Der viel zitierte Ausstieg Chinas aus US-Staatsanleihen sorgt regelmäßig für Unruhe an den Märkten. Ein genauerer Blick relativiert jedoch das Bild eines abrupten Rückzugs. „Hier handelt es sich vielmehr um eine langfristige, strategische Diversifikation einiger Staaten“, sagt Thorsten Fischer, Managing Director und Head of Portfolio Management bei Moventum AM. „Und dies hat bislang nur begrenzte Auswirkungen aufs weltweite Finanzsystem.“
Tatsächlich hat China seine Bestände an US-Treasuries seit 2013 etwa halbiert. Aus dem einst größten Gläubiger der Vereinigten Staaten ist ein Investor geworden, der seine Anlagen breiter streut. „Die jüngste regulatorische Mahnung aus Peking, Banken mit hoher Treasury-Quote zur Begrenzung ihrer Engagements anzuhalten, signalisiert jedoch keinen Paradigmenwechsel“, so Fischer. „Sie spiegelt primär ein klassisches Risikomanagement wider.“ Ziel sei es, Konzentrations- und Volatilitätsrisiken zu reduzieren, zumal geopolitische Spannungen zusätzliche Unsicherheiten schaffen.
Trotz dieses schrittweisen Rückgangs zeigt sich der US-Anleihemarkt bislang robust. „Enge Bid-Ask-Spreads, niedrige Volatilität und reibungslos verlaufende Auktionen zeigen, dass von einem Käuferstreik nichts zu sehen ist“, sagt Fischer. Auch die Kapitalströme stützen diese Einschätzung.
Ausländische Investoren halten Rekordvolumen
Der Anteil ausländischer Investoren an der US-Staatsverschuldung ist seit Anfang 2015 von rund 50 Prozent auf etwa 31 Prozent gesunken. In absoluten Zahlen ergibt sich jedoch ein anderes Bild. „In absoluten Zahlen halten Auslandsinvestoren jedoch weiterhin ein Rekordvolumen von rund 9,4 Billionen US-Dollar“, so Fischer.
Die Verschiebung deutet daher weniger auf einen koordinierten Ausstieg als auf eine Neugewichtung hin. Während China, Deutschland, Frankreich und die Vereinigten Arabischen Emirate ihre Bestände moderat reduzieren, treten andere Staaten stärker als Käufer auf. „Kanada stockte zuletzt um rund 53 Milliarden US-Dollar auf, Norwegen um 25 Milliarden und Saudi-Arabien um 14 Milliarden“, sagt Fischer. „Die Nachfrage bleibt vorerst breit abgestützt.“
Auch politische Spannungen unter Präsident Trump haben punktuell für Irritationen gesorgt. Diskussionen etwa um Grönland führten in Europa dazu, dass einzelne Pensionsfonds ihre Treasury-Positionen verringerten. „Systemisch wirkte sich dies bislang jedoch nicht aus“, so Fischer. „Der Markt absorbierte diese Anpassungen ohne erkennbare Verwerfungen.“
Handelsüberschüsse und Dollar-Dominanz
Ein stabilisierender Faktor bleibt Chinas hoher Handelsüberschuss, der zuletzt bei rund 1,2 Billionen US-Dollar lag. Diese Mittel fließen weiterhin in erheblichem Umfang ins Ausland. Statt einer umfassenden Rückführung in den Binnenmarkt dominieren Renditeüberlegungen.
Zudem könnten offizielle US-Daten Chinas Engagement unterschätzen. Schätzungen zufolge liegen die tatsächlichen Bestände weiterhin bei über eine Billion US-Dollar, teils über europäische Verwahrstellen wie Belgien gehalten. „Und strategisch bleibt der US-Dollar ohnehin alternativlos“, sagt Fischer. „Der Mangel an ausreichend großen, liquiden und sicheren Anlageklassen in anderen Währungen begrenzt Pekings Diversifikationsspielraum erheblich.“
Vor diesem Hintergrund erscheint der Trend zur Diversifikation zwar strukturell, ein abrupter globaler Rückzug vom US-Anleihemarkt jedoch nicht. „Solange die USA Leistungsbilanzdefizite aufweisen und Dollar-Liquidität exportieren, wird es Käufer für US-Treasuries geben“, sagt Fischer. „Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Nachfrage existiert – sondern woher sie kommt.“













