EXTRA Kritische Rohstoffe: „Kritisch heißt nicht knapp heute, sondern erpressbar morgen“ 

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Die Diskussionsteilnehmer von links: Sven Kuhlbrodt, Senior Consultant Investor Relations, Baker Steel Capital Managers; Tim Bröning, Geschäftsführender Gesellschafter, Bröning Investment & Consulting; Frank Neumann, Vertriebsdirektor Aureus Golddepot

Künstliche Intelligenz, Energiewende und Verteidigung treiben den Hunger nach Metallen – doch Europas Achillesferse liegt weniger in der Förderung als in Verarbeitung und Lieferketten. Im Gespräch erklären Experten, warum Silber und Uran trotz offensichtlicher Engpässe in der EU nicht als „kritisch“ gelten, weshalb Recycling kurzfristig kaum entlastet und wie Anleger über Minen, Fonds und physische Bestände sinnvoll positionieren können.

Was verstehen Sie aktuell unter kritischen Rohstoffen – und warum ist das Thema gerade jetzt so präsent?

Bröning: Zunächst einmal: „kritisch“ bedeutet nicht „selten“. Diese Rohstoffe sind grundsätzlich vorhanden. Kritisch heißt vielmehr, dass sie unverzichtbar sind und gleichzeitig anfällig – also mit einem hohen Versorgungsrisiko behaftet. Dieses Risiko entsteht zum Beispiel durch Verarbeitungsketten, Genehmigungsverfahren oder geopolitische Abhängigkeiten. Man kann es so zusammenfassen: Kritisch heißt nicht knapp heute, sondern erpressbar morgen. Wir brauchen diese Rohstoffe für Fortschritt, Elektrifizierung und industrielle Entwicklung. Und wir müssen sicherstellen, dass auch Industrieplayer – etwa aus der IT-, Computer- oder Mobilfunkbranche – Zugang dazu haben, damit nicht andere Regionen automatisch die Kontrolle übernehmen. Die EU hat deshalb nicht nur über Förderung gesprochen, sondern auch konkrete Zielgrößen formuliert: Ein bestimmter Anteil soll aus heimischer Produktion kommen, ein anderer aus Recycling, und vor allem soll die Abhängigkeit von einzelnen Drittstaaten begrenzt werden. Denn oft ist gar nicht der Rohstoff selbst das Problem, sondern die Verarbeitung. Ein gutes Beispiel ist Uran: Das gibt es grundsätzlich in vielen Regionen, aber die Aufbereitung ist hoch konzentriert – mit faktischen Monopolen. 

Neumann: Ich sehe das sehr ähnlich. Kritische Rohstoffe sind immer eine Frage des nationalen Interesses – und das kann unterschiedlich gelagert sein. Auf der einen Seite stehen wirtschaftliche Interessen, also ganze Industriezweige, die davon abhängen. Auf der anderen Seite stehen Sicherheitsinteressen, insbesondere für die Rüstungsindustrie. Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen weltpolitischen Lage gewinnen bestimmte Rohstoffe weiter an Bedeutung. Es geht also nicht nur um Mengen, sondern auch um Lieferketten, Verarbeitung und Versorgungssicherheit – letztlich um das Gesamtpaket.

Herr Kuhlbrodt, Sie betrachten das Thema aus Sicht eines Asset Managers. Wie ordnen Sie es ein?

Kuhlbrodt: Im Kern ähnlich wie meine Vorredner. Aus meiner Sicht gibt es drei große Treiber für kritische Rohstoffe: Künstliche Intelligenz, Energiewende und Verteidigung. Die EU ist bei KI zwar in der Anwendung teilweise weiter als die USA, produziert aber keine Cloud-Infrastruktur oder KI-Modelle im großen Stil. Auch hier bestehen also Abhängigkeiten.

