EXTRA Kritische Rohstoffe: Kritisch, strategisch, chancenreich

KI-generiertes Symbolbild

Kritische Rohstoffe sind das Rückgrat von Energiewende, Digitalisierung und Verteidigung. Doch Europas Abhängigkeit von wenigen Liefer- und Verarbeitungsstaaten wächst. Für Anleger eröffnet das Chancen – allerdings nur mit klarem Blick auf Risiken, Wertschöpfungsketten und das passende Investmentvehikel.

Was sind „kritische“ Rohstoffe? Für Tim Bröning, Bröning Investment & Consulting, ist der Begriff klar umrissen: Es gehe weniger um geologische Seltenheit als um Verwundbarkeit – durch geopolitische Abhängigkeiten, konzentrierte Verarbeitung oder regulatorische Hürden. Tatsächlich liegt der Engpass oft nicht in der Mine, sondern in der Weiterverarbeitung. Bei seltenen Erden etwa dominiert China nicht nur die Förderung, sondern vor allem die Aufbereitung.

Die EU versucht gegenzusteuern. Zielmarken wie 25 Prozent Recyclinganteil und maximal 65 Prozent Abhängigkeit von einem Drittland zeigen, dass Brüssel die gesamte Wertschöpfungskette im Blick hat. Doch kurzfristig bleibt Europa verwundbar. Sven Kuhlbrodt von Baker Steel Capital Managers, sieht „für die nächsten zehn bis fünfzehn Jahre ein strukturelles Problem in Europa“. Neue Minen oder Verarbeitungsanlagen aufzubauen, dauere mindestens ein Jahrzehnt.

Silber: Industriemetall mit Defizit

Besonders kontrovers diskutiert wird Silber. Anders als Gold wird es überwiegend industriell verbraucht – etwa in Photovoltaik, Elektromobilität, Medizintechnik oder KI-Rechenzentren. Rund 700 Millionen Unzen fließen jährlich in industrielle Anwendungen, ein erheblicher Teil davon in Solaranlagen. Gleichzeitig wurden in den vergangenen Jahren Lagerbestände abgebaut.

Für Bröning ist klar: „Es wird also zunehmend eng – und trotzdem gilt Silber in der EU nicht als kritischer Rohstoff.“ Studien sehen bis 2030 ein deutliches Angebotsdefizit, getrieben durch Energiewende und Digitalisierung. Substitutionen sind technisch oft schwierig, Recycling bleibt teuer und komplex. Frank Neumann von Aureus Golddepot verweist auf die Praxis: „In einem Verbrenner steckt ungefähr eine Unze Silber. Das Auto geht zur Schrottpresse – wie soll ein Schrotthändler dieses Silber wirtschaftlich herauslösen?“

Für Investoren entsteht daraus ein Spannungsfeld aus strukturellem Defizit und hoher Volatilität. Silber gilt traditionell als „Gold-Turbo“ – schwankungsanfälliger, aber mit höherem Renditepotenzial. Die industrielle Nachfrage rückt jedoch zunehmend als eigenständiger Preistreiber in den Fokus.

Uran und Kupfer: Versorgungssicherheit wird strategisch

Auch Uran gewinnt an Bedeutung. Während Deutschland ausgestiegen ist, setzen viele Länder weiter auf Kernenergie – nicht zuletzt zur Sicherung der Grundlast. Der Markt weist ein strukturelles Defizit auf, zudem liegen zentrale Anreicherungskapazitäten in Russland. Kuhlbrodt wundert sich, „dass die EU Uran nicht als kritischen Rohstoff einstuft – für die nächsten Jahrzehnte ist er das definitiv“.

Kupfer wiederum profitiert von mehreren Megatrends gleichzeitig: Elektromobilität, Netzausbau, Windkraft und Rechenzentren. E-Autos benötigen ein Mehrfaches an Kupfer gegenüber Verbrennern. Neue Großprojekte sind rar, Genehmigungen langwierig. Die Folge: steigende Preise bei begrenzter Angebotsreaktion.

Wie investieren? Physisch, Aktie oder Fonds

Auf Portfolioebene stellt sich die Frage nach dem richtigen Vehikel. Bröning ordnet kritische Rohstoffe eher als Beimischung ein: „In der Portfoliotheorie würde ich kritische Rohstoffe eher als Satellit denn als Core betrachten.“ Minenaktien seien volatil, könnten aber als Renditeturbo dienen – idealerweise kombiniert mit physischem Metall zur Stabilisierung.

Kuhlbrodt sieht gerade im Bergbausektor Chancen für aktives Management: Der Markt sei ineffizient, Spezialwissen könne Alpha generieren. ETFs lieferten Markt-Beta, Fonds böten die Möglichkeit zur gezielten Auswahl von Produzenten, Developern oder Explorern.

Neumann hingegen plädiert für den direkten Weg: „Wer Edelmetalle will, sollte auf physische Metalle setzen.“ Diese vereinten Wertsteigerungspotenzial mit einem gewissen Schutzcharakter und eigneten sich vor allem für langfristige Strategien.

Engpässe als Investmentthese

Einig sind sich alle Diskutanten in einem Punkt: Der Rohstoffmarkt wird politischer. Exportkontrollen, staatliche Abnahmeverträge und strategische Beteiligungen nehmen zu. Entscheidend für Anleger sei daher die Analyse des Flaschenhalses in der Kette. „Die Chancen liegen oft dort, wo der Engpass in der Wertschöpfungskette ist – nicht zwingend bei der Mine“, so Bröning.

In zehn Jahren dürften kritische Rohstoffe noch stärker im Zentrum wirtschaftlicher und geopolitischer Auseinandersetzungen stehen. Für Investoren bedeutet das: strukturelle Nachfrage trifft auf begrenztes Angebot – ein Umfeld mit langfristigem Potenzial, aber ausgeprägten Schwankungen. Wer die Spielregeln kennt, kann davon profitieren.

Dieser Artikel ist Teil des Cash. EXTRA Kritische Rohstoffe. Alle Artikel des EXTRA finden Sie hier.

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