EXKLUSIV

Nachhaltigkeit in der Versicherungswirtschaft: „Das Henne-Ei-Problem“

Breitgefächertes Produktportfolio

Allen Unsicherheiten zum Trotz setzen die Gesellschaften beim Thema auf ein breitgefächertes Produktportfolio, insbesondere in betrieblichen und privaten Altersvorsorge. So baut die ALH-Gruppe baut ihr Engagement im Bereich nachhaltiger Vorsorge kontinuierlich aus. Sowohl in der privaten als auch in der betrieblichen Altersvorsorge können Kundinnen und Kunden der Alte Leipziger Leben die ption „VisionGrün“ wählen. Diese sorgt dafür, dass sämtliche Anlagen während der gesamten Vertragslaufzeit ökologische und soziale Merkmale berücksichtigen oder nachhaltige Investitionen als Anlageziel verfolgen. Die nachhaltige Fondspalette umfasst aktuell 78 Fonds gemäß Artikel 8 und 16 Fonds gemäß Artikel 9 der EU-Offenlegungsverordnung.

Für Kundinnen und Kunden, die sich für „VisionGrün“ entscheiden, gelten darüber hinaus besondere Auswahlkriterien. Dafür hat das Unternehmen einen zweistufigen Auswahlfilter entwickelt: Unter „ESG+“ fallen Fondsstrategien, die Investitionen besonders streng nach ökologischen und sozialen Kriterien filtern – etwa durch „Best-in-Class“-Ansätze oder die deutliche Reduzierung von Klimarisiken. Die Kategorie „SDG+“ umfasst Fonds, die sich an den Zielen für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen orientieren. Dazu zählen Fonds, die einen messbaren Beitrag zu den Sustainable Development Goals leisten, über das Engagement der Fondsgesellschaft oder über die Einhaltung der Pariser Klimaziele.

Ratings untermauern Angebote

Auch in der Krankenversicherung setzt die Hallesche auf Nachhaltigkeit und untermauert dies mit einem Nachhaltigkeitsrating. So werden sowohl die Vollversicherung als auch die Budgettarife in der betrieblichen Krankenversicherung regelmäßig durch das Wirkungsrating Nachhaltigkeit von Concern bewertet. In der Sachversicherung setzt die Alte Leipziger Versicherung AG ebenfalls auf Anreize für umweltbewusstes Verhalten. In der Kfz-Haftpflicht- und Kaskoversicherung erhalten Versicherte etwa Nachlässe für Elektro- und Brennstoffzellenfahrzeuge. Zudem fördert das Unternehmen den papierlosen Versicherungsschutz: Wer seine Korrespondenz und den Policenversand auf das elektronische Kundenportal „fin4u“ umstellt, profitiert von einem Preisvorteil bei der Prämie.

Die Stuttgarter bietet bereits seit 2013 mit der „GrüneRente“ ein Vorsorgekonzept, das Nachhaltigkeitsmerkmale fest in der Kapitalanlage verankert, erklärt Produktmanager Göhner. Kundinnen und Kunden können die „GrüneRente“ in allen Produktvarianten optional wählen – sowohl in der privaten als auch in der bAV. Das Unternehmen sichert dabei zu, mindestens in Höhe des Sparanteils beziehungsweise des Guthabens im Sicherungsvermögen in ökologische und soziale Projekte zu investieren. Dazu zählen Anlagen in Wind- und Solarenergie oder die Finanzierung sozial genutzter Immobilien wie Kindertagesstätten und Senioreneinrichtungen.

Bei fondsgebundenen Produkten haben Versicherte die Wahl zwischen Fonds, die ökologische oder soziale Kriterien erfüllen oder nachhaltige Investitionen tätigen. In der Fondsauswahl bietet der Lebensversicherer aktuell 98 Fonds gemäß Artikel 8 und 14 Fonds gemäß Artikel 9 der EU-Offenlegungsverordnung. Die Fonds werden kontinuierlich überprüft und an die Kriterien der GrüneRente sowie an gesetzliche Vorgaben angepasst, so Göhner. ESG-orientierte Fonds müssen die Anforderungen der Transparenz-Verordnung erfüllen. Auch im Bereich Nicht-Leben setzt die Stuttgarter auf Nachhaltigkeitsanreize: Wer beim Radfahren, Skaten oder auf dem E-Tretroller-Fahren einen Helm trägt, erhält im Leistungsfall einen Bonus von 25 Prozent auf die Invaliditätsgrundleistung.

