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Wealth Management: Was Kundinnen heute von Beratung wirklich erwarten

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Gemma Livermore, Seismic

Frauen investieren oft langfristiger, werteorientierter und mit anderen Erwartungen an Beratung als viele Institute annehmen. Für Banken und Vermögensverwalter wächst damit der Druck, Angebote, Ansprache und Prozesse neu auszurichten.

Frauen sind im Finanzbereich häufig strukturell benachteiligt. Gründe dafür sind unter anderem ungleiche Bezahlung, häufigere Teilzeitbeschäftigung und eine ungleiche Verteilung unbezahlter Care-Arbeit. Laut dem Statistischen Bundesamt verdienten Frauen in Deutschland im Jahr 2024 im Durchschnitt 16 Prozent weniger als Männer. Selbst wenn Unterschiede bei Qualifikation, Berufserfahrung und Arbeitszeit berücksichtigt werden, bleibt eine Lücke von etwa 6 Prozent bestehen. Gleichzeitig arbeiten Frauen deutlich häufiger in Teilzeit und übernehmen einen größeren Anteil an unbezahlter Betreuungs- und Pflegearbeit.

Diese Faktoren haben langfristige Auswirkungen: Niedrigere Einkommen führen zu geringeren Rentenbeiträgen, weniger privater Altersvorsorge und damit zu einem höheren Risiko von Altersarmut. Gleichzeitig leben Frauen im Durchschnitt länger als Männer und benötigen daher über einen längeren Zeitraum finanzielle Ressourcen. Für Vermögensberaterinnen und -berater bedeutet das: Frauen brauchen Finanzstrategien, die ihre spezifischen Lebensrealitäten berücksichtigen.

Relevanz statt Standard-Personalisierung

Viele Frauen treffen Anlageentscheidungen überlegt, langfristig und häufig werteorientiert. Klassische Produktangebote oder standardisierte Portfolios werden diesen Erwartungen immer seltener gerecht.

Lange Zeit galt in der Finanzbranche Personalisierung als Schlüssel zu besserem Kundenservice: Inhalte und Angebote wurden auf Basis vorhandener Daten individuell zugeschnitten. Doch reine Personalisierung reicht heute oft nicht mehr aus. Entscheidend ist vielmehr die Relevanz, also der Bezug zur tatsächlichen Lebenssituation eines Menschen und das Gefühl, wirklich verstanden zu werden.

Mehr Daten führen nicht automatisch zu besserer Beratung. Echtes Verständnis entsteht vor allem im Gespräch. Gerade bei komplexen Finanzentscheidungen, etwa beim Vermögensaufbau, bei der Familienplanung oder der Altersvorsorge, erwarten Kundinnen eine Beratung, die ihre realen Lebensumstände berücksichtigt.

Für Vermögensberaterinnen und -berater bedeutet das einen Perspektivwechsel: weg vom reinen Produktverkauf, hin zu einer kontextorientierten Begleitung. Eine berufstätige Mutter in Teilzeit benötigt eine andere Liquiditätsstrategie als eine gutverdienende Führungskraft oder eine Unternehmerin im Aufbau ihres Vermögens.

Finanzbildung: Vertrauen und Chancengleichheit stärken

Viele Frauen fühlen sich im Umgang mit komplexen Finanzthemen unsicher. Studien zeigen, dass Frauen häufiger als Männer angeben, weniger Wissen über finanzielle Zusammenhänge zu haben.

Zu wenig Wissen und zu wenig verfügbares Kapital verstärken sich dabei gegenseitig. Wer später mit dem Investieren beginnt, hat weniger Zeit, Vermögen aufzubauen. Wer weniger frei verfügbares Einkommen hat, investiert seltener. Und wer weniger investiert, verfügt im Alter über geringere finanzielle Rücklagen. So entsteht ein Kreislauf, der finanzielle Ungleichheit weiter verstärkt.

Der Bedarf an Orientierung ist daher groß. Finanzielle Unabhängigkeit darf kein Privileg sein. Frauen sollten nicht nur leichteren Zugang zu Finanzwissen erhalten, sondern auch konkrete Wege kennenlernen, wie sie Schritt für Schritt finanzielle Stabilität erreichen können.

Für Vermögensberaterinnen und -berater bedeutet das: verständliche Erklärungen, transparente Strategien und eine Beratung, die komplexe Themen greifbar macht.

Nachhaltigkeit und langfristige Perspektiven

Auch Werte spielen bei Anlageentscheidungen eine wichtige Rolle. Studien zeigen, dass Frauen häufiger Nachhaltigkeit, gesellschaftliche Verantwortung und langfristige Stabilität berücksichtigen.

