Indien und die USA sind die beiden größten Demokratien der Welt. Jeder fünfte Mensch auf der Welt lebt in einem der beiden Länder. Was die Entwicklung in Sachen Nachhaltigkeit angeht, sind die beiden globalen Wirtschaftsmächte allerdings in völlig unterschiedlichen Richtungen unterwegs.
Diese Schlussfolgerung fußt auf dem Länderbewertungsmodell von DPAM, aus dem sich im Abstand von sechs Monaten ein aktuelles Nachhaltigkeitsranking von Staaten ergibt. Dieses Ranking gibt es in zwei Varianten – einer für Industriestaaten/OECD-Mitgliedstaaten und einer für Schwellenländer. In der jetzigen Ausgabe des Rankings von OECD-Staaten gehen die ersten fünf Plätze an Skandinavien; Deutschland liegt auf Platz 13. Die USA rutschten unter den fünf Plätze ab – auf Rang 34.
USA: Umwelt-Kehrtwenden und hohe Ungleichheit
Im Bereich „Bevölkerung, Gesundheitsversorgung und Vermögensverteilung“ des Rankings bilden die Gesundheitsergebnisse neben den Governance-Indikatoren einen der schwächsten Leistungsbereiche der USA ab. Obwohl das Land mit etwa 17 % einen höheren Anteil seiner Wirtschaftsleitung für die Gesundheitsversorgung ausgibt als jedes andere OECD-Mitglied, verzeichnet es die sechsthöchste Säuglings- und die fünfthöchste Müttersterblichkeit in der Gruppe. Diese deutet auf ein ineffizientes System hin, mit fragmentierten Versicherungen, fehlender allgemeiner Krankenversicherung und ungleichem Zugang zu Vorsorge- und Grundversorgung. Die USA zählen außerdem zu den besonders ungleichen Volkswirtschaften der OECD, in der zudem erschwinglicher Wohnraum teilweise schwer zu finden ist.
Im Bereich „Transparenz und demokratische Werte” des Rankings liegen die USA in Bezug auf Transparenz, Vertrauen in Institutionen und demokratische Regierungsführung im vierten Quartil. Die verfassungsrechtlichen Grundlagen sind solide, aber das Vertrauen der Öffentlichkeit in Regierung und Medien hat erheblich nachgelassen. Die Pressefreiheit erreicht inzwischen einen historischen Tiefstand. Das Land rangiert in Bezug auf die Medienfreiheit unter den letzten zehn OECD-Ländern, was auf Fehlinformationen und zunehmende Einschränkungen der Presse zurückzuführen ist. Jüngste Ereignisse, wie die Aufhebung des Zugangs zum Pentagon für große Nachrichtenagenturen, werfen Bedenken hinsichtlich der Transparenz der Regierung und des Schutzes der Rechte aus dem Ersten Verfassungszusatz auf. Weitergehende Herausforderungen ergeben sich bei Inklusion und Gleichbehandlung, von denen insbesondere Wanderarbeitnehmer und -gemeinschaften betroffen sind.
Im Bereich „Umwelt“ fielen die USA von Platz 20 im zweiten Halbjahr 2024 auf Platz 26. Zwar hat das Land Fortschritte bei der Entkopplung von Umweltbelastungen und Wirtschaftswachstum erzielt, doch haben die jüngsten politischen Kehrtwenden die institutionellen Grundlagen für Umweltgerechtigkeit geschwächt. Der Abbau von Elementen des föderalen Rahmens für Umweltgerechtigkeit und die Rücknahme von Klimainitiativen haben zu Unsicherheit hinsichtlich der längerfristigen Umweltfortschritte geführt.
Im Bereich „Bildung und Innovation“ schneiden die USA gut ab. Das Land gehört zu den acht besten OECD-Mitgliedern in Bezug auf den Anteil der Hochschulabsolventen und die Bildungsausgaben. Mit Investitionen von 3,6 % des Bruttoinlandsprodukts in Forschung und Entwicklung ist das Land weiterhin globaler Innovationsführer. Allerdings bestehen Bildungsungleichheiten und Finanzierungsunterschiede, und die jüngsten Änderungen in der Einwanderungspolitik verunsichern internationale Studierende, die zum Innovationsökosystem der USA beitragen.