Gleiches gilt bei Unfällen während ehrenamtlicher Tätigkeiten, bei der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel oder als Nothelfer. Wie die Stuttgarter legt auch die SDK legt bei der Kapitalanlage strenge Nachhaltigkeitsmaßstäbe an. Neuinvestitionen erfolgen ausschließlich in Fonds, die mindestens nach Artikel 8 eingestuft sind. Zudem werden alle Fondsbestandteile vor der Investition auf die Einhaltung unternehmenseigener Ausschlusskriterien geprüft. Externe Asset-Manager müssen die UN Principles for Responsible Investment (UN PRI) unterzeichnet haben und die norm- und sektorbasierten Richtlinien der SDK berücksichtigen, erklärt Benjamin Meinhart, Fachreferent Produktmanagement bei dem Krankenversicherer.

Jens Göhner
Jens Göhner: „Nachhaltigkeit ist fester Bestandteil unseres Kapitalanlageprozesses – zugleich schließen wir Kategorien aus, die unseren ethischen Grundsätzen widersprechen.“

Während die SDK keine speziell „grünen“ Krankenversicherungsprodukte anbietet, wurde ihr Versorgungskonzept „Gesundheit der Wirtschaft und Industrie (VGWI)“ mehrfach für Nachhaltigkeit ausgezeichnet. Das Konzept unterstützt Unternehmen und Beschäftigte durch umfassende Gesundheits- und Serviceleistungen – von digitaler Arztberatung über Facharztvermittlung bis hin zu Unterstützung bei Pflegefällen oder der Suche nach Betreuungsangeboten. So fördert die SDK ein nachhaltiges betriebliches Gesundheitsmanagement über reine Versicherungsleistungen hinaus.

Nachhaltigkeit ist ein zentraler Unternehmenswert

Auch die BarmeniaGothaer verankert Nachhaltigkeit konsequent in allen Geschäftsbereichen: „Mit der Entwicklung unserer neuen Unternehmensstrategie positioniert sich die BarmeniaGothaer klar. Nachhaltigkeit ist nicht nur ein Baustein, sondern zentraler Unternehmenswert“, erklärt Svetlana Thaller-Honold, Bereichsleiterin Nachhaltigkeitsmanagement. „Alle Produktgruppen – Leben, Schaden und Unfall sowie Kranken – sind in die Nachhaltigkeitsziele eingebunden“, sagt Thaller-Honold. Im Fokus stehe die Integration ökologischer und sozialer Aspekte in das Kerngeschäft, so die Expertin. Das geschieht sowohl durch ESG-Strategien in der Kapitalanlage als auch durch Versicherungs- und Investmentlösungen, die nachhaltiges Handeln fördern. Produkte und Services sollen Privat- wie Geschäftskunden dabei unterstützen, eine nachhaltige Wirtschaftsweise und einen präventiven Lebensstil umzusetzen.

In der Lebensversicherung bietet der Versicherer nachhaltige Anlageoptionen in allen Produkten an. Im Neugeschäft wurden diese bis 2022 vollständig integriert, im Bestandsgeschäft stehen sie seit 2024 in jeder Fondskategorie zur Verfügung. Sowohl in der privaten als auch in der betrieblichen Altersvorsorge sind nachhaltige Investmentlösungen gemäß Artikel 8 der EU-Offenlegungsverordnung im Standard vorgesehen. Damit soll Kundinnen und Kunden der Zugang zu verantwortungsbewussten Kapitalanlagen erleichtert werden – ein Beitrag dazu, ESG-Kriterien stärker in der Altersvorsorge zu verankern. Bei der Fondsauswahl setzt die Gothaer auf klare Nachhaltigkeitskriterien. In den Produkten der ersten Schicht stehen 41 Fonds gemäß Artikel 8 und 9 zur Verfügung, in den Schicht-3-Produkten sind es 76.

