Trump verändert die Spielregeln für Investoren

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Violeta Todorova, Leverage Shares

Donald Trumps Rückkehr ins Weiße Haus hat das Marktumfeld grundlegend verändert. Statt kalkulierbarer Impulse prägen Machtpolitik, Protektionismus und geopolitische Risiken die Preisbildung. Für Investoren wird Politik zum entscheidenden Faktor – mit spürbaren Folgen auch für Europa und den DAX.

Als Donald Trump am 20. Januar 2025 ins Weiße Haus zurückkehrte, glaubten die Finanzmärkte, das Drehbuch zu kennen. Deregulierung, Steuersenkungen, fiskalische Impulse und eine Wiederholung des bekannten „Trump Bump“, der nach der Wahl 2016 die Aktienmärkte beflügelt hatte. Zollandrohungen galten als Verhandlungstaktik, nicht als ernsthafte wirtschaftspolitische Leitlinie. Ein Jahr später ist klar: Diese Annahme war ein Trugschluss.

Trumps erstes Jahr zurück im Amt hat sich als deutlich unberechenbarer, konfliktträchtiger und für die Kapitalmärkte folgenreicher erwiesen als erwartet. Statt planbarer wirtschaftspolitischer Impulse dominieren institutionelle Brüche, eine aggressive Machtkonsolidierung im Präsidentenamt und eine Handelspolitik, die diesmal strukturell und nicht taktisch angelegt ist. Das Ergebnis ist ein Marktumfeld, das von anhaltender Volatilität, scharfen sektoralen Divergenzen und wachsender politischer Risikoprämie geprägt ist.

Machtkonsolidierung als neues Leitmotiv

Seit seiner Amtseinführung vor einem Jahr hat der US-Präsident mit hoher Geschwindigkeit zentrale institutionelle Pfeiler der US-Regierung ausgehöhlt. Bundesbehörden wurden einseitig umstrukturiert, Haushaltsmittel eingefroren, politische Gegner gezielt unter Druck gesetzt. Weitreichende Begnadigungen für die Beteiligten des Kapitol-Sturms vom 6. Januar 2021, der Einsatz der Nationalgarde sowie autorisierte Militäroperationen in mehreren Ländern unterstreichen die Bereitschaft, politische und militärische Macht offensiv einzusetzen.

Diese Maßnahmen folgen einem klaren Muster: der systematischen Ausweitung präsidialer Befugnisse. Für Investoren bedeutet das einen fundamentalen Regimewechsel. Politische Entscheidungen erscheinen weniger berechenbar, institutionelle Gegengewichte geschwächt. Handels-, Sicherheits- und Wirtschaftspolitik verschmelzen zunehmend zu einem Instrumentarium strategischer Machtausübung.

Von Euphorie zu Ernüchterung an den Aktienmärkten

Unmittelbar nach Trumps Wahlsieg im November 2024 reagierten die Märkte erwartungsgemäß euphorisch. Der S&P 500 sprang am Folgetag um mehr als 2,5 Prozent nach oben, getrieben von Hoffnungen auf unternehmensfreundliche Politik. Bis Februar 2025 legte der Index um mehr als sechs Prozent zu – der „Trump Bump“ schien zurück.

Dann folgte die Kehrtwende. Mit den im April verkündeten umfassenden „Liberation Day“-Zöllen zerstörte die Regierung die fragile Marktzuversicht. Die Maßnahmen waren weder symbolisch noch begrenzt, sondern zielten offen auf eine aggressive Neuordnung des globalen Handels. Und zwar nicht nur gegenüber China, sondern auch gegenüber Verbündeten. Der S&P 500 fiel bis zum 8. April auf sein Jahrestief, gab mehr als 20 Prozent von seinem Februarhoch ab und löschte sämtliche Gewinne seit der Wahl aus. Es war der drittschlechteste Start eines US-Präsidenten in der modernen Börsengeschichte.

Zwar haben sich die Märkte seither erholt, der S&P 500 liegt 2025 rund 17 Prozent im Plus. Doch der Charakter des Marktes hat sich verändert: Volatilität ist kein vorübergehendes Phänomen mehr, sondern strukturell verankert. Vertrauen ist konditional geworden.

Protektionismus und seine unbeabsichtigten Opfer

Ironischerweise traf das Zollregime ausgerechnet jene Sektoren, die eigentlich geschützt werden sollten, besonders hart. Industrie, Automobilhersteller, Elektronik, Öl und Gas, Basiskonsumgüter sowie die Landwirtschaft zählen zu den klaren Verlierern. Der Grund liegt in der Struktur moderner Wertschöpfungsketten. Zölle auf Vorprodukte erhöhen Kosten, drücken Margen und schwächen die Wettbewerbsfähigkeit.

US-Autobauer kämpfen mit steigenden Komponentenpreisen und sinkender Exportattraktivität – trotz des vorteilhaften Zoll-Deals mit der EU, der sie von Zöllen befreit, während europäische Hersteller unter diesen leiden. Technologiehardware leidet unter steigenden Chipkosten. Landwirte geraten erneut ins Visier von Vergeltungsmaßnahmen. Der Versuch, nationale Industrie durch Abschottung zu stärken, kollidiert mit der Realität global integrierter Produktionsprozesse.

