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Unterschätzte Risiken – Gewerbeversicherung im Wandel

Finanzchef24-Co-Geschäftsführer Payam Rezvanian
Foto: Finanzchef24
Payam Rezvanian: "Die Risikolandschaft hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend und radikal verändert."

Viele kleine und mittlere Unternehmen sichern sich gegen klassische Gefahren wie Feuer oder Einbruch ab. Doch die eigentlichen Risiken liegen oft woanders – in Cyberangriffen, Elementarschäden und Unterversicherung. Warum diese Bedrohungen so häufig übersehen werden. Von Payam Rezvanian

Viele Soloselbstständige, aber auch kleine und mittlere Unternehmen konzentrieren sich bei der Risikobewertung häufig auf altbekannte Gefahren wie Feuer, Einbruch oder den klassischen Wasserschaden. Dabei hat sich die Risikolandschaft in den vergangenen Jahren grundlegend und rasant verändert.

Digitale Risiken

Von zentraler Bedeutung sind mittlerweile digitale Bedrohungen. Cyberangriffe, Ransomware-Attacken oder Datenverluste gehören heute zu den größten Risiken für jedes Unternehmen. Dennoch fehlt es in kleineren und mittleren Betrieben oft am Bewusstsein dafür, wie schwerwiegend die Folgen einer kompromittierten IT-Infrastruktur sein können. Viele Entscheidungsträger glauben fälschlicherweise, für Hacker zu klein oder uninteressant zu sein. Aussagen wie „Wer will mich denn hacken?“ sind keine Seltenheit. Tatsächlich sind aber gerade kleine und mittlere Unternehmen ein beliebtes Ziel, ihre IT-Sicherheit ist häufig lückenhaft, obwohl sie in hohem Maße auf digitale Prozesse angewiesen sind.

So schlussfolgerte das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik in seiner im Oktober 2024 erschienenen Studie zur Lage der IT-Sicherheit in Deutschland, dass viele Unternehmen das eigene Risiko stark unterschätzen und oft nicht einmal grundlegendste Sicherheitsstandards erfüllen.
Selbst wenn das Kerngeschäft weitgehend analog funktioniert, nutzen viele Betriebe – etwa Restaurants, Friseure oder Einzelhändler – externe digitale Dienste zur Zahlungsabwicklung oder Terminvereinbarung.


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Die Datenverarbeitung erfolgt zwar über den jeweiligen Dienstleister, die Verantwortung gegenüber den Kunden bezüglich der Datensicherheit verbleibt jedoch beim Unternehmen. Datenschutzverstöße können daher zu empfindlichen Bußgeldern oder Schadensersatzforderungen führen. Erschwerend kommt hinzu, dass vielen Unternehmern nicht bewusst ist, wie schnell sie bei digitalen Vorfällen in die Haftung geraten können.

Bereits der Verlust eines Handys mit Kundendaten oder die Nutzung einer „datenfressenden“ App auf einem Mitarbeitergerät kann zu regresspflichtigen Situationen führen. Dass es hierbei noch viel Potenzial gibt, wird auch durch die vorhandenen Daten untermauert. So fragten bei Finanzchef24 seit 2024 etwa nur 9,52 Prozent der Kunden, welche an einer klassischen Gewerbehaftpflicht interessiert waren, auch eine Cyber-Versicherung an. Der Handel machte davon wiederum lediglich eine Quote von 6,3 Prozent aus.

Elementarschäden durch den Klimawandel

Ein ebenfalls regelmäßig unterschätztes Risiko ergibt sich aus den Folgen des Klimawandels. Extreme Wetterereignisse wie Starkregen oder Überschwemmungen treten nicht nur häufiger, sondern auch mit zunehmender Intensität auf. Dennoch sind viele Unternehmen entweder gar nicht oder nur unzureichend gegen Elementarschäden versichert. Die Gefahr von Betriebsausfällen wird häufig verkannt. Meist deshalb, weil solche Ereignisse bislang als unwahrscheinlich galten oder sich Betriebe in vermeintlich sicheren Gegenden wähnen. Die Vorstellung, der Bach in 500 Metern Entfernung vom Friseursalon oder der Kanzlei sei in den letzten 20 Jahren nie übergelaufen und werde es auch künftig nicht tun, ist weit verbreitet, aber trügerisch.

Gleichzeitig denken viele Geschäftsinhaber, die sich zwar grundsätzlich des Risikos bewusst sind, dass alle Elementarschäden von ihrer Geschäftsinhaltsversicherung abgedeckt wären. Eine Fehlannahme, die sich ebenfalls als potenziell existenzbedrohend herausstellen kann. Denn das Risikobewusstsein ist teilweise durchaus vorhanden, bei Finanzchef24 stammen die meisten Anfragen nach Geschäftsinhaltsversicherungen aus dem Handel, der Gastronomie bzw. Hotellerie und dem Körperpflege- bzw. Schönheitsdienstleistungssegment, aber die Absicherung stimmt im Falle eines Elementarschadens dann trotzdem nicht.