Was die Rohstoffe angeht, sehe ich für die nächsten zehn bis fünfzehn Jahre ein strukturelles Problem in Europa. Langfristig kann man durch politische Anstrengungen, Eigenförderung oder Friendshoring gegensteuern – kurzfristig sind wir stark limitiert. Entscheidend ist aktuell die Verarbeitung. Bei seltenen Erden liegt die Förderabhängigkeit von China bei rund 70 Prozent, bei der Verarbeitung sogar bei etwa 90 Prozent. Der Grund sind Umweltauflagen, Arbeitsschutz, Kostenstrukturen – und ein technologischer Vorsprung Chinas bei der Verarbeitungsmaschinerie. Exportkontrollen betreffen deshalb nicht nur Rohstoffe wie Germanium, sondern auch die Maschinen zur Verarbeitung. Diese Technologie müssen wir erst nachbauen – das können wir, aber es dauert. Allein eine neue Mine zu erschließen dauert mindestens zehn Jahre. Deshalb muss man die Aussage der EU so verstehen: Momentan sind wir tatsächlich relativ hilflos – aber nicht zwangsläufig dauerhaft, wenn der politische Wille vorhanden ist.

Bröning: Die EU hat sich Ziele gesetzt – etwa 25 Prozent Recycling und maximal 65 Prozent Abhängigkeit von einem Drittland. Das zeigt, dass es um gesamte Wertschöpfungsketten geht. Interessant ist auch, dass die EU kritische Rohstoffe anders definiert als etwa die USA oder China. Silber und Uran zählen in Europa nicht dazu – in den USA sehr wohl. Das ist bemerkenswert, gerade weil es hier enorme Abhängigkeiten gibt.

Tim Bröning: „Recycling ist relativ teuer, und auch dafür müssen erst Kapazitäten aufgebaut werden. Zudem hängt es stark vom jeweiligen Rohstoff ab.“ Foto: Bröning Investment & Consulting

Wie bewerten Sie die Themen Silber und Uran?

Kuhlbrodt: Deutschland ist aus der Kernenergie ausgestiegen, weshalb das Thema hier medial weniger präsent ist. Für andere EU-Länder – etwa Frankreich – ist Uran aber zentral. Gerade zur Sicherung der Grundlast, solange Speichertechnologien noch nicht ausreichend verfügbar sind, bleibt Kernkraft relevant. Parallel werden neue Technologien wie Small Modular Reactors vor allem in den USA vorangetrieben. Wir investieren auch in börsennotierte Uranproduzenten. Uran ist zwar volatiler als viele andere Rohstoffe und aktuell nicht extrem unterbewertet, bietet aber insbesondere für institutionelle Investoren interessante Alpha-Chancen. Hinzu kommen staatliche Abnahmeverträge, etwa in den USA, auch aus sicherheitspolitischen Gründen. Deshalb wundert es mich, dass die EU Uran nicht als kritischen Rohstoff einstuft – für die nächsten Jahrzehnte ist er das definitiv.

Bröning: Wenn man sich die Zahlen ansieht, wird das noch deutlicher. Der jährliche Bedarf liegt bei rund 200 Millionen Pfund Uran, die Produktion deckt davon etwa 160 Millionen. Wir haben also ein strukturelles Defizit von 20 bis 25 Prozent. Und das ohne zusätzliche Nachfrage durch neue Reaktortypen oder Kraftwerke im Bau. Der Engpass liegt aber aktuell weniger beim Uran selbst, sondern bei den Anreicherungskapazitäten – die größtenteils in Russland liegen.

Stichwort Silber, hier gehen die Preise oft rauf und runter.

Neumann: Absolut. Der Silbermarkt ist derzeit extrem volatil, aber genau das schafft auch Chancen. Langfristig ist die Verknappung der entscheidende Preistreiber. Es ist für mich schwer vorstellbar, dass die EU Silber nicht als kritisch einstuft – die Zahlen liegen offen auf dem Tisch. Studien zeigen, dass allein die Photovoltaik bis 2030 ein Angebotsdefizit von rund einem Drittel verursachen kann. Weitere Studien kommen zu dem Ergebnis, dass zur Umsetzung der Klimaziele rund 120 Silberminen von der Größe der größten Mine in Mexiko nötig wären. Und dabei sind KI und Rüstungsindustrie noch nicht einmal vollständig berücksichtigt. Ein KI-Rechenzentrum benötigt zum Bau rund 300 Tonnen Silber. Dazu kommen Chips, Medizintechnik und Fahrzeugbau. In Elektro- und Hybridfahrzeugen verdoppelt sich der Silberbedarf pro Fahrzeug. Silber ist unverzichtbar – und es wird verbraucht, nicht gehortet wie Gold.