Gewinner, Verlierer und Überraschungen

Während globale Zykliker unter Druck gerieten, profitierten Absicherungsinstrumente und politisch begünstigte Sektoren. Gold entwickelte sich zum klaren Gewinner und legte seit Trumps Rückkehr um rund 70 Prozent zu. Geopolitische Risiken, politische Unsicherheit, ein schwächerer US-Dollar und hartnäckige Inflation trieben die Nachfrage. Goldminenwerte verstärkten diese Entwicklung durch operative Hebel.

Rüstungsaktien verzeichneten beiderseits des Atlantiks deutliche Kursgewinne. Trumps Forderung, die Verteidigungsausgaben der NATO auf fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts anzuheben, sowie neue geopolitische Spannungen von Venezuela bis Grönland machten Verteidigungsbudgets zu langfristigen Wachstumsthemen.

Auch US-Banken profitierten. Allein die Erwartung regulatorischer Erleichterungen und größerer Kapitalflexibilität reichte aus, um Bewertungen und Kurse zu stützen – ohne dass entsprechende Gesetzgebung bereits umgesetzt worden wäre.

Enttäuschend verlief hingegen die Entwicklung von Kryptowährungen. Der massive Anstieg von Bitcoin nach der Wahl – von rund 69.000 auf über 126.000 US-Dollar – erwies sich als kurzlebig. Mit der Rotation in Richtung Gold und weg von spekulativen Anlagen blieb die erhoffte nachhaltige Unterstützung durch eine kryptofreundliche Regierung aus. Parallel setzte Trumps erklärtes Ziel niedrigerer Ölpreise Energieaktien unter Druck.

Europa zwischen Kollateralschaden und Kapitalziel

Eine der überraschendsten Entwicklungen von „Trump 2.0“ ist die globale Kapitalumschichtung. Statt eines pauschalen Risikoabbaus floss Kapital verstärkt nach Europa. Europäische Aktien, lange als Value-Fallen belächelt, profitierten von attraktiveren Bewertungen und dem Wunsch nach Diversifikation und mehr Souveränität. Britische und deutsche Indizes übertrafen den S&P 500 im ersten Jahr von Trumps Amtszeit, gestützt durch Infrastrukturprogramme, Verteidigungsausgaben und Kapitalrotation weg von US-Konzentrationsrisiken.

Zölle, Grönland und die Folgen für Deutschland

Gleichzeitig bleibt Deutschland besonders exponiert. Trumps erneute Drohung, ab dem 1. Februar Zölle von zehn Prozent auf Importe aus Deutschland und anderen EU-Staaten zu erheben – sowie eine Erhöhung auf 25 Prozent ab Juni, falls keine Einigung im Grönland-Konflikt erzielt wird – setzte die Märkte zuletzt spürbar unter Druck.

Die wirtschaftliche Bedeutung der USA für deutsche Exporte ist erheblich. Bereits 2025 gingen die deutschen Ausfuhren in die Vereinigten Staaten um fast neun Prozent zurück. Der stärkste Rückgang außerhalb der Pandemie. Zölle in der Größenordnung von zehn bis 25 Prozent würden deutsche Produkte für US-Käufer deutlich verteuern, die Nachfrage dämpfen und Exporteure zwingen, Margen zu opfern oder Preise weiterzugeben. Die potenziellen Wachstumsverluste reichen von 0,1 bis 0,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts bei niedrigeren Zollsätzen – mit deutlich höheren Risiken bei einer Eskalation.

DAX reagiert empfindlich auf neue Handelssignale

Noch bevor formale Maßnahmen beschlossen wurden, begannen die Märkte, das Risiko einzupreisen. Am 19. Januar 2026 verlor der DAX mehr als 1,4 Prozent, belastet durch erneute Zollandrohungen. Besonders Automobilhersteller und exportorientierte Industriewerte gerieten unter Druck. Aktien von BMW, Volkswagen, Porsche und Mercedes-Benz gaben nach, während Rüstungswerte und stärker binnenorientierte Titel zulegten.

Diese Divergenz spiegelt weniger eine Verschlechterung der Fundamentaldaten wider als eine Neubewertung politischer Risiken. Für deutsche Exporteure bedeuten drohende US-Zölle eine doppelte Belastung aus Margendruck und schwächerer Endnachfrage. Damit rückt die Handelspolitik erneut in den Fokus als zentraler Treiber der kurzfristigen DAX-Entwicklung.

Ein Markt im politischen Stresstest

Trumps erstes Jahr zurück im Amt hat die Spielregeln für Investoren verändert. Protektionismus ist strukturell geworden, institutionelle Stabilität keine Selbstverständlichkeit mehr. Für globale Märkte – und insbesondere für exportorientierte Volkswirtschaften wie Deutschland – bedeutet das ein Umfeld erhöhter Unsicherheit.

Selbst wenn Zölle verzögert oder abgeschwächt werden, reicht ihre bloße Androhung aus, um Bewertungen zu belasten, Risikoprämien zu erhöhen und Aufwärtspotenzial zu begrenzen. Die Kapitalmärkte haben verstanden: In der zweiten Amtszeit Trumps ist Politik kein Hintergrundrauschen mehr, sondern ein dominanter Faktor der Preisbildung.

Autorin Violeta Todorova ist Senior Research Analyst bei Leverage Shares und Income Shares.

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