Gefahr durch Unterversicherung

Neben diesen beiden konkreten Gefahrenfeldern ist eine der häufigsten übersehenen Risiken die Unterversicherung. Gerade zur Geschäftseröffnung wird – oft eher widerwillig – eine Versicherung mit niedriger Deckungssumme abgeschlossen. Zum einen, weil die Umsätze noch gering sind, zum anderen aber, weil Versicherungsbeiträge fälschlicherweise häufig immer noch als unnötige Kosten empfunden werden. Doch mit dem Wachstum des Unternehmens steigen auch die Risiken. Die Deckungssummen der Betriebshaftpflicht oder Betriebsausfallversicherung werden jedoch häufig nicht entsprechend angepasst. Im Schadensfall reicht die ausgezahlte Summe dann oft nicht annähernd aus, um die tatsächlichen Verluste zu decken.

Zudem entstehen Versicherungslücken durch eine zu pauschale bzw. ungenaue Kategorisierung der betrieblichen Tätigkeit. So übernimmt ein Hausmeister möglicherweise zusätzlich Winterdienste, Gartenpflege oder Pflasterarbeiten. Versicherungstechnisch bewegt er sich damit bereits in Richtung Garten- und Landschaftsbau oder Baugewerbe. Eine Betriebshaftpflicht, die nur klassische Hausmeistertätigkeiten abdeckt, greift hier zu kurz. Ähnlich verhält es sich bei einem Friseur, der zusätzlich Permanent Make-up anbietet oder Bärte rasiert, dieser wird damit auch zum Kosmetiker oder Barbier und unterliegt einem gänzlich anderen Risikoprofil.

Mögliche Folgen der Vernachlässigung

Die Vernachlässigung zentraler Unternehmensrisiken kann schwerwiegende Folgen haben – sowohl kurzfristig als auch langfristig. Kommt es zu einem Cyberangriff oder zu massiven Elementarschäden, kann der Betrieb über Tage, Wochen oder gar Monate stillstehen. Ohne ausreichenden Versicherungsschutz drohen nicht nur erhebliche Umsatzeinbußen, sondern auch die Unfähigkeit, laufende Kosten zu decken. Besonders kleine Unternehmen verfügen meist nicht über ausreichend finanzielle Reserven, um längere Betriebsunterbrechungen abzufedern. Im schlimmsten Fall bleibt nur noch der Gang in die Insolvenz.

Chancen für Beratung

In dieser zunehmend komplexen Risikolandschaft eröffnet sich für Makler die Chance, als kompetente Berater und verlässliche Partner eine Schlüsselrolle einzunehmen. Gezielte Aufklärung und individuelle Beratung ermöglichen eine passgenaue Absicherung. Gewerbeversicherungen sind keine Standardprodukte: Dabei ermöglichen auch digitale Verfahren mit komplexen Tariflogiken eine individuelle, datenbasierte Beratung, welche angesichts der veränderten Risikolandschaft immer mehr an Bedeutung gewinnt.

Voraussetzung dafür ist allerdings, dass Versicherungsvermittler ihre Kunden und deren Risikoprofil wirklich kennen. Kundendaten müssen systematisch erfasst werden, um – auch im Streitfall – sicherstellen zu können, dass bei der Beratung alle relevanten Aspekte berücksichtigt wurden. Gleichzeitig sind Kundenangaben kritisch zu hinterfragen. Makler sollten stutzig werden, wenn etwa der angegebene Umsatz im Vergleich zur Mitarbeiteranzahl auffallend niedrig ist oder das Tätigkeitsfeld doch umfassender erscheint, als vom Kunden selbst beschrieben.

Betrieben gegenüber muss klar kommuniziert werden, dass eine Gewerbeversicherung kein unnötiger Ballast ist, sondern im Ernstfall die eigene Existenz sichern kann. Daher ist es essenziell, dass Makler proaktiv – idealerweise jährlich – auf ihre Gewerbekunden zugehen und gemeinsam einen Policen-Check durchführen. So lässt sich sicherstellen, dass der Versicherungsschutz sowohl vom Umfang als auch von der Höhe der Deckungssummen den aktuellen Anforderungen des Unternehmens entspricht. Auch wenn damit häufig eine Prämienanpassung einhergeht, ist der damit verbundene finanzielle Aufwand letztlich immer noch deutlich geringer als die Kosten, die im Falle eines unversicherten Schadens entstehen würden. Ergänzend können Unternehmer den Check auch selbst online anstoßen, indem sie aktuelle Angebote vergleichen.

Abschließend zeigt sich: Die unterschätzten Risiken für Selbstständige und kleine sowie mittlere Unternehmen sind vielfältig und werden in einer sich rasant wandelnden Welt immer komplexer. Wer weiterhin nur auf klassische Gefahren blickt, übersieht entscheidende Bedrohungen. Digitale Bedrohungen, die Folgen des Klimawandels und unzureichender Versicherungsschutz können im Ernstfall zur Existenzfrage werden. Digitale Vergleichsprozesse und kontinuierliche Beratung liefern hier den entscheidenden Mehrwert. Solide Absicherung ist nicht Kür, sondern Grundlage stabilen Unternehmertums.

Autor Payam Rezvanian ist Co-Geschäftsführer bei Finanzchef24

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