Christine Kiefer, Ride Capital: „In der Symbiose liegt die Chance“

Foto: Nobusama Fotografie
Christine Kiefer

Cash. sprach mit Christine Kiefer, Geschäftsführerin der Ride GmbH, über die Vorteile einer vermögensverwaltenden GmbH, die Männerdominanz in der Finanzbranche und schnellere Genehmigungsverfahren für Fintechs.

Frau Kiefer, Ride unterstützt Privatanleger bei der Gründung und Verwaltung einer vermögensverwaltenden GmbH (vvGmbH). Was ist eine vvGmbH und wie kann man über dieses Konstrukt investieren?

Kiefer: Mein Mitgründer Felix Schulte und ich haben in den Bereichen Private Equity und Investmentbanking gearbeitet und dort gesehen, wie vermögende Menschen ihr Geld anlegen. Typischerweise fängt man im Private Banking damit an, das Vermögen sinnvoll zu strukturieren. Dafür gibt es verschiedene Vehikel. Eins davon ist für größere Vermögen die Stiftung, die kleinere Version ist die vvGmbH. Wenn jemand eine Firma eröffnet, dann stellt sich die Frage, in welcher Rechtsform er das tun sollte. Wer es professionell angehen will, wird auf alle Fälle eine GmbH gründen, weil sich dann die private Haftung auf das Stammkapital beschränkt. Das kann man auf den Bereich Geldanlage und Vermögensverwaltung übertragen. Wer seine Geldanlage professionalisieren möchte, kann dazu das Konstrukt der GmbH verwenden. Dazu sagt man vvGmbH, wenn der Geschäftszweck darauf abzielt, lediglich sein Vermögen zu verwalten, nicht aber Produkte herzustellen oder Dienstleistungen anzubieten.

Wie unterstützen Sie die Anleger dabei?

Kiefer: Die GmbH-Gründung ist kein einfacher Weg, es gibt dabei einige Punkte zu beachten. Wir befinden uns an der Schnittstelle zwischen Gesellschaftsrecht, Steuerrecht und dem Thema Geldanlage. So stehen Anleger am Anfang vor der Frage: Brauche ich jetzt einen Anwalt, einen Steuerberater oder einen Notar? Oder brauche ich alle drei Personen, um erfolgreich eine GmbH zu gründen? Deutschland hat ja die Hürde der verkammerten Berufe. Ein Rechtsanwalt berät zwar rechtlich, wird aber auf keinen Fall steuerrechtlich beraten, genauso kann der Steuerberater keine rechtlichen Hinweise geben. Deshalb bringen wir all das auf einer Plattform zusammen: Notare, Anwälte und Steuerberater. Vor allem versuchen wir, all jene Konzepte, die keine Individualberatung benötigen, leicht und verständlich zu erklären, zum Beispiel auf unserem Youtube-Kanal. Und wir versuchen, unseren Kunden die meisten Schritte abzunehmen. Das geschieht durch eine Vollmacht, danach begleiten wir sie durch die GmbH-Gründung und sind für alle Fragen die erste Anlaufstelle.

Für welchen Anlegertyp ist das Modell geeignet?

Kiefer: Es gibt verschiedene Situationen, in denen man klar sagen kann, ob das Modell geeignet ist oder nicht. Bei kleineren Vermögen unter 80.000 Euro macht es eher keinen Sinn, schon aufgrund der jährlichen Kosten, die mit der vvGmbH verbunden sind. Ab 100.000 Euro liquidem Vermögen ist eine Summe erreicht, bei der man darüber nachdenken kann. Wir haben auf unserer Website einen Selbsttest konzipiert: Man kann dort eingeben, was man hat, was man spart, welche Anlagestrategie man hat und bekommt dann angezeigt, ob es sich lohnt oder nicht. Da sind wir ehrlich mit unseren Kunden, wir wollen ja niemandem eine GmbH aufschwatzen.

Wie wird das Modell von den Kunden angenommen?

Kiefer: Sehr gut. Die Pandemie hat uns in die Hände gespielt, weil in der Zeit viele Menschen gespart und sich intensiv mit dem Thema Geldanlage auseinandergesetzt haben. Viele Kunden sind vor zwei Jahren eingestiegen und haben von der Erholung der Aktienmärkte profitiert. Eine besondere Gruppe sind die Trader, die mit sogenannten Termingeschäften handeln. Für die hat sich Ende 2020 eine Gesetzesänderung ergeben, die dazu geführt hat, dass die GmbH im Prinzip der einzige Ausweg ist, um weiter traden zu können wie bisher. Von diesen Gruppen wird unser Modell sehr gut angenommen. Gerade wenn es darum geht, den Behördendschungel zu meistern, sind unsere Kunden sehr dankbar, dass wir ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen. In Zukunft wird es auch mehr Unterstützung bei der Geldanlage und Portfoliokonstruktion von uns geben.

