Hellmeyer: „Höhepunkt der EZB-Zinserhöhungen wahrscheinlich schon erreicht“

Foto: Cash. / Stefan Löwer
Folker Hellmeyer: „Mit hoher Wahrscheinlichkeit haben wir den Zins-Peak bereits gesehen.“

Der bekannte Volkswirt Folker Hellmeyer rechnet damit, dass die Europäische Zentralbank (EZB) mit hoher Wahrscheinlichkeit die Zinsen nicht weiter erhöht – oder sonst allenfalls noch geringfügig.

Das sagte er auf der „Kick-Off-Tagung“ des Spezialvertriebs Bit Treuhand am Donnerstag in Frankfurt. Die Wahrscheinlichkeit, dass die EZB keine weitere Zinserhöhung vornimmt, schätze er auf 70 Prozent, sagte Hellmeyer. Mit 30 Prozent Wahrscheinlichkeit käme noch eine Erhöhung um 0,25 Prozentpunkte, „mehr aber nicht“, prognostizierte er.

„Mit hoher Wahrscheinlichkeit haben wir den Zins-Peak bereits gesehen“, so Hellmeyer. In den USA, die in der Entwicklung etwas voraus sind, werde bereits über eine Zinssenkung spekuliert. Die EZB habe später und weniger aggressiv mit den Zinserhöhungen begonnen als die amerikanische Fed, aber ab dem vierten Quartal 2023 oder spätestens im ersten Quartal nächsten Jahres werde auch in Europa das Thema Zinssenkung auf der Tagesordnung stehen, prognostizierte Hellmeyer.

Düsteres Bild der Zukunft Europas

Insgesamt zeichnete er indes ein ziemlich düsteres Bild von der wirtschaftlichen Zukunft Europas und speziell Deutschlands. Durch die hohen Wachstumsraten in den Schwellenländern nehme der Anteil der klassischen Industrienationen an der Weltwirtschaft kontinuierlich ab und werde demnächst die Marke von 30 Prozent unterschreiten.

Zudem verfügen die Schwellenländer – einschließlich Russland – Hellmeyer zufolge über deutlich bessere volkswirtschaftliche Eckdaten, etwa bezüglich Wachstum, Inflationsrate, Entwicklung der Erzeugerpreise und Verschuldungsgrad. Dies erlaube ihnen neue Allianzen, die – anders als in früheren Jahren – wegen der neuen Kräfteverhältnisse auch gegen „den Westen“ gebildet werden können. Das schließe auch Russland ein; dass die Sanktionen nach dem Angriff auf die Ukraine das Land deutlich schwächen würden, sei ein Mythos, so Hellmeyer. Viele Länder würden zudem eine Bevormundung etwa durch eine „wertegeleitete“ Außenpolitik ablehnen.

Subvention des Industrie-Strompreises

In Deutschland mit seiner energieintensiven Industrie kämen die im internationalen Vergleich sehr hohen Energiekosten erschwerend hinzu. Die Politik müsse unbedingt und schnell dafür sorgen, die Industrie-Energiepreise auf ein wettbewerbsfähiges Niveau zu senken. Wenn das nicht passiere, drohe eine massive Abwanderungswelle von Unternehmen, Arbeitslosigkeit und erhebliche Leistungsbilanz-Defizite. „Dann gnade uns Gott“, so Hellmeyer.

Ihn wird vielleicht etwas beruhigen, dass genau diese Einsicht und ein entsprechender Vorschlag am Wochenende aus der Bunderegierung kam. Allerdings von Wirtschaftsminister Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen), für dessen Partei Hellmeyer ansonsten offenbar nicht besonders viel übrig hat. Insbesondere die von ihm – jedenfalls gemessen an den vertretenen Positionen – sonst deutlich stärker favorisierte FDP steht dem Vorhaben einer Subvention des Industrie-Strompreises hingegen sehr skeptisch gegenüber.

Auf der Bit „Kick-off-Tagung“ haben sich am vergangenen Donnerstag rund 200 Vertriebspartner und Vertreter der Anbieter von Sachwertanlagen im Radisson Blue Hotel in Frankfurt getroffen. Hier geht’s zur Bildergalerie.

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