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„Subsidiarität statt Substitution“ – Signal-Iduna-Chef warnt vor Fehlanreizen in der Altersvorsorgereform

Foto: Signal Iduna
Torsten Uhlig, Vorstandsvorsitzender Signal Iduna

Signal Iduna-Chef Torsten Uhlig sieht in der geplanten Altersvorsorgereform erhebliche Risiken für Wettbewerb, Beratung und Vertrieb. Er fordert weniger staatliche Verdrängung und mehr Verlässlichkeit. Entscheidend sei, ob die Reform Menschen tatsächlich zu mehr Vorsorge bewegt.

Neun Monate nach Amtsantritt positioniert sich Torsten Uhlig klar: Beim Gespräch mit ausgewählten Journalisten nutzt der neue Signal Iduna-Chef die Bühne unter anderem für eine klare Einordnung der Altersvorsorgereform. Im Fokus: Vorsorgedepot, Staatsfonds und die Zukunft von Lebensversicherung und Vertrieb. Uhlig spricht offen über Risiken, Fehlanreize – und die Frage, ob der Staat die richtigen Weichen stellt.

„Subsidiarität statt Substitution“, betonte der Vorstandsvorsitzende der Signal Iduna Versicherungsgruppe gleich zu Beginn. Der Staat dürfe Eigenverantwortung nicht verdrängen, sondern müsse sie stärken. Gleichzeitig gelte: „Verlässlichkeit schlägt Willkür.“ Gerade in Zeiten wachsender Unsicherheit liege darin eine große Chance für die Versicherungswirtschaft, deren Geschäftsmodell auf Langfristigkeit und Vertrauen basiere.

Doch wird die geplante Reform der privaten Altersvorsorge diesem Anspruch gerecht? Oder droht vielmehr eine Verschiebung hin zu mehr Staat und weniger individueller Verantwortung? Uhlig ließ keinen Zweifel daran, dass er Reformbedarf sieht. Die geförderte Altersvorsorge sei „mehr als reformbedürftig“ gewesen. Gleichzeitig fragte er kritisch, ob notwendige Anpassungen nicht längst hätten erfolgen können. Die politisch gewollten 100-Prozent-Garantien hätten Renditechancen begrenzt und das System unnötig verkompliziert. „Das ist im Grunde so, als würde man jemandem Gummibänder zwischen die Beine binden und ihn dann auf die 100 Meter schicken“, sagte er pointiert.

Tabula rasa als richtiger Weg?

Aber rechtfertigt das einen radikalen Neustart? Oder wäre eine gezielte Weiterentwicklung sinnvoller gewesen? Für Uhlig ist die Antwort klar: „Jetzt alles komplett abzuräumen und Tabula rasa zu machen, halte ich für den falschen Weg.“ Stattdessen plädiert er für eine Vereinfachung der Förderung, eine Ausweitung des Kreises der Berechtigten – etwa auf Selbstständige – und eine stärkere Fokussierung auf die entscheidende Frage: Führt das Gesetz tatsächlich dazu, dass Menschen mehr vorsorgen?

Hier zeigt sich Uhlig skeptisch. Schon heute liege der durchschnittliche Beitrag zur privaten Altersvorsorge bei unter 100 Euro monatlich. Wird ein höherer Förderbetrag dieses Verhalten wirklich verändern? „Ich habe da meine Zweifel“, so Uhlig. Gerade vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Unsicherheiten.


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Besonders kritisch sieht der Signal Iduna-Chef zentrale Elemente der Reform. Etwa den vorgesehenen Beratungsverzicht. Kann ein so komplexes Thema wie Altersvorsorge tatsächlich ohne Beratung funktionieren? Uhlig widerspricht klar: „Das halte ich persönlich für problematisch und dem Thema nicht angemessen.“ Es passe nicht zusammen, dass die Aufsicht bei einfachen Produkten Beratungsverzicht kritisiere, während er bei deutlich komplexeren Vorsorgelösungen akzeptiert werden solle.

Auch die stärkere Kapitalmarktintegration bewertet er kritisch. Grundsätzlich sei die Beteiligung am Produktivvermögen sinnvoll: Aber muss staatlich gefördertes Kapital zwangsläufig in globale Indizes wie den MSCI World fließen? „Warum wird nicht stärker darüber nachgedacht, Kapital gezielt in Europa oder Infrastruktur zu lenken“, fragte Uhlig.

Die BaFin hat Fragen zum Geschäftsmodell

Ein besonders sensibler Punkt ist für ihn die Rolle des Staates. Ist es richtig, dass dieser gleichzeitig Regeln setzt, als Anbieter auftritt und den Wettbewerb mitgestaltet? Uhlig hält das für „unangemessen“. Der staatliche Fonds werde – trotz fehlender Garantien – von vielen Bürgern als sicherer wahrgenommen, allein weil „der Staat dahinter ist“. Dieser Vertrauensvorschuss könne den Wettbewerb verzerren.

