Warum der jüngste Bitcoin-Einbruch vor allem psychologisch getrieben ist

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Bitcoincrash hatte keine fundamentalen Ursachen.

Der starke Kursrückgang bei Bitcoin wirkt auf den ersten Blick wie ein Bruch der fundamentalen Investmentthese. Ein genauerer Blick auf Marktmechanik, Kapitalflüsse und Verhaltensindikatoren zeichnet jedoch ein anderes Bild. Vieles spricht für eine klassische Kapitulationsphase – mit ersten Anzeichen einer Stabilisierung.


Die jüngste Kursbewegung von Bitcoin deutet erneut auf eine Übertreibung nach unten hin – ein typisches Merkmal scharfer Korrekturen im Kryptomarkt. Wenn sich Stimmung und Preis von fundamentalen Indikatoren entkoppeln, liefern Positionierungen, Kapitalflüsse und Stressindikatoren oft bessere Hinweise darauf, ob der Abwärtsdruck seinen Höhepunkt erreicht.

Volumen als Stresssignal



Ein zentrales Indiz liefert das Handelsvolumen. Globale Krypto-ETPs erreichten mit 18,5 Milliarden US-Dollar das höchste jemals gemessene Tagesvolumen. Solche Ausschläge traten in der Vergangenheit häufig in Phasen der Kapitulation auf – weniger als Ausdruck neuer Überzeugungsverkäufe, sondern als Zeichen eines erzwungenen Ausstiegs vieler Marktteilnehmer. Entscheidend ist dabei weniger die absolute Höhe der Abflüsse als deren Dynamik: Wendepunkte im Tempo der Kapitalbewegungen markierten historisch oft lokale Tiefs.

Wale stoppen den Abverkauf

Auch On-Chain-Daten sprechen für eine beginnende Stabilisierung. Große Marktteilnehmer mit Beständen von mehr als 10.000 Bitcoin hatten seit Oktober 2025 rund 28 Milliarden US-Dollar verkauft, diese Verkäufe jedoch zuletzt eingestellt. In den vergangenen zwei Wochen kam es sogar zu Nettozukäufen im Umfang von etwa 4,7 Milliarden US-Dollar. Nachhaltige Bodenbildungen gingen in früheren Zyklen meist mit einer solchen Beruhigung bei den sogenannten Walen einher – noch kein Beweis für eine Trendwende, aber ein konstruktives Signal.

Unter Produktionskosten: Druck auf Miner

Aus Sicht der Angebotsseite wird Bitcoin aktuell deutlich unter den geschätzten durchschnittlichen Produktionskosten börsennotierter Miner gehandelt, die bei rund 74.600 US-Dollar liegen. Historisch waren Phasen mit Spotpreisen unterhalb der Produktionskosten meist begrenzt, da sie die Bilanzen der Miner belasten und Investitionen sowie das marginale Angebot unter Druck setzen.

Verhaltensindikatoren am Anschlag

Auch verhaltensökonomische Signale deuten auf eine späte Phase des Ausverkaufs hin. Berichte über zeitweise eingeschränkten Zugang von Privatanlegern zu Handelsplattformen infolge stark gestiegener Volumina fielen in der Vergangenheit eher mit Phasen maximalen Verkaufsdrucks zusammen als mit dem Beginn längerer Abwärtstrends.

Makroökonomischer Rückenwind am Rand

Parallel dazu beginnt sich das makroökonomische Umfeld leicht zu drehen. Der jüngste JOLTS-Bericht fiel deutlich schwächer aus als erwartet und zeigte offene Stellen auf einem Mehrjahrestief. Entsprechend stiegen die vom Markt implizierten Wahrscheinlichkeiten für eine Zinssenkung im Juni. Selbst bei einer restriktiveren Ausrichtung der US-Notenbank begrenzen schwächere Arbeitsmarktdaten den Spielraum für dauerhaft hohe Zinsen.

Quantenangst: Ein überschätztes Risiko

Im Zuge der Korrektur sind zudem erneut Sorgen rund um Quantencomputing aufgekommen. Diese Risiken bleiben jedoch theoretisch, langfristig und auf einen geringen Teil älterer Bitcoin-Adressen beschränkt. Die zentralen monetären Eigenschaften von Bitcoin sind davon nicht berührt, und das Protokoll verfügt über klare technische Optionen, um sich bei Bedarf anzupassen.Mehr Informationen hierzu, können Sie unter folgendem Artikel lesen.

Fundamentale These unverändert

Trotz des heftigen Rückschlags bleibt der grundlegende Investment-Case bestehen. Bitcoin ist weiterhin ein knappes, nicht staatliches monetäres Asset mit fixer Angebotsmenge und ohne Abhängigkeit von institutioneller Glaubwürdigkeit. In einem Umfeld zunehmender fiskalischer Dominanz, politisierter Geldpolitik und schwindenden Vertrauens in klassische Wertaufbewahrungsmittel bleibt dieses Argument intakt – auch nach dem gestrigen Crash.

Autor James Butterfill ist Head of Research bei CoinShares.

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