Kuhlbrodt: In der öffentlichen Diskussion wird Silber oft auf Photovoltaik reduziert. Das greift zu kurz. Silber ist aufgrund seiner Kombination aus Leitfähigkeit und Formbarkeit technologisch einzigartig. Deshalb ist es strategisch so wichtig – für Industrie, Verteidigung und Zukunftstechnologien. Dass die EU das nicht anerkennt, halte ich für kurzsichtig.

Bröning: Andere Länder sehen das anders. China hat Exportbeschränkungen für Silber eingeführt. Wenn man sich die Zahlen anschaut: Rund 700 Millionen Unzen Silber werden jährlich industriell verbraucht, davon knapp 200 Millionen in der Photovoltaik. Die Minenproduktion liegt bei etwa 835 Millionen Unzen. Das heißt: Rund 80 Prozent der Förderung gehen direkt in die Industrie. In den vergangenen fünf Jahren wurden zusätzlich über 800 Millionen Unzen aus Lagerbeständen abgebaut. Es wird also zunehmend eng – und trotzdem gilt Silber in der EU nicht als kritischer Rohstoff.

Wie präsent ist das Thema bei Investoren? Kommt es eher von Kundenseite oder spricht es der Berater an?

Kuhlbrodt: Historisch wurde die Nachfrage von Anlegern vor allem durch die allgemeine Edelmetallnachfrage geprägt – häufig im Vergleich zu Gold. Silber gilt dabei oft als risikoreichere, aber auch renditestärkere Variante, gewissermaßen als Turbo zur Goldanlage. Das zeigt sich auch zeitlich: Zunächst steigt meist die Goldnachfrage, danach die nach Silber. Ein Grund dafür ist die geringere Angebotselastizität. Selbst wenn man das aktuelle Angebotsdefizit und die starke Industrienachfrage ausblendet, bleibt Silber weniger flexibel, weil es kaum reine Silberminen gibt. Silber fällt meist als Nebenprodukt an. Man kann die Förderung also nicht kurzfristig hochfahren – weder sofort noch innerhalb der nächsten fünf Jahre. Selbst Produzenten, die als Silberminen gelten, erzielen im Schnitt nur rund 30 bis 35 Prozent ihrer Umsätze mit Silber. Trotzdem werden sie vom Markt als Silberproduzenten wahrgenommen und bewertet. Viele Anleger sehen Silber daher weiterhin primär als eine Art Gold-Turbo. Die Argumente rund um die Industrienachfrage setzen sich erst langsam durch.

Herr Neumann, wie nehmen Sie das Anlegerinteresse wahr?

Neumann: Sehr unterschiedlich. Viele Kunden interessieren sich grundsätzlich für Edelmetalle und haben Silber irgendwann einmal „mitgenommen“, oft aber ohne tiefgehendes Wissen. Häufig kommen Impulse aus Seminaren oder aus Medien wie dem Cash.-Magazin. In der Beratung hört man dann Sätze wie: „Ich habe gehört, Silber soll ganz interessant sein – was meinst du dazu?“ Ein kleiner Teil der Investoren beschäftigt sich intensiv mit dem Thema, bei der Mehrheit hängt das Engagement stark von der Beratung ab. Wir selbst setzen nicht auf Gold als alleinigen Favoriten, sondern auf einen Edelmetall-Mix – aus einem einfachen Grund: Wer streut, rutscht nicht aus. Die meisten Kunden wollen Stabilität und Sicherheit, und genau das wollen Berater vermitteln. Deshalb sprechen wir meist über die klassischen vier Edelmetalle. Das ist überwiegend beratergetrieben, abgesehen von Spezialthemen. Es gibt allerdings auch Berater, die seit Jahren stark auf Silber setzen – dann folgen die Kunden dieser Linie häufig.

Sven Kuhlbrodt: „Im Bergbausektor können aktive Manager die Benchmark häufig schlagen, weil sie sowohl makroökonomisch als auch auf Unternehmensebene Spezialwissen haben.“ Foto: Baker Steel Capital

Immer wieder ist die Rede davon, dass das Angebot gerade bei Silber strukturell nicht ausreicht. Welche Rolle spielen Recycling und Substitutionen in diesem Zusammenhang?

Bröning: Eher eine geringe, würde ich sagen. Recycling ist relativ teuer, und auch dafür müssen erst Kapazitäten aufgebaut werden. Zudem hängt es stark vom jeweiligen Rohstoff ab. Bei Silber sind in Handys und ähnlichen Geräten nur sehr kleine Mengen enthalten – das macht die Rückgewinnung aufwendig und kostspielig. Ich glaube nicht, dass Recycling die Minen ersetzen kann, die wir nicht neu erschließen. Der Schlüssel werden neue Minen sein – und die brauchen zehn bis 15 Jahre, bis sie wirklich online gehen.

Kuhlbrodt: Das ist im Grunde eine Catch-22-Situation: Die Recyclingquote ist auch deshalb niedrig, weil es bisher nicht genug Material gibt, bei dem sich große, effizient arbeitende Recyclinganlagen wirtschaftlich lohnen. Wenn wir künftig deutlich mehr „recycelbares“ Material haben – etwa durch einen viel höheren Anteil an Elektromobilität und Batterien, die ans Ende ihres Lebenszyklus kommen –, dann werden Skaleneffekte möglich. Aber das ist eher ein Thema für in etwa zehn Jahren. Im Moment ist Recycling schlicht zu teuer, weil die Mengen fehlen.

Bröning: Wobei: Wenn die Rückgewinnung 300 Euro pro Unze kostet, lohnt es sich natürlich, sobald die Unze deutlich darüber notiert. Da ist noch etwas Luft.

Neumann: Man muss sich die praktische Seite anschauen, etwa in der Automobilindustrie: In einem Verbrenner steckt ungefähr eine Unze Silber. Das Auto geht zur Schrottpresse – wie soll ein Schrotthändler dieses Silber wirtschaftlich herauslösen und daraus ein Geschäftsmodell machen? Selbst bei 60 oder 70 Euro je Unze bekommt er den Wert nicht einfach „eins zu eins“ realisiert, und die Arbeit des Herauslösens ist in der Praxis kaum lukrativ. Beim Katalysator mit Platin ist das anders, weil der Wert und die Wirtschaftlichkeit dort höher sind. Beim Handy ist es ähnlich: Da sind vielleicht ein halbes Gramm Silber verbaut. Das ist zwar nicht wertlos, aber man braucht die komplette Logistikkette – Altgeräte einsammeln, sortieren, weiterleiten, verarbeiten. Und wenn man dafür Arbeitskräfte in Deutschland einsetzt, ist das schwer darstellbar; dann müsste es häufig ins Ausland gehen. All diese Strukturen müssen erst aufgebaut werden, damit Recycling im großen Stil funktioniert. Und selbst wenn höhere Preise etwas in Bewegung setzen, passiert das zeitverzögert: Die Kette muss stehen und von Anfang bis Ende durchdacht sein. Ich kann mir vorstellen, dass das in Märkten wie China schneller geht als in Europa – hier kommen Richtlinien, Bürokratie und Standards hinzu, bei Handys auch das Thema Daten. Ich glaube, wir sind davon noch weit entfernt.

Bröning: Man sieht das auch an den Zahlen: Seit fünf Jahren liegt das Recycling – ich habe Daten von 2021 bis heute – bei ungefähr 190 Millionen Unzen pro Jahr. Das hat sich in dieser Zeit nicht erhöht.

Neumann: Genau. Es kann schon sein, dass sich mit höheren Preisen etwas entwickelt – aber eben nur mit Verzögerung und nur, wenn die gesamte Kette funktioniert.

Kuhlbrodt: Zusätzlich könnten KI, Robotisierung und der Einsatz von Robotern auch in Deutschland helfen, Recycling günstiger zu machen. Wir sehen Ähnliches im Minenbereich: Chemische Auslösung nimmt eher ab, mechanische Trennung wird wichtiger, weil Computer und Robotik heute effizienter und präziser arbeiten – und oft auch umweltfreundlicher sind. Beim Recycling spielt Umweltfreundlichkeit zudem bei Genehmigungen eine große Rolle. Wenn man weniger Chemie braucht und weniger billige Arbeitskräfte, weil Maschinen mehr übernehmen, steigt die Chance, dass es sich wirtschaftlich rechnet.

