochkomplex ist und von zahlreichen Faktoren abhängt. Die beobachtete Preisspreizung innerhalb identischer Risikozonen zeigt jedoch deutlich, wie unterschiedlich Versicherer derzeit mit Elementarrisiken umgehen. Unterschiede können beispielsweise dadurch entstehen, dass Versicherer Risiken unterschiedlich ein- oder ausschließen – etwa beim Starkregen – oder Hochrisikozonen unterschiedlich bewerten. So kann es vorkommen, dass ein Versicherer höhere Beiträge erhebt, dafür aber ein breiteres Risikospektrum abdeckt oder auch Hochrisikozonen versichert, während andere Anbieter hier restriktiver vorgehen. Ein zentraler Befund unserer Analyse ist daher: Es gibt aktuell keine einheitliche Systematik im Umgang mit Elementarrisiken. Versicherer nutzen sowohl Preis als auch Leistungsumfang gezielt als Differenzierungsmerkmale im Wettbewerb. Für mehr Transparenz im Markt wäre insbesondere eine vertiefende Betrachtung im Sinne eines Preis-Leistungs-Vergleichs sinnvoll. Erst dadurch lassen sich fundierte Aussagen über die tatsächliche Attraktivität einzelner Tarife treffen.

Vor dem Hintergrund Ihrer Ergebnisse: Halten Sie ein Opt-out-Modell, wie es politisch diskutiert wird, für geeigneter als eine echte Pflichtversicherung?

Hansen: Ein klarer Vorteil eines Opt-out-Modells gegenüber der aktuellen Opt-in-Lösung ist aus unserer Sicht derzeit noch nicht eindeutig erkennbar. Ich lasse mich aber gerne vom Gegenteil überzeugen. Wenn die Absicherung heute bereits häufig an den Kosten scheitert, stellt sich die Frage, inwieweit ein Opt-out-Modell dieses Problem tatsächlich lösen kann. Grundsätzlich erscheint die aktuelle Diskussion noch zu unspezifisch und sollte zunächst weiter konkretisiert werden. Entscheidend ist dabei vor allem, welche konkreten Risiken künftig verpflichtend oder im Rahmen eines Opt-out-Modells abgesichert werden sollen. Erst wenn diese Grundlage klar definiert ist, lassen sich Fragen der praktischen Umsetzung und der finanziellen Ausgestaltung sinnvoll bewerten. Dabei wird schnell deutlich, dass eine pauschale Pflichtabsicherung aller Elementarrisiken, etwa auch von Erdbeben, nicht zwingend dem tatsächlichen Bedarf entspricht.

Die Fragen stellte Kim Brodtmann, Cash.


Top-Ergebnisse bei Markt-Mediastudien


Weitere Artikel
Abonnieren
Benachrichtigen bei
0 Comments
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen