Hand aufs Herz: Ein thesaurierender MSCI World oder besser noch MSCI All Country World oder FTSE All-World ETF eignen sich wirklich gut, um entspannt und weltweit zu investieren. Sie sind für viele das Fundament im Depot, oder das „Rundum-sorglos-Paket“. Wenn wir aber genau hinschauen, fehlt vielen von uns bei einem rein thesaurierenden Welt-Portfolio etwas Entscheidendes: Das Gefühl, dass unser Geld arbeitet und regelmäßig etwas auf unserem Konto landet.
In diesem Artikel widme ich mich einem Thema, das oft als „trockene Wissenschaft“ abgetan wird: Faktor-Investing. Aber keine Sorge, ich möchte nicht zu sehr auf die Theorie eingehen, sondern das Thema einfach und anschaulich erklären. Warum Dividenden-ETFs ein cleveres Faktor-Investment sein können und warum ich sie persönlich noch etwas lieber im Depot habe als einen klassischen MSCI-World-ETF.
Wer heute in diesen Index investiert, kauft zu fast 70 Prozent US-amerikanische Wertpapiere. Das ist grundsätzlich nicht schlecht und mitunter durchaus gerechtfertigt, schließlich haben dort aktuell viele der innovativsten Firmen der Welt ihren Sitz. Innerhalb dieser 70 Prozent dominieren wiederum die „Magnificent Seven“, also Apple, Microsoft, Nvidia und Co. Dadurch wird unser „Welt-ETF“ zunehmend zu einem Big-Tech-ETF. Wenn Nvidia hustet, bekommt das gesamte Depot eine Erkältung.
Genau hier setzt das Faktor-Investing an. Es zielt darauf ab, das Depot breiter aufzustellen und gezielt jene Aktienmerkmale zu gewichten, die sich historisch gesehen als überdurchschnittlich rentabel oder zumindest stabiler erwiesen haben.
Was sind also „Faktoren“? In der Finanzwissenschaft hat man herausgefunden, dass Aktien nicht nur zufällig steigen. Es gibt bestimmte „Eigenschaften“ (Faktoren), die langfristig einen Unterschied machen können. Die bekanntesten sind:
- Value (günstige Bewertung): Aktien, die im Vergleich zu ihrem Gewinn oder Buchwert „günstig” zu haben sind.
- Quality (Qualität): Unternehmen mit hohen Margen, geringen Schulden und stabilen Gewinnen.
- Momentum: Aktien, die einen Aufwärtstrend aufweisen.
- Small Cap: die Erkenntnis, dass kleinere Unternehmen (Nebenwerte) langfristig oft die großen Schwergewichte schlagen können, da sie wendiger und wachstumsstärker sind.
Und jetzt kommt der springende Punkt: Einige Dividenden-ETFs decken oft zwei dieser Faktoren gleichzeitig ab, nämlich Value und Quality.
Ein Unternehmen, das über einen Zeitraum von 10, 20 oder 25 Jahren nicht nur Dividenden zahlt, sondern diese auch noch regelmäßig steigert, kann das nicht mit Buchungstricks erreichen. Dividenden müssen aus dem Cashflow gezahlt werden. Das bedeutet: Die Firma muss echtes Geld verdienen. Wenn wir nun beispielsweise in einen Dividenden-ETF investieren, der auf „Dividenden-Aristokraten” oder „Quality Income” setzt, dann praktizieren wir Faktor-Investing. Wir eliminieren Unternehmen, die zu teuer sind (Anti-Value) oder zwar wachsen, aber noch kein Geld verdienen (Anti-Quality).
Tatsächlich ist die Psychologie an der Börse ein nicht zu unterschätzendes Thema. Der Grund ist einfach: Die beste Strategie ist nutzlos, wenn man sie in Krisen oder schwierigen Marktphasen nicht durchhält.
Ein thesaurierender MSCI World schreibt in der Krise rote Zahlen. Das Vermögen schrumpft auf dem Papier und es gibt keine „Belohnung“. Ein Dividenden-ETF hingegen schüttet meist weiter aus. Selbst wenn die Kurse 20 Prozent fallen, erscheint die Nachricht auf unserem Kontoauszug: „Gutschrift aus Dividende“. Das ist der „Motivations-Motor“. Dieser Cashflow hilft dabei, die Füße stillzuhalten. Allmählich beginnen Kursrücksetzer wie ein „Rabatt“ für weitere Dividenden-Titel zu wirken. Anstatt in Panik zu verkaufen, freut man sich über die nächste Gutschrift und kann das Geld dann nutzen, um weitere Aktien oder eben ETF-Anteile zu rabattierten Preisen einzukaufen. Das ist der wahre Grund, warum Dividendenstrategien oft so erfolgreich sind. Nicht, weil sie den Markt stets übertreffen, sondern weil sie Anleger dazu bringen, langfristig investiert zu bleiben.