Seit 2016 unterstützen Sie mit Ihrem Netzwerk „Fintech Ladies“ Frauen im Finanz- und Tech-Bereich. Stellen Sie eine Entwicklung fest, die dazu führen könnte, die Dominanz der Männer in der Finanzdienstleistungsbranche aufzubrechen?

Kiefer: Es ist tatsächlich so, dass die Finanzbranche männerdominiert ist, die IT-Branche auch. Und an der Schnittstelle, im Fintech-Bereich, gibt es ebenfalls einen Männer-Überschuss. Auch die meisten Gründer sind Männer. Ich sehe aber durchaus einen positiven Trend. Das Bewusstsein, ein ausgeglicheneres Verhältnis der Geschlechter herzustellen, ist überall angekommen – sowohl in der traditionellen Finanzwelt als auch in der Start-up-Szene. Viele Unternehmen legen jetzt ihr Augenmerk darauf – und es funktioniert auch. Es gibt mittlerweile viele Gründerinnen und auch auf der Management-Ebene tut sich was. Und es gibt viele Initiativen, die darauf abzielen, zum Beispiel die „Fintech Ladies“ mit über 1.000 weiblichen Mitgliedern.

Schreckt die Männerdominanz Frauen davon ab, in dieser Branche zu arbeiten?

Kiefer: Es ist grundsätzlich abschreckend, wenn man feststellt, dass man zu einer Minderheit gehört. Dann schleicht sich schnell das Gefühl ein: ‚Ich gehöre hier nicht her. Vielleicht ist es auch gar nicht gewollt, dass ich hier bin.‘ Deshalb ist es wichtig, dass man Singale setzt. Bei den „Fintech Ladies“ sagen viele Frauen, die zum ersten Mal bei einem unserer Events sind: ‚Wow, ich hätte nicht gedacht, dass noch so viele andere Frauen in diesem Bereich arbeiten.‘ Das ist für sie eine tolle Erfahrung und eine Bestätigung, dass ihre Karriereentscheidung richtig war.

Sie waren bis vor Kurzem Mitglied im Fintech-Rat des Bundesfinanzministeriums. Was macht dieser Rat genau?

Kiefer: Im Fintech-Rat kommen verschiedene Vertreter aus der Wirtschaft zusammen, um einen Austausch zwischen Politik und Wirtschaft zu ermöglichen. Er läuft immer für eine Legislaturperiode, ich war in den letzten vier Jahren Mitglied. Seit Kurzem gibt es eine Neuauflage, die „Digital Finance Forum“ heißt und unter Bundesfinanzminister Christian Lindner läuft. Ich bin sehr gespannt, was sich da in den nächsten Jahren tun wird. Heiß diskutiert wird derzeit der digitale Euro, also die Frage, ob Zentralbanken digitales Geld herausgeben sollten.

Die Ampel-Regierung will laut Koalitionsvertrag für ein effektives und zügiges Genehmigungsverfahren für Fintechs sorgen. Sind die behördlichen Genehmigungsprozesse in Deutschland zu langsam, gerade im internationalen Vergleich?

Kiefer: Die Genehmigungsverfahren der BaFin sind ein immer wieder heiß diskutiertes Thema. In England beispielsweise gibt es das sogenannte „Sandbox“-Verfahren, dort kann ein Fintech leichter eine Genehmigung bekommen, um sein Geschäftsmodell erproben zu können. Es ist ein erleichtertes, schnelleres Verfahren. In Deutschland ist man kein Freund davon, denn hier steht die Idee des Verbraucherschutzes ganz weit im Vordergrund. Man ist der Meinung, dass der Verbraucher nicht unter unfertigen Geschäftsmodellen leiden sollte. Doch die hohen Anforderungen sind für junge Gründer nur schwer zu erfüllen. Der neue BaFin-Chef Mark Branson hat das Problem aber erkannt und bringt da frischen Wind rein. Ich hoffe, dass er Großes bewirken wird.

Im Verhältnis zwischen etablierten Finanzdienstleistern und Fintechs ist immer häufiger die Rede von „Kooperation statt Konfrontation“. Ist das der richtige Ansatz?

Kiefer: Ein Start-up mit einem 30-Mann-Trupp kann viel besser als ein etabliertes Finanzunternehmen kreativ denken, innovativ sein und neue Ideen entwickeln, weil man sich an keine Richtlinien und Regularien halten muss. Die etablierten Player wiederum haben bei allem, was Prozesse, Compliance, Verbraucherschutz und rechtliche Themen angeht, einen ganz klaren Vorteil. Deshalb machen Kooperationen wirklich Sinn. In der Symbiose liegt die Chance. Wenn sich jede Seite der anderen öffnet, kann Gutes daraus entstehen.

Das Gespräch führte Kim Brodtmann, Cash.

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