Indien: Demografische Faktoren verbessert
Im Gegensatz zu den USA ist die ESG-Bewertung Indiens zuletzt stetig gestiegen. Das Land ist in der Schwellenländer-Variante des Rankings zum ersten Mal im dritten Quartil vertreten. Unter den „Emerging Markets“ liegen Chile, die Tschechische Republik, Polen, Uruguay und Costa Rica ganz vorne.
Im Rahmen der Säule „Bevölkerung, Gesundheitsversorgung und Vermögensverteilung” hat Indien erhebliche Fortschritte bei der Verbesserung der demografischen Indikatoren, dem Abbau der Arbeitslosigkeit und der Verringerung der Einkommensungleichheit erzielt. Die Gesamtarbeitslosenquote ist zurückgegangen, und das Land steht unter seinen Vergleichsländern inzwischen an erster Stelle beim Thema Ungleichheit. Der Anteil der Menschen, die unterhalb der internationalen Extremarmutsgrenze leben, ist stark zurückgegangen. Diese Zahlen könnten jedoch die anhaltenden strukturellen Herausforderungen wie informelle Beschäftigung und regionale Ungleichheiten unterschätzen.
Indiens Umweltbilanz bleibt gemischt. Das Gesamtprofil des Landes in Bezug auf Energie und Emissionen ist geprägt von der anhaltenden Abhängigkeit von Kohle. Das schwarze Gold macht etwa 46 % der gesamten Energieversorgung aus. Obwohl Indiens Pro-Kopf-CO2-Emissionen im globalen Vergleich relativ niedrig sind, ist das Land mittlerweile der drittgrößte Emittent weltweit. Positiv zu vermerken ist, dass Indien seine Kapazitäten im Bereich der erneuerbaren Energien in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht hat. Weiteres Wachstum ist erforderlich, um die ehrgeizigen Ziele für 2030 zu erreichen.
Im Bereich „Bildung“ hat Indien Fortschritte beim Zugang und bei den Einschulungszahlen erzielt, mit einem nahezu universellen Zugang zur Grundschulbildung und steigenden Einschulungszahlen im Sekundar- und Tertiärbereich. Die Lernergebnisse und Abschlussquoten geben jedoch weiterhin Anlass zur Sorge, insbesondere über die Sekundarstufe I hinaus.
Was die Säule „Transparenz und demokratische Werte” betrifft, so zeichnen die Governance-Indikatoren ein schwierigeres Bild als der wirtschaftliche und soziale Fortschritt Indiens. Das Land verfügt zwar über einen lebendigen demokratischen Rahmen mit regelmäßigen Wahlen und einer aktiven Zivilgesellschaft, sieht sich jedoch weiterhin mit erheblichen Mängeln in der Regierungsführung und Einschränkungen der Grundfreiheiten konfrontiert. Indien bleibt mehreren wichtigen internationalen Rechts- und Abrüstungsrahmenwerken fern, wie dem Römischen Statut des Internationalen Strafgerichtshofs und dem Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen. Auch die Pressefreiheit ist unter Druck geraten: Im Weltindex der Pressefreiheit 2024 liegt Indien auf Platz 159 von 180 Ländern, was strukturelle und politische Herausforderungen widerspiegelt.
Nachhaltigkeitsbewertung als Investmentkriterium
DPAM ist seit 2007 ein Pionier bei der Bewertung der Nachhaltigkeit von Ländern. Das firmeneigene Modell basiert sowohl für OECD-Länder als auch für Schwellenländer auf den für die USA und Indien beschriebenen vier wesentlichen Faktoren. Diese werden wiederum anhand verschiedener Kriterien und Indikatoren bewertet. Das Modell wird zweimal jährlich überprüft und angepasst. Die resultierenden Rankings bilden die Grundlage für den DPAM-eigenen Investmentansatz. Dabei gibt es ein klares Ausschlusskriterium: Autoritäre und unfreie Länder kommen für Investitionen nicht in Frage.
Die Autorinnen Julie Gossen und Lina Arrifi sind Spezialistinnen für verantwortungsbewusstes Investment bei DPAM.












