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Geopolitische Spannungen: Wie Portfolios widerstandsfähiger werden

Foto: ChatGPT
Resiliente Portfolios werden immer wichtiger.

Geopolitische Konflikte wirken heute schneller und direkter auf Märkte als früher. Handelsbarrieren, Sanktionen und politische Spannungen erhöhen die Schwankungen in vielen Anlageklassen. Für Berater stellt sich damit die Frage, wie sich Portfolios strukturell robuster aufstellen lassen.

Politisch steht Europa unter Druck. Russland belastet die Sicherheitslage, China nutzt wirtschaftliche Einflussmöglichkeiten, und aus den USA kommen Signale, die uns Europäer verunsichern. Für Anleger:innen resultiert daraus vor allem die Erkenntnis, dass Geopolitik nicht nur die Nachrichtenlage prägt. Auch Handelsbeziehungen, Zölle und Lieferkette, Inflation, Zinsen und Risikoaufschläge können das Portfolio heute viel schneller und direkter destabilisieren, als je zuvor.

Die zentrale Frage lautet daher: Wie lässt sich das geopolitische Risiko so in die Vermögensaufstellung integrieren, um das Portfolio widerstandsfähiger aufzustellen, damit es weniger stark von einzelnen Ereignissen beeinflusst wird?

Warum alte Erfahrungswerte nicht mehr reichen

In der Ära der Globalisierung hat Geopolitik die Preise vieler Anlageklassen oft weniger nachhaltig bewegt, als es Schlagzeilen nahelegten. Tiefe Kapitalmärkte und lockere Geldpolitik konnten Schocks häufig absorbieren; Quantitative Easing und sehr niedrige Zinsen drückten Risikoprämien. Auch private Anlagen waren in dieser Zeit weniger betroffen.

Doch dieser Kontext hat sich verändert. Seit der ersten Trump-Präsidentschaft hat die Trennung zwischen amerikanischem und chinesischem Kapital zugenommen. Handels- und Finanzbeziehungen werden brüchiger, Lieferketten geopolitischer. Unternehmen organisieren Produktion und Beschaffung nicht mehr nur nach Kosten, sondern nach Stabilität und Verlässlichkeit.

Parallel dazu ist der makroökonomische Unterbau fragiler geworden: hohe Schulden, große Defizite, hartnäckige Inflation. Das erhöht die Anfälligkeit für Störungen, zumal wirtschaftspolitische Spielräume jederzeit enger werden können. Wenn in einem solchen Umfeld die Renditen in großen Anleihemärkten anziehen, etwa in den USA und Japan, ist das ein Hinweis darauf, dass Märkte gegenüber geopolitischen Schocks verwundbarer geworden sind.

Das unterschätzte Klumpenrisiko: USA und der US-Dollar

Ein häufig unterschätztes Portfoliothema ist die Dominanz der USA in globalen Aktienindizes. In einigen Benchmarks machen US-Aktien mehr als 65 Prozent aus. Ein „globales“ Aktienengagement ist damit oft stark an die US-amerikanische Wirtschaft, Regulierung und den entsprechenden Aktienmarkt gekoppelt. Hinzu kommt: Die Marktdynamik wird inzwischen von einer kleinen Gruppe sehr großer Unternehmen geprägt, wodurch Konzentrationsrisiken steigen.

Aus dem hohen US-Anteil folgt meist automatisch eine zweite Positionierung: die Dollar-Exponierung. Der US-Dollar war lange ein Stabilitätsanker. In einem Umfeld politischer Unberechenbarkeit kann er jedoch zur Quelle zusätzlicher Schwankungen werden, insbesondere wenn Märkte institutionelle Risiken stärker bewerten. Gleichzeitig liegt der Dollar nahe langfristiger Hochs: Damit ist das Aufwärtspotenzial begrenzt, die Abwärtsrisiken im Stressfall größer.

Wie lässt sich geopolitisches Risiko systematisch in Portfolios abbilden?

Für die Portfolioarbeit hilft es, geopolitische Risiken als Wirkungskette zu betrachten. Direkte Effekte sind Zölle, Sanktionen, Energie- und Rohstoffschocks oder Störungen in den Lieferketten. Daraus können Zweitrundeneffekte entstehen, die Inflation und Wachstum beeinflussen – und damit Zentralbankpolitik, Kreditvergabe, Währungen und Risikoaufschläge. Relevant ist auch, welche Segmente besonders empfindlich reagieren, wenn sich Handels- und Investitionsregeln verschieben.

Aus dieser Logik lassen sich drei Stellhebel ableiten, die Anleger:innen praktisch nutzen können, um ihr Portfolio gegen geopolitische Volatilität abzusichern.