Kommen wir zur Portfolio-Ebene – also zur Anleger- und Beraterperspektive. Was ist aus Ihrer Sicht das geeignete Vehikel für ein Investment in kritische Rohstoffe: Aktien, Fonds, Zertifikate, ETC, ETF? Gibt es da „die“ beste Form?

Kuhlbrodt: Grundsätzlich ist alles relevant. Entscheidend ist, wer der Anleger ist: welches Wissen vorhanden ist und welche Mentalität. Je nach Anlegertyp können unterschiedliche Vehikel sinnvoll sein.

Bröning: Das sehe ich genauso. In der Portfoliotheorie würde ich kritische Rohstoffe eher als Satellite denn als Core betrachten. Gerade Minenaktien sind stark schwankungsanfällig. Für einen spekulativeren Anleger, der Dynamik und Chancen sucht, kann ein kleiner Portfolioanteil aber sinnvoll sein. Wenn man spekulativ unterwegs ist, hilft gleichzeitig oft ein physischer Anteil – etwa Gold –, weil das stabilisiert und beruhigt. Dazu gibt es zahlreiche Studien. Kombiniert man Minen – Gold- oder Silberminen – mit dem Metall selbst, ergänzt sich das gut: Gold wirkt stabilisierend, eher zur Diversifikation als zur Rendite, auch wenn es zuletzt Rendite gebracht hat. Die Minen sind der Hebel, der Turbo auf das Metall. Wichtig ist der Anlegertyp. Ich glaube, jeder Anleger verträgt einen gewissen Goldanteil – aus meiner Sicht mindestens fünf Prozent. Geht man darüber hinaus, wird es interessant, Minen beizumischen. In der Praxis sehen wir allerdings häufig, dass Anleger Einzelaktien kaufen, ohne Bilanz, Geologie oder Risiken zu verstehen – das ist gefährlich. Wer Einzelaktien wählt, sollte mehrere kombinieren, um Länder-, Management- und Projektrisiken zu streuen, und wissen, ob es sich um Produzenten, Developer oder Explorer handelt. Wer sich das nicht zutraut, ist mit Fonds sehr gut bedient – es gibt hervorragende Produkte mit Alpha-Potenzial. Wer mit dem Marktdurchschnitt zufrieden ist, kann auch einen ETF wählen.

Kuhlbrodt: Dem schließen wir uns an. Ich würde Anleger nicht dafür kritisieren, dass sie in manchen Bereichen passiv investieren – etwa aus Kostengründen. Im breiten Aktienmarkt sind ETFs sinnvoll, wenn man Markt-Beta und Diversifikation will. Im Bergbausektor ist der Markt aber vergleichsweise ineffizient. Dort können aktive Manager die Benchmark häufig schlagen, weil sie sowohl makroökonomisch als auch auf Unternehmensebene Spezialwissen haben. So lässt sich Alpha generieren – nicht nur bei uns, sondern auch bei anderen Fonds. Gold- und Silberaktien sind volatiler als physisches Metall und daher eher etwas für risikobewusstere Anleger. Das gilt aber nicht zwingend bei langfristigem Anlagehorizont: Wer 20 Jahre Zeit hat oder einen Sparplan für ein Enkelkind aufsetzt, kann auch über Fonds investieren. Bei Nicht-Edelmetallen sind Aktien zudem nicht unbedingt volatiler als das Metall selbst. Produzenten haben oft langfristige Lieferverträge, was die Ergebnisentwicklung stabilisiert. Dagegen können physische Investments über ETFs in Lithium oder Uran für Privatanleger sogar volatiler sein als Beteiligungen an Produzenten – insbesondere über Fonds.

Frank Neumann: „Wir sehen bereits heute geopolitische und teilweise imperialistische Tendenzen zur Sicherung von Rohstoffen – in China, aber auch in den USA.“ Foto: Aureus Golddepot

Herr Neumann, Sie brechen sicher eine Lanze für den physischen Erwerb?

