Stillstand, Lockerung, Kehrtwende: So unterschiedlich handeln die Notenbanken

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Roger Rüegg, Leiter Multi-Asset-Solutions bei Swisscanto/ZKB

Die großen Zentralbanken steuern derzeit nicht in dieselbe Richtung. Während einige Institute abwarten, lockern andere weiter oder schlagen einen neuen Kurs ein. Hinzu kommen geopolitische Risiken, die Ölpreise, Inflation und Zinserwartungen zugleich bewegen.

Die Geldpolitik bewegt sich derzeit nicht in einem einheitlichen Takt. Zusätzlich sorgt die geopolitische Lage mit ihren Folgen für Ölpreise, Inflation und Zinserwartungen für Unsicherheit. Umso wichtiger ist es, die sehr unterschiedlichen Ausgangslagen der einzelnen Zentralbanken genauer zu betrachten. Das sind unsere Erwartungen für die geldpolitischen Sitzungen dieser Woche.

Unverändert: Schweiz, Eurozone und Kanada 


Die Schweizerische Nationalbank (SNB), die Europäische Zentralbank (EZB) und die Bank of Canada (CBC) haben den während der Covid-Pandemie begonnenen Zinserhöhungszyklus ab 2024 wieder zurückgedreht. Das wird sich diese Woche trotz der steigenden der Energiepreise nicht ändern. Denn diese könnten in Kürze auch wieder fallen.

Allmähliche Lockerung: USA, Großbritannien und Schwellenländer 


Mit nach wie vor knapp 4,0 Prozent liegen die Leitzinsen in den USA und Großbritannien rund 150 Basispunkte (BP) unter ihrem Höchststand, den wir während der restriktiven Phase der Geldpolitik im Jahr 2024 gesehen haben. Die Inflation ist aber deutlich stärker gesunken, in den USA um 700 BP auf 2,4 Prozent. 

Diese Woche sind die konjunkturellen und geopolitischen Unsicherheiten für eine weitere Zinssenkung der US-Notenbank Fed noch zu groß. Jedoch kam es im vergangenen Februar zu einem Beschäftigungsrückgang, und der Arbeitsmarkt schwächt sich allmählich ab. Außerdem sinkt die Serviceinflation. Deswegen gehen wir davon aus, dass es in diesem Jahr wahrscheinlich zu zwei Zinssenkungen auf knapp 3,0 Prozent kommt. 


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Ferner sind die Schwellenländer zu beachten. In vielen dieser Regionen sind die Realzinsen sehr hoch – in Brasilien liegen sie beispielsweise bei 10,0 Prozent – und die Notenbanken setzen ihre Zinssenkungen fort.

Kehrtwende: Japan und Australien


Diese beiden Länder starten aus völlig unterschiedlichen Ausgangslagen: Japan versucht eine sanfte Normalisierung der ultralockeren Geldpolitik, auch unter der neuen ausgabefreudigen Regierung. Wir prognostizieren hier einen marginalen Anstieg der Leitzinsen auf 1,0 Prozent. 

Australien befindet sich hingegen auf dem Zinsgipfel. Mit der heutigen Zinsanhebung auf 4,1 Prozent dürfte dies nun die letzte Zinserhöhung gewesen sein.

Unterstützung in Krisenzeiten


Die jüngere Vergangenheit hat mehrfach gezeigt, dass Zentralbanken in Phasen finanzieller Turbulenzen schnell bereit sind, stabilisierend einzugreifen. Ein prägnantes Beispiel dafür war die Krise um die kalifornische Silicon Valley Bank im Jahr 2023: Nach deren Zusammenbruch reagierten die US-Behörden und die Federal Reserve zügig mit Maßnahmen zur Beruhigung des Finanzsystems und zur Sicherung der Liquidität. Das unterstrich, dass Zentralbanken auch dann unterstützend eingreifen können, wenn sie an ihrem grundsätzlichen geldpolitischen Kurs zunächst festhalten.

Aktuell richtet sich der Blick vor allem auf einzelne Risikobereiche im Private-Credit-Segment. Diese dürften den übergeordneten Zinskurs zwar vorerst kaum verändern, könnten aber durchaus Anlass für eine großzügigere Liquiditätsversorgung geben.

Autor Roger Rüegg ist Leiter Multi-Asset-Solutions bei Swisscanto/ZKB.

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