Drei Stellhebel für mehr Robustheit

  1. Sektorallokation: Resilienz wird zum Investitionsthema
    Geopolitische Spannungen verschieben politische Prioritäten und damit Ausgaben sowie Investitionsströme. Verteidigung ist ein naheliegendes Beispiel. Hinzu kommen Cybersecurity und Unternehmen aus dem Umfeld strategischer Rohstoffe, etwa Seltene Erden. Diese Themen finden sich nicht nur in börsennotierten Märkten, sondern auch in privaten Märkten, insbesondere in Venture- und Wachstumskapitalsegmenten.

Für Europa ist außerdem relevant, dass eine Stärkung der Verteidigungs- und Sicherheitsfähigkeit in erheblichem Umfang über private Strukturen umgesetzt wird und auf Bereiche wie Infrastruktur ausstrahlen kann. Anleger:innen sollten deshalb prüfen, ob die sektorale Aufstellung des Portfolios diese Prioritäten abbildet und ob die damit verbundenen Risiken zur eigenen Risikotragfähigkeit passen.

  1. Währungen und Anleihen: Institutionelle Risiken ernst nehmen
    Ein zweiter Ansatz ist ein langfristiger Blick darauf, was geopolitische Risiken mit Währungen und Anleihemärkten machen können, insbesondere, wenn Institutionen an Vertrauen verlieren. Als Beispiel wird häufig die Türkei genannt, wo die Schwächung von Institutionen wie Justiz und Zentralbank Währung und Anleihemarkt belastet hat. Vor diesem Hintergrund achten einige Investoren zunehmend darauf, ob institutionelle Spannungen auch in den USA stärker als Risikofaktor wahrgenommen werden könnten.

Gleichzeitig können einzelne Währungen in Stressphasen stabilisierend wirken. Der Schweizer Franken gilt in vielen geopolitischen Stresssituationen als „sicherer Hafen“. Für Portfolios bedeutet das, dass Währungs- und Zinsrisiken nicht nur Nebenprodukt internationaler Anlagen sind, sondern als eigenständige Risikotreiber aktiv gesteuert werden können.

  1. Hedging-Strategien: US-Konzentration und Dollar-Exposure aktiv steuern
    Die zentrale Rolle der USA in den Finanzmärkten macht bestimmte Risikomanagementschritte plausibler. Wenn US-Aktien in Benchmarks dominieren und der Dollar als Reservewährung eine besondere Stellung hat, kann eine bewusstere Steuerung dieser Exponierungen sinnvoll sein – gerade in einem Umfeld mit disruptiverer Außenpolitik.

Downside-Schutz kann bedeuten, Dollar-Exposure teilweise abzusichern und teure US-Aktienpositionen zu reduzieren. Der Gedanke dahinter ist nicht kurzfristiges Timing, sondern die Frage, wie Portfolios reagieren, wenn die USA skeptischer bewertet werden oder wenn politische Unsicherheit stärker in Risikoprämien einfließt.

Mid-Market-Private-Equity und ausgewählte Real Assets gewinnen an Bedeutung

Zwei Bausteine verdienen in der aktuellen Lage besondere Aufmerksamkeit: Mid-Market-Private-Equity und ausgewählte physische Vermögenswerte wie Infrastruktur und Immobilien. Mid-Market-Strategien bieten Zugang zu Unternehmen, die näher am „realen“ Wirtschaftsgeschehen operieren: mit Nischen, spezialisierter Technologie, regionaler Kundenbasis und – im besten Fall – Preissetzungsmacht. Das kann helfen, weil sich Risiken oft besser über Geschäftsmodelle und Lieferketten steuern lassen als über makroökonomische Prognosen.

Physische Vermögenswerte können in einem Umfeld mit geopolitisch geprägten Investitionsprogrammen profitieren – etwa dort, wo Resilienz und Infrastruktur priorisiert werden. Aber auch hier gilt: selektiv vorgehen. Zins- und Regulierungsrisiken, politische Abhängigkeiten und Cashflow-Qualität sind entscheidend.

Der rote Faden: Resilienz systematisch erhöhen

Geopolitische Entwicklungen lassen sich nicht zuverlässig prognostizieren. Portfolios lassen sich jedoch so strukturieren, dass sie weniger stark von einzelnen Ereignissen abhängen. In der aktuellen Lage kann eine Kombination aus gezielter Sektorallokation, einem bewussteren Umgang mit Währungs- und Zinsrisiken sowie einer ausgewogenen Einbindung privater Märkte dazu beitragen, Risiken breiter zu verteilen. Ziel ist ein Portfolio, das über verschiedene Szenarien hinweg tragfähig bleibt und den eigenen Anlagezielen entspricht.

Autor Mike O’Sullivan ist Chefökonom der Investmentplattform Moonfare.

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