Betrachten wir zunächst einmal die Unterschiede in der Zusammensetzung. Im MSCI World finden wir, wie eingangs schon erwähnt, ganz oben fast ausschließlich Tech-Unternehmen. Das sind Unternehmen, die alles in Wachstum investieren und oft keine oder nur sehr geringe Dividenden ausschütten. In einem Dividenden-ETF wie dem beliebten Vanguard FTSE All-World High Dividend Yield oder dem Fidelity Global Quality Income finden wir hingegen Namen wie Johnson & Johnson, Procter & Gamble, AbbVie oder JPMorgan oben in der Liste. Das sind Unternehmen, die unsere Welt im wahrsten Sinne des Wortes am Laufen halten. Sie verkaufen Zahnpasta, Medikamente, Lebensmittel und Finanzdienstleistungen. Das ist oft „langweilig“, aber in einem volatilen Marktumfeld ist diese Eigenschaft Gold wert. Es glättet die Kursschwankungen im Depot.
Damit eine Dividendenstrategie im Rahmen des Faktor-Investings erfolgreich ist, muss der Ansatz richtig umgesetzt werden. Ein häufiger Fehler von Aktienanlegern mit Fokus auf Dividenden ist es, ausschließlich auf eine hohe Dividendenrendite zu achten. Ein Wert von acht oder zehn Prozent ist jedoch meist ein Warnsignal. Oft bedeutet ein solcher Wert, dass ein Kurssturz aufgrund von Problemen eines Unternehmens stattgefunden hat. Eine mögliche Lösung besteht darin, auf ETFs zu setzen, die Qualitätsfilter eingebaut haben. Ein solcher ETF prüft beispielsweise:
– Wird die Dividende aus dem Gewinn gezahlt (Payout-Ratio)?
– Wachsen die Gewinne? Sind die Schulden im Griff?
Ein „Quality Income“-Ansatz ist hier häufig zielführender als ein reiner „High Yield“-Ansatz. Schließlich wollen wir keine Firmen im Depot, die ihre Substanz verzehren, um die Aktionäre zu beglücken. Darüber hinaus bringen ETFs automatisch eine gewisse Diversifikation mit sich, was die Sache deutlich entspannter machen kann.
Kein „Besserwissen“ gegenüber dem breiten Markt
Zwischen „Welt-ETF“ und „Dividenden-ETF“ zu entscheiden, ist nicht zwingend notwendig. Die Mischung macht’s!
Dazu drei Überlegungen:
- Der Core-Satellite-Ansatz: 70 Prozent bleiben im MSCI World (Kern). 30 Prozent wandern in einen Dividenden-ETF (Satellit), um den Cashflow zu erhöhen und die Tech-Lastigkeit zu senken.
- Die 50/50-Lösung: Beides zu gleichen Teilen. So ist das volle Wachstumspotenzial der Tech-Welt und gleichzeitig eine solide Cashflow-Basis enthalten.
- Der Fokus-Wechsel: Wenn bereits ein großes Depot vorhanden ist und man langsam in Richtung „finanzielle Freiheit“ oder Rente denkt, kann man neue Sparraten komplett in Dividendenwerte investieren, um das Einkommen aus Kapitalerträgen gezielt aufzubauen.
Die steuerliche Komponente (kurz und knapp): Ja, in Deutschland sind Ausschüttungen ab dem ersten Euro, der den Freibetrag von 1.000 Euro pro Jahr übersteigt, steuerpflichtig. Ein thesaurierender Fonds ist mathematisch oft im Vorteil, da die Steuer erst beim Verkauf anfällt. Allerdings ist dieser Punkt durch die Vorabpauschale heute nicht mehr so groß wie noch vor einigen Jahren. Doch was nützt der größte mathematische Vorteil in 30 Jahren, wenn man bereits nach fünf Jahren aufgibt, weil die nüchternen Zahlen keine Freude bereiten, oder eben eine Krisensituation zum Panikverkauf führt? Die Steuer ist für viele der Preis für Liquidität und psychologische Gelassenheit.
Fazit: Faktor-Investing ist kein „Besserwissen“ gegenüber dem breiten Markt, sondern eine am Marktgeschehen orientierte Strategie, um gezielte Akzente im Depot zu setzen. Während ein klassischer Welt-Index wie der MSCI World die gesamte Marktrendite (das sogenannte „Beta”) einsammelt, konzentrieren wir uns beim Faktor-Investing auf spezifische Eigenschaften von Unternehmen, die historisch gesehen über lange Zeiträume eine attraktive risikobereinigte Rendite geliefert haben. Und diese lassen sich mit entsprechenden ETFs wunderbar im eigenen Depot abbilden.
Sie nehmen die Aggressivität aus dem Depot, liefern regelmäßige Erfolgserlebnisse und machen den Vermögensaufbau „greifbar”. Wer sich also fragt, ob neben einem Welt-ETF noch Platz für Dividenden ist, für den kann die Antwort lauten: Ja, durchaus. Es handelt sich nicht um einen Widerspruch, sondern um eine sinnvolle Ergänzung für alle, die langfristig und entspannt Vermögen aufbauen möchten.
Lisa Osada ist Finanzbuchautorin mit über 100.000 Followern bei Instagram und Gründerin von Aktiengram.










