Tesla erlebt einen Einschnitt, wie ihn das Unternehmen seit dem Börsengang nicht kannte. Im Jahr 2025 verzeichnete der Konzern erstmals einen Umsatzrückgang auf Jahresbasis. Die Auslieferungen schwächeln, der Preisdruck steigt und Wettbewerber wie BYD gewinnen Marktanteile. Nach klassischen Maßstäben wäre das ein Warnsignal für Investoren.
An der Börse bleibt die Reaktion jedoch verhalten. Stattdessen rückt eine neue Erzählung in den Mittelpunkt: Tesla als Plattform für „physische KI“. In dieser Logik sind Autos nur noch Trägertechnologie. Wer heute investiert, setzt weniger auf operative Kennzahlen als auf eine Vision mit einem Marktpotenzial von rund 1,6 Billionen Dollar.
Symbolisch für diesen Kurswechsel steht der geplante Produktionsstopp der Modelle S und X. Die früheren Aushängeschilder der Marke sollen auslaufen, ihre Fertigungskapazitäten dem humanoiden Roboter Optimus weichen. Für Tesla ist das weniger Modellpolitik als ein grundlegender Umbau.
Analysten setzen auf Fantasie statt Absatz
Analysten verknüpfen Teslas Bewertung zunehmend mit Robotaxis, autonomen Systemen und Robotik. Cantor Fitzgerald hält trotz schwacher Jahreszahlen an einem Kursziel von 510 Dollar fest. Die Fantasie speist sich aus dem erwarteten Hochlauf des Robotaxis Cybercab und der Serienreife von Optimus.
Die Zahlen aus dem vierten Quartal zeigen das Spannungsfeld. Der Umsatz lag bei knapp 25 Milliarden Dollar und damit leicht über den Erwartungen, aber unter dem Vorjahreswert. Gleichzeitig überraschte Tesla mit einer Bruttomarge im Autogeschäft von fast 18 Prozent, während der Markt nur rund 14 Prozent erwartet hatte.
Diese Effizienzgewinne fließen jedoch nicht an die Aktionäre. Tesla reinvestiert konsequent und bereitet die nächste Expansionsphase vor. Der Fokus liegt klar auf Wachstum statt Ausschüttung.
Milliardeninvestitionen und wachsende Zweifel
Für 2026 plant Tesla Investitionen von über 20 Milliarden Dollar. Jefferies spricht von „whopping capex ambitions“. Das Kapital fließt in Rechenzentren, den Ausbau von Cybercab und Semi-Truck sowie in ein Investment von gut zwei Milliarden Dollar in das KI-Startup xAI.
Kritiker sehen darin erhebliche Governance-Risiken. Die DZ Bank warnt, dass der Free Cashflow 2026 deutlich negativ ausfallen dürfte. Während Konzerne wie Meta oder Microsoft trotz hoher KI-Ausgaben starke Cashflows erwirtschaften, setzt Tesla alles auf Expansion.
Für viele Anleger wird die Aktie damit zur binären Wette. JPMorgan-Analyst Ryan Brinkman verweist auf die wachsende Lücke zur Tech-Konkurrenz. „Teslas Umsatzrückgang von drei Prozent im vierten Quartal 2025 steht in krassem Gegensatz zur restlichen Gruppe der ‚Magnificent 7‘.“ Während diese im Schnitt um 26 Prozent wachsen, werde Tesla trotz schrumpfender Umsätze mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 204,4 bewertet. Brinkman senkte sein Kursziel auf 145 Dollar, was einem Abwärtsrisiko von 66 Prozent entspricht.
Bullen sehen Tesla als reinen KI-Player
Optimisten lassen sich von solchen Vergleichen nicht beeindrucken. Sie sehen Tesla als einzigen ernsthaften Akteur im Bereich physischer KI. Gelingt der Serienstart des Robotaxis und skaliert die Full-Self-Driving-Software, erscheine die aktuelle Bewertung vertretbar.
Stabilisierend wirkt das Energiespeichergeschäft. Die Megapacks liefern Rekordumsätze und puffern Schwankungen im Autosegment ab. Dan Ives von Wedbush erhöhte sein Kursziel jüngst auf 600 Dollar und bestätigte seine „Outperform“-Einstufung. Die stabilisierten Margen wertet er als Beleg für die Tragfähigkeit des Kerngeschäfts.
Damit hat sich Tesla weitgehend von den Fundamentaldaten eines Autobauers gelöst. Anleger investieren in ein Unternehmen, das sich selbst als Robotik- und KI-Konzern versteht. Ob daraus eine neue Wachstumsära entsteht oder ein Mahnmal überzogener Erwartungen, entscheidet sich jenseits klassischer Verkaufszahlen.













