Machtpoker im hohen Norden: Warum Europa in der Arktis kaum mitspielt

Foto: Smarterpix/EVER STOCK
Eine Arktis-Strategie ist in Europa quasi nicht existent.

Der geopolitische Wettlauf um die Arktis gewinnt an Dynamik. Während die Großmächte ihre Interessen offensiv verfolgen, fehlt Europa eine klare Strategie. Eine aktuelle Analyse des FERI Cognitive Finance Institute zeigt, warum der hohe Norden zur neuen Frontlinie globaler Machtpolitik wird.

Donald Trump mag in der vergangenen Woche beim Weltwirtschaftsforum in Davos von seiner Drohung einer Annexion Grönlands abgebracht worden sein und damit in Europa für Erleichterung gesorgt haben. „Der globale Machtpoker um die Arktis ist aber in vollem Gange – und Europa sitzt dabei nur am Kindertisch“, sagt Dr. Heinz-Werner Rapp, Gründer und Leiter des FERI Cognitive Finance Institute, das bereits vor Trumps jüngster Eskalation eine umfassende Analyse zum Kampf um die Arktisveröffentlicht hat*.

Der Konflikt um Grönland hat die Arktis erst jetzt richtig in die breite öffentliche Wahrnehmung gebracht. Dabei ist das Thema schon länger hochbrisant, wurde aber in Europa sträflich vernachlässigt. „Der Klimawandel und das rapide Abtauen des Polareises eröffnen ganz neue Spielräume, die von Staaten wie China und Russland bereits gezielt genutzt werden“, sagt Rapp. Russland profitiere vor allem militärisch und gewinne mehr Bewegungsfreiheit für seine Nordmeerflotte. Für China bedeute die Öffnung der Arktis eine signifikante Verkürzung von Schifffahrtsrouten – aber auch Zugang zu bislang noch unerschlossenen Rohstoffquellen. 

Heinz-Werner Rapp (Foto: FERI)

Auch die USA hätten die geostrategische Bedeutung der Arktis erkannt und versuchten nun massiv, dort Fuß zu fassen, zuletzt mit abstrusen Besitzansprüchen auf Grönland. Rapp zufolge geht es dabei auch um handfeste wirtschaftliche Interessen – getrieben vom Rohstoffhunger der US-Tech-Giganten nach kritischen Metallen. Die neue Nationale Sicherheitsstrategie der USA bezeichne die Arktis als wichtiges Element der US-Sicherheitspolitik, was den aggressiven Kurs gegenüber Dänemark und anderen NATO-Verbündeten erkläre. „Die USA folgen damit auch in der Arktis ihrer neuformulierten Machtpolitik, die sich von der Idee ‚des Westens‘ abwendet und stattdessen am Prinzip neoimperialer Hemisphären ausrichtet“, erläutert Rapp.

Klar sei: Die arktische Region entwickelt sich rasant zur neuen Frontlinie der drei Großmächte USA, Russland und China. „Die Arktis wird damit vom unterschätzten ‚Blindspot‘ zum geopolitischen ‚Hotspot‘“, so Rapp. Aus Sicht Europas zeige sich immer deutlicher: „Der alte Kontinent hat im neuen Konzert der Großmächte keinen Logenplatz mehr.“ Trotz legitimer Interessen der Arktisanrainer Norwegen, Schweden und Finnland verfolge die Europäische Union keine stringente Strategie für die Region. Rapp warnt: „Europa gerät immer stärker in einen geopolitischen Schraubstock. Da neuerdings auch die USA – neben Russland und China – ganz offen europäische Sicherheitsinteressen verletzen, droht eine gefährliche machtpolitische Triangulation.“

Wie der kanadische Premierminister Carney in einer Grundsatzrede auf dem Weltwirtschaftsforum (WEF) klar gemacht habe, sei auf die USA unter Trump kein Verlass mehr. Die Vorstellung einer regel- und wertebasierten Weltordnung, die auch in Europa oft noch vorherrsche, sei als Illusion entlarvt und müsse einer realistischen Sicht weichen. „Mittelmächte wie Europa stehen damit vor akuten Herausforderungen und müssen sich schnellstmöglich besser aufstellen“, fordert Rapp. „Das Szenario einer neuen ‚Weltunordnung‘ zwingt aber auch Unternehmer und professionelle Investoren zu grundlegenden strategischen Reflexionen.“

*Die bereits im Dezember 2025 erschienene Analyse „Kampf um die Arktis – Globaler Wettlauf um Rohstoffe, Macht und strategische Dominanz“ der Bad Homburger Denkfabrik FERI Cognitive Finance Institute untersucht die rapide Transformation der Arktis und gibt tiefe Einblicke in die geopolitischen Implikationen. Die Analyse steht zum Download im Content Center zur Verfügung.

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