Auch im Biometrie-Leadprodukt werden ausschließlich nachhaltige Fonds angeboten – insgesamt entspricht das einem Anteil von rund 82 Prozent der gesamten Fondspalette. In der Schaden- und Unfallversicherung verfolgt der Versicherer den Ansatz, finanzielle Stabilität und soziale Sicherheit zu fördern. Versicherungsprodukte schützen vor Risiken wie Naturkatastrophen, Unfällen oder Haftpflichtansprüchen und tragen so zur gesellschaftlichen Resilienz bei, erklärt Thaller-Honold. Bis 2023 wurden in allen Sparten nachhaltigkeitsfördernde Deckungsbausteine eingeführt. Darüber hinaus arbeitet die Gothaer an einer vollständig nachhaltigen und klimaneutralen Schadenbearbeitung. Auch in der Krankenversicherung steht Nachhaltigkeit im Fokus, sagt Thaller-Honold. So hat die BarmeniaGothaer in ihren Tarifen Angebote zur Gesunderhaltung verankert, die Prävention und Chancengleichheit im Gesundheitswesen fördern. „Damit leisten sie einen Beitrag zu den Zielen der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung, insbesondere zu SDG 3 „Gesundheit und Wohlergehen“, betont die Nachhaltigkeitsexpertin.

Der nachhaltige Wandel in der Kapitalanlage zählt zu den zentralen ESG-Hebel der Branche. „Nachhaltigkeit ist fester Bestandteil unseres Kapitalanlageprozesses“, sagt Göhner. Im Rahmen der Grüne Rente investiert das Unternehmen gezielt in ökologische und soziale Projekte – von Windparks bis zu Sozialimmobilien. „Zugleich schließen wir Kategorien aus, die unseren ethischen Grundsätzen widersprechen – insbesondere Investitionen in kontroverse oder geächtete Waffen.“ Auch die SDK verfolgt einen konsequenten Nachhaltigkeitsansatz: „Wir schließen Investitionen in nicht nachhaltige, umweltschädliche oder ethisch problematische Unternehmen oder Staaten aus“, betont Meinhart. Neue Investments müssen mindestens den Anforderungen nach Artikel 8 der EU-Offenlegungsverordnung entsprechen. Umfassend zeigt sich auch der Ansatz der BarmeniaGothaer.

„Wir verfolgen für unseren gesamten Kapitalanlagenbestand anlageklassenspezifische ESG-Strategien. Diese reichen von Ausschlusskriterien für besonders schwerwiegende Themen über die gezielte Auswahl von Emittenten unter Berücksichtigung ihrer Nachhaltigkeitsstrategien bis hin zum aktiven Dialog mit Unternehmen und externen Asset Managern“, erklärt Thaller-Honold. Zudem engagiert sich die Gruppe mit gezielten Impact- und Themeninvestitionen für die Transformation der Realwirtschaft. „Unser Ziel ist es, bis Ende 2029 insgesamt zwei Milliarden Euro an entsprechenden Neuinvestitionen zu tätigen.“ Bei der Bewertung von Energieunternehmen orientiert sich die Gruppe an den wissenschaftlichen Grundlagen des Weltklimarats (IPCC) und nutzt als Mitglied der Net Zero Asset Owner Alliance deren Rahmenwerk für wissenschaftsbasierte Klimastrategien. „Wir sind überzeugt, dass die Dekarbonisierung der Wirtschaft ein zentraler Erfolgsfaktor und zugleich Grundlage für neue, zukunftsfähige Geschäftsmodelle ist“, sagt Thaller-Honold.

Forderung: Orientierung statt Komplexität

Auch bei der ALH-Gruppe gelten ebenfalls strenge Nachhaltigkeitsvorgaben. „Wir haben spezifische ESG-Anforderungen für jede Anlageklasse definiert. Emittenten, die diese nicht erfüllen, schließen wir aus“, erklärt Vertriebsvorstand Kettnaker. Investiert werde bevorzugt dort, wo hohe ESG-Standards erfüllt werden.

Frank Kettnacker
Frank Kettnacker: „Für die meisten Privatkunden spielt der Faktor Nachhaltigkeit allerdings eine untergeordnete Rolle bei der Altersvorsorge. Höchste Priorität hat dabei immer noch der Faktor Sicherheit, dicht gefolgt von den Renditechancen.“ / Foto: ALH

Zudem übt die ALH über Stimmrechte in Zusammenarbeit mit Partnern wie Columbia Threadneedle aktiv Einfluss auf Unternehmen aus. Gleichzeitig mahnt Kettnaker Augenmaß an: „Die regulatorischen Auflagen binden unverhältnismäßig viele Ressourcen – insbesondere in der CSRD-Berichterstattung. Es ist unwahrscheinlich, dass der Endkunde einen über 100 Seiten langen Bericht liest.“ Die Branche brauche klare und praxisnahe Regeln, „die Orientierung schaffen statt Komplexität.“

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