„Frauen sind prädestiniert für Beratertätigkeiten“

Helma Sick ist Inhaberin und Geschäftsführerin der Münchner Finanzberatung „Frau & Geld“ und Mitglied des Netzwerks „Finanz Fach Frauen“. Cash. hat mit der Finanzberaterin über Chancengleichheit im Finanzvertrieb und die Beratung weiblicher Kunden gesprochen.

Helma Sick, Frau & Geld: „Freie Finanzberaterinnen können sehr gut Beruf und Familie miteinander vereinbaren.“

Haben Männer und Frauen grundsätzlich die gleichen Chancen in der Finanzbranche Karriere zu machen?

Ja, natürlich. Auf jeden Fall bei denen die selbständig sind. Bei Banken und anderen Finanzinstitutionen sehe ich die gleichen Chancen nicht gegeben. Frauen auf der Führungsetage gibt es dort nur wenige. In 83 Prozent der Finanzinstitute sind auf der Vorstandsebene Männer unter sich.

Warum sind Frauen im Vertrieb und auf der Führungsebene immer noch in der Minderheit?

Zu Beginn meiner Tätigkeit, also vor 26 Jahren, wurden Frauen in der Branche (als freie Finanzberater) nicht für voll genommen. Frauenfeindliche Witze waren an der Tagesordnung. Ganz ausgestorben sind diese Dinosaurier noch nicht, es gibt Fachblätter, die es lustig finden, frauenfeindliche Altherrenwitze zu bringen.

Insgesamt aber ist die Akzeptanz von Frauen in der Branche deutlich besser geworden. Ein Grund kann auch sein: Frauen interessieren sich eher weniger für den Themenkreis „Wirtschaft und Finanzen“.

Warum sind Sie in die Finanzberatung gegangen?

Mich haben Finanzen immer schon interessiert. Ich wollte aber speziell Finanzberatung für Frauen anbieten, weil ich hier damals – 1987 – einen sehr großen Bedarf gesehen habe.

Sollte es eine gesetzlich vorgeschriebene Frauenquote geben?

Ich bin grundsätzlich für die Frauenquote. Wir haben lange genug gewartet, dass sich auf freiwilliger Basis etwas verändert. Es geht wohl nur mit Zwang. Jedenfalls haben andere Länder damit sehr gute Erfahrungen gemacht. Die Quote macht aber doch eher in angestellten Berufen, also bei Banken, Sinn und nicht in einer Branche, in der überwiegend Selbständige tätig sind.

Wie könnten mehr Frauen für die Beratertätigkeit gewonnen werden?

Frauen sind prädestiniert für Beratertätigkeiten und sie sind so gut ausgebildet wie nie zuvor. Freie Finanzberaterinnen können sehr gut Beruf und Familie miteinander vereinbaren. Das kann ein Anreiz sein.

Bei Banken dürfte das nicht so leicht sein. Arbeitgeber müssten hier neue Wege gehen und andere Arbeitszeitmodelle anbieten. Und natürlich müssten da auch die Männer mit machen und sich zum Beispiel die Elternzeit mit ihrer Partnerin teilen.

Inwieweit beraten Frauen anders als Männer?

Beraterinnen können meist anders auf Frauen eingehen. Sie kennen ja die finanziellen Fallstricke im Leben von Frauen – wenn sie Partnerschaften eingehen, Kinder haben, kein eigenes Geld verdienen, nach der Elternzeit nur schwer in den Beruf zurück finden, Trennung und Scheidung erleben.

Die Finanzberaterinnen, mit denen ich zusammen arbeite, sind an der Person, die vor ihnen sitzt, interessiert und nicht am schnellen Produktverkauf. Sie können sich einfühlen und zuhören und der Kundin das vorschlagen was sie wirklich braucht ohne auf die Provision zu schielen.

Inwieweit unterscheiden sich die Beratungsgespräche mit männlichen und weiblichen Kunden?

Frauen denken häufig eher kurzfristig bei der Geldanlage. Da ihre Lebensumstände sich eher ändern können als das bei Männern der Fall ist, ist eine Langfristplanung für sie meist schwierig. Das geht leider oft zu Lasten der Rendite.

Haben Frauen andere Wünsche beziehungsweise Bedürfnisse?

Frauen legen großen Wert auf Sicherheit und Überschaubarkeit einer Geldanlage. Die unterschiedlichen Lebensphasen wie Berufstätigkeit, Elternzeit, Teilzeitbeschäftigung, eventuell Existenzgründung oder auch Trennung/Scheidung erfordern flexible Produkte. Außerdem leben Frauen länger und dürfen schon deshalb die Altersvorsorge auf keinen Fall vernachlässigen.

Was ist bei der Beratung von Frauen außerdem wichtig?

Frauen mögen kein Fachchinesisch. Sie möchten verstehen was passiert und wie es funktioniert. Hier gibt es einen interessanten Unterschied: Während sich Männer schnell von bunten Diagrammen und Kurvendarstellungen beeindrucken lassen, fordern Frauen ausführliche Hintergrundinformationen. Außerdem interessieren sich mehr Frauen als Männer für ökologisch/ethische Geldanlagen.

Männer gehen nicht unbedingt besser mit Geld um. Sie interessieren sich nur mehr dafür. Männer sind oft risikobereiter, auch wenn sie nicht besonders viel wissen. Die mögliche Rendite einer Anlage steht für sie im Vordergrund. Studien haben gezeigt, dass Frauen im Vergleich zu männlichen Anlegern überlegter und beständiger handeln, was sich letztlich auszahlt.

Welche Versicherungen / Finanzprodukte sollte frau heute besitzen?

Ein Muss für junge Frauen sind Haftpflicht- und Berufsunfähigkeitsversicherung. Für die Altersversorgung ist Riester die erste Wahl, für junge Leute eher Riester-Fondssparpläne, für ältere eher Riester-Rentenversicherungen. Die Rürup-Rente für gut verdienende Selbständige. Für die Altersvorsorge ein Mix aus Rentenversicherung und Fonds.

 

Interview: Julia Böhne

Foto: Frau & Geld

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