Doch nicht nur aus Sicht der Versicherer wirft die Reform Fragen auf. Auch die Aufsicht schaut genau hin. So berichtete Uhlig von einem Treffen im GDV, bei dem Julia Wiens, Exekutivdirektorin für Versicherungs- und Pensionsfondsaufsicht bei der BaFin, zentrale Fragen in die Runde stellte. Wie tragfähig sind die Geschäftsmodelle der Lebensversicherer künftig? Wie robust sind ihre Strategien im Lichte der Reform? Und welche Auswirkungen ergeben sich, wenn sich Kundenströme massiv verschieben? „Wie ist denn Ihre Lebensstrategie?“, habe Wiens die anwesenden Vorstände gefragt – eine scheinbar einfache, aber in ihrer Tragweite grundlegende Frage. Denn dahinter steht letztlich die Sorge: Was passiert mit einem Geschäftsmodell, wenn zentrale Produktkategorien unter Druck geraten?

Auch mit Blick auf bestehende Bestände – etwa Riester-Verträge – wächst die Aufmerksamkeit der Aufsicht. Drohen hier Abwanderungsbewegungen? Und welche Folgen hätte das für Anbieter mit hohen Beständen? Uhlig machte deutlich, dass man sich bei Signal Iduna intensiv mit solchen Szenarien beschäftige – auch im Risikomanagement.

Wendepunkt für die Branche?

Die Diskussion zeigt: Die Reform ist nicht nur ein politisches Projekt, sondern ein möglicher Wendepunkt für die Branche. Für den Vertrieb stellt sich dabei eine zentrale Frage: Muss er sich grundlegend neu erfinden? Uhlig geht davon aus, dass sich Makler stärker in Richtung Vermögensberatung entwickeln werden. Der Fokus verschiebe sich vom klassischen Produktverkauf hin zur Begleitung von Sparprozessen. „Der Makler wird sich überlegen, wie er den Sparbeitrag des Kunden begleitet“, sagte er.

Doch wie sieht dieses Geschäftsmodell künftig aus? Sind klassische Abschlussprovisionen noch zeitgemäß? Uhlig äußerte sich deutlich: Wenn die Branche langfristig relevant bleiben wolle, müsse sie ihre Vergütungsmodelle überdenken. Ziel sei eine laufende Vergütung, die sowohl für Kunden akzeptabel sei als auch für Vermittler tragfähig bleibe.

Ein weiteres Spannungsfeld: der Umgang mit bestehenden Riester-Verträgen. Wird die Reform zu einer Kündigungswelle führen? Uhlig rechnet zumindest mit verstärkter Bewegung. Medienkampagnen könnten Kunden zum Wechsel animieren – oft mit wenigen Klicks. Signal Iduna habe deshalb bereits Maßnahmen ergriffen, um Kunden gezielt anzusprechen und im Bestand zu halten.

Doch lässt sich diese Entwicklung aufhalten? Oder wird das neue Standardprodukt mit Kostendeckel und digitalem Zugang zum dominierenden Modell? Und geraten klassische Lebensversicherungsprodukte dadurch unter Druck? Uhlig sieht hier zumindest eine „kritische Phase“. Besonders für reine Lebensversicherer könne die Entwicklung herausfordernd werden.

Signal Iduna sieht sich gut aufgestellt

Strategisch sieht sich Signal Iduna dennoch gut aufgestellt. Bereits vor zwei Jahren habe man begonnen, Altersvorsorgelösungen jenseits der klassischen Lebensversicherung aufzubauen. Über die eigene Asset-Management-Gesellschaft könne man flexibel auf neue Marktstrukturen reagieren. Entscheidend bleibe jedoch eine andere Frage: Wer hat den Kundenzugang? Wo besteht Vertrauen? „Dort wird der Altersvorsorge-Sparprozess stattfinden“, so Uhlig. Ob beim Makler, Vertreter oder Bankberater – wer Vertrauen genießt, wird auch künftig eine zentrale Rolle spielen.

Und welche Rolle spielt die Versicherungswirtschaft insgesamt in einem zunehmend unsicheren Umfeld? Wird sie als Stabilitätsanker wahrgenommen – oder verlieren andere Anbieter an Attraktivität? Uhlig sieht hier eher Chancen: „Die Versicherungswirtschaft ist ein Stabilitätsanker.“ Langfristigkeit und Verlässlichkeit seien zentrale Differenzierungsmerkmale gegenüber neuen Marktteilnehmern wie Neobrokern.

Lebensversicherer am Scheideweg

Gleichzeitig bleibt die Herausforderung groß. Die Branche steht vor einem tiefgreifenden Wandel – technologisch, regulatorisch und strukturell. Oder, wie Uhlig es selbst formulierte: „Wir stehen an einem Scheideweg.“ Ob Versicherer künftig als Problemlöser wahrgenommen werden oder an Bedeutung verlieren, hängt maßgeblich davon ab, wie sie auf diese Veränderungen reagieren – und ob sie Antworten auf die Fragen finden, die nicht nur Politik und Markt, sondern zunehmend auch die Aufsicht stellt.

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