Hilfsaktion von Fonds Finanz und lets an der ukrainischen Grenze: „Die Menschen waren sichtlich erschöpft“

Foto: Fonds Finanz
Istvan Palfy und Ludwig Petersen (Mitte) von lets kurz vor der Abfahrt in München mit Stephanie Haberl, die die Aktion bei Fonds Finanz betreut hat

In der letzten Woche haben der Maklerpool Fonds Finanz, die lets GmbH und der Verein letsact einen mit Sachspenden und Lebensmitteln beladenen Charter-Bus von München auf den Weg in die rumänisch-ukrainische Grenzregion gebracht. Cash.-Interview mit lets-Geschäftsführer Ludwig Petersen über die Hintergründe und den Ablauf der Hilfsaktion

Wie kam es zu der Hilfsaktion an der rumänisch-ukrainischen Grenze?

Petersen: Uns hat die politische Spannung zwischen Russland und der Ukraine bereits in den Wochen vor den Angriffen der russischen Truppen beunruhigt. Schon damals kreisten unsere Gedanken um die unschuldige Bevölkerung und darüber, was ein bis dahin noch im Raum stehender Krieg für die Welt bedeuten würde. Mit unseren Entwicklern, die von der Ukraine aus für lets tätig sind, wurde der Ukraine-Krieg für uns erst recht zu einem sehr persönlichen Thema. Bei lets verstehen wir uns als Familie und kennen alle Kollegen persönlich – auch die aus der Ukraine. Sie haben uns bei Team-Events begleitet und wir haben sie auch schon zuvor in der Ukraine besucht. Keine Frage, dass wir ihnen unmittelbar unsere volle Unterstützung zugesichert haben. Am 1. März hat uns Dimitriy, einer unserer Entwickler, mitgeteilt, dass sich 13 seiner Verwandten – ausschließlich Frauen und Kinder – auf der Flucht befinden und an der Grenze abgeholt werden müssten. Daraufhin haben wir kurzerhand unser ganzes Team informiert, eine Task Force gebildet und in zwei Teams aufgeteilt: „Transport“ und „Unterkunft“. Uns war es wichtig, so viele hilfsbedürftige Menschen wie möglich in Sicherheit bringen zu können und haben dafür einen großen Reisebus mit 55 Plätzen für den 2. März organisiert.

Wie ist die Hilfsaktion genau abgelaufen?

Petersen: Um im Vorfeld mehr über die Lage vor Ort zu erfahren, haben wir uns mit vielen engagierten Helfern aus dem Münchner Kulturzentrum „Gorod“ ausgetauscht, die uns freundlicherweise eine weitere Übersetzerin und privat gespendete Hilfsgüter für die Aktion zur Verfügung gestellt haben. Außerdem waren wir während unserer Planungen immer im engen Austausch mit Norbert Porazik und seinem CSR-Team bei der Fonds Finanz, die allesamt das Projekt mit Herzblut unterstützt und finanziert haben. Um 14 Uhr des 2. März starteten mein Kollege Istvan und ich mit zwei Busfahrern und zwei Übersetzerinnen endlich die Reise von München aus in Richtung rumänisch-ukrainische Grenze – ohne eine wirkliche Vorstellung davon zu haben, was uns vor Ort erwarten wird. Den ersten Stopp legten wir für ein paar Stunden Schlaf um 4 Uhr nachts ein. Als wir um 10 Uhr weiterfuhren, erreichte uns die Nachricht, dass Dimitriys Familie bereits über die Grenze gelangt ist. Das waren gute Nachrichten, da der Grenzübertritt zwischen zwei bis fünf Tagen dauern konnte – ungeachtet der sehr kalten Temperaturen.

Welche Eindrücke haben Sie an der rumänisch-ukrainischen Grenze sammeln können?

Petersen: Die Hilfsbereitschaft der Rumänen war unfassbar groß. Beispielsweise hatten alle Tankstellen im Umkreis von 50 Kilometern Entfernung zur Grenze Tische mit kostenlosen Lebensmitteln und Wasser für die Geflüchteten bereitgestellt. Insgesamt wirkte alles sehr gut organisiert und dank der vielen engagierten Menschen und Hilfsorganisationen vor Ort lief die Aufnahme der Geflüchteten recht reibungslos ab. Selbst an der ungarisch-rumänischen Grenze, wo die Wartezeiten über 24 Stunden dauern können, gab es viele hilfsbereite Rumänen, die Essen und Getränke ausgaben und dabei halfen, liegengebliebene Autos zum Anspringen zu bringen. So tragisch die Situation war, umso schöner war es zu sehen, wie alle zusammengehalten und geholfen haben. Die Menschen, die an der rumänisch-ukrainischen Grenze ankamen, waren vor allem sehr müde. Oft hatten sie mit ihren kleinen Kindern eine tagelange Reise hinter sich und waren sichtlich erschöpft. Tränen waren an der Grenze vorprogrammiert – vor Erleichterung, Hoffnung, Traurigkeit und Schock über das Erlebte in den letzten Tagen und Stunden. Auch unsere Übersetzerinnen waren von den geschilderten Ereignissen der Geflüchteten emotional sehr ergriffen.

Letzte Vorkehrungen kurz vor der Abreise aus Rumänien (Foto: Fonds Finanz)

Wie viele Geflüchtete konnten Sie insgesamt nach München bringen?

Petersen: Wir konnten insgesamt rund 40 Geflüchtete nach München bringen. Alle Passagiere waren ausschließlich Frauen, Kinder und Babys, die ihre Partner bzw. ein Elternteil zurücklassen mussten. Wehrfähige Männer hatten keine Chance mehr, die Ukraine zu verlassen. Bevor wir uns auf den Rückweg machten, hatten uns einige Menschen bereits ihre Ziele genannt, die entlang unserer Route lagen und so haben wir verschiedene Stopps in Budapest, Wien und anderen kleineren Orten eingelegt. In München angekommen, teilten wir uns auf: Eine Gruppe brachten wir in ein Hotel, eine andere Gruppe zu Freunden und eine dritte Gruppe in eine Fonds-Finanz-Wohnung, die uns von Norbert Porazik zur Verfügung gestellt wurde. Die restlichen Geflüchteten hatten unterschiedliche Ziele wie Nürnberg, Berlin oder Frankfurt und reisten vom Hauptbahnhof dorthin weiter.

War das eine einmalige Hilfsaktion oder planen Sie weitere Einsätze in der Grenzregion?

Petersen: Eigentlich war das eine einmalige Hilfsaktion mit der Idee, die Familien unserer Entwickler abzuholen. Aber nachdem wir den Impact unseres Einsatzes erlebt haben, können wir weitere Einsätze nicht ausschließen. Insbesondere, weil sich der Weg von der rumänisch-ukrainischen Grenze nach Deutschland für viele mittellose Geflüchtete als sehr langwierig und schwierig gestaltet. Im Moment kümmern wir uns aber um die Geflüchteten, die in München angekommen sind und unterstützen sie bei ihrer Registrierung, Jobsuche oder der Belegung von Sprachkursen sowie Suche geeigneter Schulen für die Kinder. Ansonsten unterstützen wir Organisationen beim Sammeln von Geld- und Sachspenden wie Medikamente und erstellen Informationsmaterialien für die Geflüchteten vor Ort.

Die Fragen stellte Kim Brodtmann, Cash.

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