Insurtechs: Ein großes Wagnis

Foto: Hepster
Hepster-Chefs Christian Range, Hanna Bachmann, Alexander Hornung (v.l.) mit Bürohund Lotti

Der Reiz für Start-ups, selbst Versicherungen anzubieten, könnte aufgrund neuer regulatorischer Vorgaben der Bafin bald deutlich nachlassen. Bei Brancheninitiativen und Insurtechs sorgen die Pläne der Finanzaufsicht für Kopfschütteln.

„Der Versicherungsmarkt ist saturiert und sehr wettbewerbsintensiv. Neben den großen Versicherern als Platzhirschen in etablierten Vertriebskanälen tummeln sich auch zahlreiche Digitalversicherer oder Aggregatoren im Markt. Dagegen haben es Newcomer ohne Markenbekanntheit schwer – vor allem, wenn sie auf Vertriebspartnerschaften verzichten.“

Saturiertheit – dieser Begriff bleibt hängen, wenn man das Statement von Frank Gehrig gelesen hat, Partner und Insurance Specialist bei der Unternehmensberatung Simon-Kucher & Partners. Laut Wikipedia bezeichnet Saturiertheit (von lateinisch: saturare, sättigen) einen Zustand bürgerlicher Zufriedenheit, zum einen neutral im Sinne von „befriedigt, ohne weitere Ansprüche“, zum anderen (abwertend) „übersättigt, ohne geistige Ansprüche“. Ist der deutsche Versicherungsmarkt also befriedigt, im schlimmsten Fall gar übersättigt? Und haben Newcomer und mit ihnen technologische Innovationen dort keine Chance mehr?

Beim Rostocker Insurtech Hepster, das (E-)Bike-, Elektronik-, Tier-, Reise- und Sportversicherungen anbietet, folgt man Gehrings Einschätzung grundsätzlich – für übersättigt hält CEO Christian Range den Markt aber nicht: „Zusätzlich zu den etablierten Versicherungsmarken haben sich in den letzten Jahren viele Insurtechs auf den Markt gewagt und kämpfen nun um die digital-affine Kundschaft. Dieser Markt birgt unserer Meinung nach aber sowohl in Deutschland als auch in Europa ausreichend Potenzial für alle Akteure, die sich um die zielgruppengerechte Produktentwicklung und Customer Journey bemühen und nicht nur auf den Absatz, sondern auch auf ihre Unit Economics achten.“ Vertrauen und Markenbildung spielen seiner Meinung nach gerade im Bereich Versicherungen eine große Rolle, was gemeinsam mit hohen Investitionen in Research & Development und Kosten für eine eigene Lizenz die Eintrittshürden für neue Anbieter bilde.

Newcomer sollten auf Kooperationen setzen, wenn sie erfolgreich sein wollen, rät das Insurlab Germany, eine Brancheninitiative der deutschen Versicherungswirtschaft, die von über 75 Versicherungsunternehmen, branchennahen Dienstleistern, Insurtechs und Hochschulen getragen wird. „Meiner Meinung nach hat sich der Insurtech-Markt in Deutschland in den vergangenen Jahren sehr positiv entwickelt. Das fußt vor allem auf der Kollaboration etablierter Versicherungsunternehmen und Start-ups, was den Raum für neue Produkte und Services schafft und damit den Weg für Innovationen ebnet“, so Managing Director Sebastian Pitzler. „Insurtechs tragen damit erheblich zur digitalen Transformation an sich bei. Die meisten Newcomer verstehen sich nämlich darauf, bestehende Wertschöpfungsketten oder Serviceangebote durch ihre Lösungen smarter bzw. digitaler zu gestalten. So haben wir als Insurlab Germany während der Pandemie beobachten können, dass Start-ups ‚digitale Engpässe‘ durch ihre Lösungen sehr kurzfristig lösen konnten, wovon sie, die Versicherer und vor allem die Kunden profitieren.“ Insurtechs, die auf Kollaboration ausgelegt sind, seien gefragte Partner im Markt. „Insurtechs, die selbst als Risikoträger aufgestellt und nicht auf Kooperationen ausgelegt sind, sind bedeutend seltener im Markt anzutreffen und haben es ungleich schwerer“, so Pitzler.

Versicherer kollaborieren mit Start-ups

Natürlich sei es als Start-up am Anfang immer schwer, ergänzt Christopher Oster, CEO und Co-Gründer des digitale Versicherungsmanagers Clark. „Aber mit einem guten Produkt hat man auch immer eine Chance.“ Genau das biete Raum für Innovationen und frische Ansätze. „Ich bin mir sicher, dass es da draußen weiterhin viele Gründerinnen und Gründer gibt, deren Ideen die Versicherungsbranche voranbringen können.“ Auch er plädiert für Kooperationen zwischen Insurtechs und großen Versicherungshäusern: „Die Bekanntheit und Marktanteile der ‚Großen‘ treffen auf die digitale Agilität und das Innovationspotenzial der ‚Kleinen‘.“ Das sei auch für die Kunden vorteilhaft.

Auf der Kapitalseite erlebten Finanz-Start-ups in Deutschland 2021 ein Rekordjahr. Von Januar bis Ende September bekamen junge Finanzfirmen 3,2 Milliarden Euro Wagniskapital von Investoren, wie eine Analyse der Comdirect Bank mit der Beratungsfirma Barkow Consulting und dem Commerzbank-Investor Main Incubator zeigt. Damit lag dieses Jahr schon zum Stichtag um 1,5 Milliarden Euro über dem gesamten Rekordjahr 2019. Bis Ende September gab es demnach 137 Finanzierungsrunden, bis zum bisherigen Rekordjahr 2019 mit 150 Runden fehlten nur wenige Deals. Auch bei den Gründungen zeigt der Trend nach oben, neu hinzu kamen von Januar bis Ende September 84 Start-ups. Insgesamt wurden erstmals mehr als 1.000 Finanz-Start-ups in Deutschland gezählt. „Der Sektor erlebt über 15 Jahre nach Aufkommen der ersten deutschen Fintechs einen zweiten Frühling“, sagt Alena Kretzberg, Bereichsvorständin Comdirect und Digital Banking bei der Commerzbank. „Digitale Finanzangebote profitieren ungemein von den durch die Pandemie veränderten Gewohnheiten bei Konsum und Banking.“

Dabei galt vor allem das digitale Angebot der Versicherer noch vor wenigen Jahren als mangelhaft. Der Digitalisierungsgrad der Versicherungsbranche sei aber vor allem deshalb kontinuierlich gestiegen, weil die etablierten Versicherer nicht nur in moderne Technologien, sondern auch in die Kollaboration mit Start-ups und weiteren Technologiepartnern investiert hätten, erklärt Pitzler. „Insurtechs gestalten die digitale Transformation also aktiv mit. Daher handelt es sich unserer Auffassung nach nicht um einen Wettbewerb zwischen Neueinsteigern und traditionellen Vertretern der Branche. Insurtechs können den etablierten Versicherungen dabei helfen, digitaler zu werden. Das ist überaus reizvoll für beide Seiten.“

Der Reiz für Newcomer, selbst Versicherungen anzubieten, könnte aufgrund neuer regulatorischer Vorgaben dagegen deutlich nachlassen. Insurtechs, die selbst das Risiko tragen und nicht auf Versicherungspartner zurückgreifen wollen, benötigen dafür eine Lizenz der Finanzaufsicht Bafin. Diese soll künftig laut einer Ankündigung im „Bafin-Journal“ aus dem letzten Jahr aber nur noch erteilt werden, wenn das Start-up am Tag des Lizenzantrags die vollständige Ausfinanzierung nachweisen kann. Ein Plan, der in der Branche für Kopfschütteln sorgt: „Die Idee der Bafin geht völlig an der Realität der Start-up-Finanzierung vorbei“, sagt Achim Berg, Präsident des Branchenverbands Bitkom. „Start-ups wachsen über mehrere Finanzierungsrunden, bei denen unterschiedliche Investoren beteiligt sind. Werden die Bafin-Pläne umgesetzt, wird eine Versicherungslizenz für unabhängig finanzierte Start-ups unmöglich, da von Anfang an viel zu viel Kapital für langfristige Rückstellungen aufgewendet werden müsste.“ Die deutschen Versicherer sprechen sich ebenfalls gegen verschärfte Finanzierungsauflagen für Versicherungs-Start-ups aus. „Wir sind gegen Sonderregeln für Insurtechs, sowohl was großzügige Erleichterungen als auch was höhere Anforderungen betrifft“, sagt Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbands der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Zusätzliche Eintrittshürden behinderten den Wettbewerb und Innovationen, ohne mehr Schutz für Verbraucher zu schaffen, bemängelt er.

Abwanderung ins Ausland verhindern

Alexander Hornung, CPO von Hepster, sieht die Pläne der Bafin sehr kritisch, wie er sagt. „Die Gefahr besteht, dass sich Deutschland mittels Überregulierung möglichen Innovationen verschließt und diese Reaktion auf Einzelfälle der letzten Jahre über das Ziel hinausschießt“, sagt er. Aus seiner Sicht wäre ein Mehrstufenplan einem solch resoluten Vorgehen vorzuziehen. Auch das Insurlab Germany kritisiert die geplanten regulatorischen Vorgaben. „Sie erschweren es Insurtechs, mit eigener Bafin-Lizenz bzw. als eigenständiger Risikoträger im deutschen Markt tätig zu werden, da beispielsweise eine entsprechende Solvenz nachgewiesen werden muss“, so Pitzler. Aus Verbraucherschutzaspekten sei dies zwar begrüßenswert. „Für Start-ups bedeutet dies jedoch, dass sie bereits zu einem früheren Zeitpunkt ein erhöhtes Kapital aufbringen müssen.“ Deshalb dürfte die Bedeutung von Wagniskapitalgebern für Start-ups weiter steigen, erwartet er. „Hier gibt es im deutschen Start-up-Markt – vor allem im Vergleich zum internationalen Wettbewerb – auf jeden Fall noch Nachholbedarf.“

Schlimmstenfalls könnten die geplanten Hürden für Insurtechs dem Start-up-Standort Deutschland schaden und Innovationen ins Ausland treiben, befürchtet Bitkom-Chef Berg. „Statt hierzulande die Aufsicht über Versicherungs-Start-ups wahrzunehmen, würde die Bafin ihre Zuständigkeit an ausländische Aufsichtsbehörden abgegeben. Mit den angedachten Regelungen wäre weder den Versicherungs-Start-ups noch dem Verbraucherschutz gedient. Die Bafin sollte diesen Plan begraben.“ Hepster-COO Hanna Bachmann gehört dem Vorstand des Arbeitskreises Digital Insurance und Insurtech bei Bitkom an und war an der Stellungnahme des Verbands beteiligt: „Wir beobachten in den letzten Monaten eine Vielzahl europäischer Player, die den Markteintritt in Deutschland vollziehen und vorbereiten. Verlieren wir jetzt an Geschwindigkeit, bleibt nur zu hoffen, dass wir als Unternehmen aus Deutschland – Insurtechs und etablierte Versicherer – unsere Wettbewerbsvorteile halten und ausbauen können.“

Auch Oster befürchtet, dass die geplante Regelung eine Erschwernis für aufstrebende Start-ups darstellen würde – „auch wenn die Regelung noch nicht in Kraft getreten ist und es somit für Spekulationen noch etwas zu früh ist“, wie er betont. Tatsächlich gibt es in der Branche noch Hoffnung, dass die Pläne der Bafin unter der neuen Bundesregierung nicht in die Praxis umgesetzt werden. Immerhin heißt es im Koalitionsvertrag von SPD, Grünen und FDP unter anderem: „Wir werden für effektive und zügige Genehmigungsverfahren für Fintechs sorgen.“ Eine Ankündigung, die sich mit den Plänen der Bafin eigentlich nicht vereinbaren lässt.

Um eine Abwanderung der Fintechs ins Ausland zu verhindern, müssten aber auch die digitalen Rahmenbedingungen in Deutschland verbessert werden. Erst kürzlich zeigte eine ifo-Studie im Auftrag der Industrie- und Handelskammer (IHK) München/Oberbayern den Handlungsbedarf für die neue Bundesregierung bei der Digitalisierung auf. „Deutschland zeigt bislang im internationalen Vergleich bei der Digitalisierung eine deutliche Tendenz zum Mittelfeld“, fasst ifo-Experte und Studienautor Oliver Falck zusammen. „Damit Deutschland ein führendes Innovationsland bleibt, muss die Regierungskoalition jetzt dringend die notwendigen Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche digitale Transformation in den kommenden Jahren setzen“, ergänzt IHK-Präsident Klaus Josef Lutz. „An etlichen Stellen liegt es allerdings auch an den Unternehmen selbst, die Chancen der Digitalisierung in ihrer ganzen Breite zu erkennen und zu nutzen“. Die Wirtschaftsforscher sehen einen großen Hebel in der besseren Anwendung digitaler Schlüsseltechnologien und Daten für neue Produkte und Dienstleistungen. Zu selten würden jedoch digitale Innovationen in marktfähige Geschäftsmodelle umgesetzt. Ein Vorwurf, der auf die deutschen Insurtechs eher nicht zutrifft.

Prominente Rolle in den Koalitionsverhandlungen

Die neue Bundesregierung hat den Handlungsbedarf offenbar erkannt: Digitale Themen dominieren den 177-seitigen Koalitionsvertrag, das Wort „digital“ taucht darin 188-mal auf. Und auf Seite 172 heißt es unter der Überschrift „Digitale Finanzdienstleistungen und Währungen“: „Für Fintechs, Insurtechs, Plattformen, Neo Broker und alle weiteren Ideengeber soll Deutschland einer der führenden Standorte innerhalb Europas werden. Es gilt, die mit den neuen Technologien, wie zum Beispiel Blockchain, verbundenen Chancen zu nutzen, Risiken zu identifizieren und einen angemessenen regulatorischen Rahmen zu schaffen.“ In der Branche wird das mit Wohlwollen registriert: „Ich freue mich, dass die Bundesregierung den Handlungsbedarf bezüglich der Digitalisierung in Deutschland erkannt hat. Jede Maßnahme, die darauf abzielt, Deutschland als Digitalstandort zu stärken, ist eine Maßnahme, die nicht nur der Wirtschaft im Allgemeinen sondern gerade auch Start-ups und Insurtechs im Speziellen zugute kommt“, betont Oster.

Auch Pitzler begrüßt, dass die Themen Digitalisierung und Start-up-Förderung eine prominente Rolle in den Koalitionsverhandlungen gespielt haben. „Insofern erhoffen wir uns entsprechende Förderungen und Finanzierungen, die die Aussichten auf einen digitalen Aufbruch untermauern“, sagt er. Die Brancheninitiative, der er angehört, kann dabei sogar mitwirken: „Als Insurlab Germany sind wir Teil der sogenannten Digital Hub Initiative, welche im neu zugeschnittenen Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz beheimatet ist. Insofern werden wir also auch selbst einen aktiven Beitrag dazu leisten, die digitale Transformation der deutschen Versicherungswirtschaft aktiv zu gestalten und voranzutreiben.“ Ob das gelingt, werden die nächsten vier Jahre zeigen.

Kim Brodtmann, Cash.

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