Neumann: Genau. Wir sind anders positioniert und haben daher eine andere Sicht. Wer Edelmetalle will, sollte aus unserer Perspektive nicht in Minenaktien investieren. Das sind unterschiedliche Anlageklassen mit unterschiedlichen Kriterien. Eine Mine, die historisch erfolgreich war, muss es künftig nicht bleiben. Natürlich profitieren Minengesellschaften von steigenden Preisen. Aber wer Edelmetalle will, sollte auf physische Metalle setzen. Diese haben einen Doppelcharakter: physisches Eigentum und Wertsteigerungspotenzial. Hinzu kommt eine Schutzfunktion gegenüber staatlichen Eingriffen – begrenzt, aber relevant. Das ist ein zentraler Grund, warum Investoren physisches Gold halten. Das gilt bei uns für die klassischen vier Edelmetalle. Wichtig ist: Physischer Edelmetallbesitz ist kein kurzfristiges Rein-und-raus. Die Ausrichtung sollte mindestens fünf, zehn oder 15 Jahre betragen, weil Kosten anfallen. Je nach Kundensituation sehen wir auch höhere Edelmetallquoten – abhängig von Vermögenslage, Absicherungsbedarf und Zielen. Die Bandbreite reicht von fünf bis 40 Prozent. Das lässt sich nicht pauschal beantworten, sondern muss gemeinsam von Berater und Kunde entschieden werden.

Ich würde gern noch kurz Kupfer ansprechen. Es gab ja kürzlich die Headline: „Kupfer – das neue Silber“. Ist das so?

Bröning: Kupfer ist wohl seit kurzem im Defizit, Silber bereits seit mehreren Jahren. Die Parallelen sind da: Die Funde werden kleiner, große Projekte sind rar. Gleichzeitig steigt der Bedarf massiv – durch Rechenzentren, KI, Windkraft und Elektromobilität. E-Autos benötigen drei- bis viermal so viel Kupfer wie Verbrenner. Ein Windrad braucht onshore rund 20 Tonnen Kupfer, offshore deutlich mehr. Wenn Nachfrage steigt, die Minenproduktion aber nicht schnell ausgebaut werden kann, kann Kupfer preislich tatsächlich einen ähnlichen Weg wie Silber gehen.

Kuhlbrodt: Wir sind bei Kupfer seit Jahren übergewichtet. Es ist ein zentrales Industriemetall, zyklisch, aber stark von säkularen Trends getrieben: Energiewende, Infrastruktur, Verteidigung. Wir sind im Defizit, und das lässt sich nicht kurzfristig beheben. Interessant ist auch, dass klassische Gold- oder Eisenerzkonzerne strategisch in Kupfer investieren – etwa Barrick. Kupfer ist schwer substituierbar, anders als etwa Lithium, wo es irgendwann alternative Technologien geben könnte.

Letzte Frage: Wo stehen kritische Rohstoffe in zehn Jahren?

Neumann: Sie werden noch kritischer. Wir sehen bereits heute geopolitische und teilweise imperialistische Tendenzen zur Sicherung von Rohstoffen – in China, aber auch in den USA. Die Frage ist, ob Europa dabei ausreichend handlungsfähig ist. Der kritische Bereich wird noch kritischer.

Kuhlbrodt: Ich sehe es ähnlich: langfristig attraktiv, mit Volatilität zwischendurch. Die säkularen Trends sind eindeutig. Gleichzeitig nimmt die politische Einflussnahme zu – durch Exportkontrollen, staatliche Abnahmeverträge oder Eingriffe bei Fusionen. Das sieht man nicht nur in China, sondern zunehmend auch in den USA.

Bröning: Dem kann ich mich anschließen. Politische Rahmenbedingungen werden immer wichtiger. Die Fundamentaldaten sprechen für weiteres Wachstum, weil Defizite nicht schnell beseitigt werden können. Bei Investments liegen die Chancen oft dort, wo der Engpass in der Wertschöpfungskette ist – nicht zwingend bei der Mine. Uran ist ein gutes Beispiel: Der Engpass liegt bei den Anreicherungskapazitäten. Bei Lithium war nie das Problem der Rohstoff selbst, sondern die Verarbeitung. Entscheidend ist daher immer die Frage: Wo liegt der Flaschenhals – und wer profitiert davon?

Dieser Artikel ist Teil des Cash. EXTRA Kritische Rohstoffe. Alle Artikel des EXTRA finden Sie hier.

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