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Ratingagenturen im Stresstest: Wenn Politik zur Bonitätsfrage wird

Foto: Assekurata
Abulkadir Cebi, Assekurata

Während die Börsen politische Spannungen oft ausblenden, geraten Ratingagenturen zunehmend unter Druck. Governance-Risiken, institutionelle Stabilität und fiskalische Disziplin rücken stärker in den Fokus. Welche Folgen das für Staaten und Versicherer hat, zeigt ein genauer Blick. Ein Kommentar von Abdulkadir Cebi, Assekurata

Die erstaunliche Gelassenheit der Börsen gegenüber politischen Strukturbrüchen verdeckt, wo realer Druck tatsächlich entsteht: im Ratingprozess.

Während Aktienmärkte kurzfristig Liquidität, Wachstum und Gewinne bewerten, schauen Ratingagenturen nüchtern auf institutionelle Stabilität, Rechtsstaatlichkeit und die Verlässlichkeit wirtschaftspolitischer Regeln. Der zunehmende politische Druck auf die Fed, geopolitische Alleingänge und die bewusste Relativierung internationaler Ordnung erhöhen damit den strukturellen Stress für die US-Bonität – auch wenn sich das nicht sofort in Kursen widerspiegelt.


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Ein aufschlussreicher Beleg war Donald Trumps Reaktion auf die jüngste Herabstufung der US-Kreditwürdigkeit im Mai 2025. Statt die zugrunde liegenden Governance- und Fiskalrisiken einzuordnen, griff er die Ratingentscheidung öffentlich an und diskreditierte die Absender. Genau hier liegt die Bewährungsprobe: Ratingagenturen müssen realen Marktdruck und massiven politischen Druck aushalten – auch und gerade die US-amerikanischen.

Wie konsequent diese Logik angewendet wird, zeigen die Herabstufungen der Fitch- und S&P-Ratings beziehungsweise der negative Ausblick von Moody’s für Frankreich im Herbst 2025. Frankreich wird nicht wegen akuter Finanzierungsprobleme kritisiert, sondern wegen strukturell hoher Defizite, politischer Fragmentierung und begrenzter Reformfähigkeit. Entscheidend ist die nachlassende Glaubwürdigkeit institutioneller Steuerung. Überträgt man diese Maßstäbe auf die USA, wird die Brisanz deutlich. Auch dort treffen hohe strukturelle Defizite auf politische Blockaden. Hinzu kommt jedoch ein qualitativer Unterschied: die offene politische Infragestellung zentraler Institutionen – von der Notenbank bis zu unabhängigen Behörden – sowie der direkte Angriff auf Ratingentscheidungen selbst. Was bei Frankreich als negativer Ausblick formuliert wird, ist in den USA bereits sichtbares Governance-Risiko.

Aus Sicht der Versicherungsanalyse ist diese Entwicklung alles andere als abstrakt. Auch wenn Assekurata keine Länderratings erstellt, stehen Versicherer mit ihren Kapitalanlagen, Garantien und Solvenzquoten unmittelbar im Wirkungsbereich staatlicher Bonitäts- und Governance-Risiken. Staatsanleihen bilden zentrale Anker in vielen Portfolios. Steigende politische Risiken, institutionelle Erosion oder erhöhte Refinanzierungskosten wirken sich damit direkt auf Bewertung, Wiederanlage und Risikotragfähigkeit aus. Ratinglogik endet nicht beim Staat – sie setzt sich im Geschäftsmodell der Versicherer fort.

Hier liegt zugleich ein Hebel für Europa. Europäische Ratingansätze, traditionell stärker governance- und institutionenorientiert, können solche Risiken sachlich und konsistent abbilden – nicht aus Moral, sondern aus Bonitätslogik. Wer die Unabhängigkeit von Institutionen oder multilaterale Bündnisse infrage stellt, erhöht mittelfristig seine Refinanzierungskosten.

Ein militärischer Konflikt, beispielsweise um Grönland, eine Verschärfung der aktuellen Diskussion über Eingriffe ins Wahlrecht oder ganz konkret die Rücknahme der Vorgaben für den Klimaschutz in den Vereinigten Staaten, und damit einhergehend die erhöhten Risiken, die aus Sicht der ESMA von Rating-Agenturen berücksichtigt werden müssen, wären keine nebensächlichen politischen Themen. Vielmehr würden sie klare Auslöser für ein Downgrade darstellen: Dazu gehören die Erosion der NATO, wirtschaftliche Sanktionen, Vertrauensverlust und steigende US-Zinsen. Solche Entwicklungen würden einen realen Druck auf die Märkte ausüben, dem sich kein Rating entziehen könnte.

Fazit: Märkte können politische Risiken lange ignorieren. Ratings können und dürfen das nicht. Glaubwürdigkeit entsteht dort, wo Bonitätsurteile auch unter politischem Gegenwind Bestand haben.

Abdulkadir Cebi ist Bereichsleiter bei der Assekurata Rating-Agentur GmbH

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