Strukturierte Anlageformen wie ETFs, breit diversifizierte Portfolios oder ESG-Investments passen häufig gut zu diesen Präferenzen. Für Beraterinnen und Berater ergibt sich daraus eine Chance: Wer Nachhaltigkeitsstrategien verständlich erklärt und deren Wirkung transparent macht, kann Vertrauen stärken und gleichzeitig den werteorientierten Ansatz vieler Investorinnen gezielt aufgreifen.

KI als Ermöglicher echter Beratung

Parallel verändert sich die Rolle digitaler Technologien in der Finanzberatung. Während künstliche Intelligenz zunächst vor allem als Instrument zur Automatisierung betrachtet wurde, setzt sich zunehmend eine andere Perspektive durch: KI soll die Kundenbeziehung nicht ersetzen, sondern ermöglichen.

Richtig eingesetzt übernimmt KI einen großen Teil der operativen Arbeit. Sie reduziert Analyse- und Dokumentationsaufwand, bereitet Beratungsgespräche vor, erstellt individualisierte Materialien und automatisiert wiederkehrende Aufgaben in Marketing, Vertrieb und Service.

Dadurch entsteht Zeit für das, was Kundinnen und Kunden wirklich schätzen: eine Person, die zuhört, Zusammenhänge einordnet und Orientierung gibt, besonders bei komplexen finanziellen Entscheidungen oder in unsicheren Marktphasen.

Für Vermögensberaterinnen und -berater bedeutet das eine wichtige Veränderung. KI ersetzt die Beratung nicht, sondern schafft Raum für qualitativ bessere Gespräche.

Vermögensübertragungen: die nächste Generation verstehen

Eine weitere Entwicklung verstärkt diese Dynamik: In den kommenden Jahren wird ein erheblicher Teil des Vermögens an jüngere Generationen übertragen.

Viele Finanzinstitute konzentrieren sich dabei vor allem auf Produkte oder Konditionen. Ein entscheidender Faktor wird jedoch häufig unterschätzt: die digitalen Erwartungen der nächsten Generation.

Erbinnen und Erben sind heute digitale Dienstleistungen gewohnt, die sofort reagieren, Bedürfnisse antizipieren und sich in den Alltag integrieren. Können Finanzinstitute dieses Niveau an Service und Information nicht bieten, besteht die Gefahr, dass Vermögen nach dem Generationenwechsel zu anderen Anbietern wandert.

Institute, die KI gezielt einsetzen, können ihre Beraterinnen und Berater besser vorbereiten, Kundenfeedback schneller auswerten und Informationen verständlicher aufbereiten. Sie verbinden digitale Präzision mit menschlicher Beratung und positionieren sich als langfristige Partner.

KI-Strategie: Integration statt eigener Modelle

Viele Finanzinstitute stehen daher vor einer strategischen Entscheidung: eigene KI-Modelle entwickeln oder bestehende Technologien integrieren.

Die Erfahrung zeigt zunehmend, dass der Aufbau eigener Modelle für viele Institute zur strategischen Sackgasse werden kann. Hohe Trainings- und Wartungskosten, regulatorische Anforderungen und der Bedarf an spezialisiertem Know-how machen diesen Ansatz oft wirtschaftlich unattraktiv.

Eine erfolgreichere Strategie besteht häufig darin, etablierte Modelle zu nutzen, klare Governance-Strukturen einzuführen und KI tief in bestehende Prozesse zu integrieren. Das schafft Sicherheit und ermöglicht gleichzeitig Geschwindigkeit – ein entscheidender Vorteil in einem Markt, der sich heute deutlich schneller verändert als noch vor wenigen Jahren.

Die Zukunft der Vermögensberatung

Die Finanzbranche steht damit vor einer doppelten Transformation. Einerseits gewinnen jüngere und weibliche Anlegerinnen zunehmend an Bedeutung – Zielgruppen, deren Bedürfnisse sich von denen traditioneller Kundschaft unterscheiden. Andererseits verändern digitale Technologien grundlegend, wie Beratung organisiert und erlebt wird.

Die erfolgreichsten Institute werden jene sein, die beides miteinander verbinden: intelligent eingesetzte KI und echte menschliche Nähe.

Letztlich entscheiden nicht Technologie oder Daten über den Erfolg, sondern Vertrauen. KI kann Beratung effizienter machen, Risiken reduzieren und Informationen leichter zugänglich machen. Doch der entscheidende Faktor bleibt der Mensch; eine Beraterin oder ein Berater, der zuhört, komplexe Zusammenhänge erklärt und Kundinnen und Kunden langfristig begleitet.

Gerade für Frauen, die ihre finanzielle Zukunft zunehmend selbstbestimmt gestalten, kann diese Kombination aus digitaler Unterstützung und persönlicher Beratung den entscheidenden Unterschied machen.

Autorin Gemma Livermore ist International FS Marketing Lead bei Seismic.


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