„KI benötigt internationale Regeln“

Eine aktuelle Studie von Horváth & Partners, für die mehr als 160 Finanzentscheider befragt wurden, offenbart enormen Nachholbedarf der Finanzabteilungen von Unternehmen. Cash. sprach mit Stefan Tobias, Partner bei Horváth & Partners, über die Gründe und weshalb sich die Finanzvorstände offensichtlich mit neuen Technologien so schwer tun.

Stefan Tobias, Horváth & Partners: „Der CFO muss keine Angst haben, dass sein Job wegfällt.“

Wie die aktuelle CFO-Studie von Horváth & Partners zeigt, hängen die Finanzabteilungen bei der Digitalisierung hinterher. Automatisierte Prozesse und prediktive Analysen auf Basis von KI kommen erst in wenigen Unternehmen tatsächlich schon zum Einsatz. Im Studienbericht findet sich die Vermutung, dass die zögerliche Einführung der neuen Technologien unter anderem daher rühren könnte, dass die Führungskräfte Angst vor Personalkürzungen oder gar eigenem Jobverlust haben. Vielen fehlt auch noch der Beweis, dass die neuen Methoden und Ansätze tatsächlich zu besseren Ergebnissen führen.

Ist die Angst vor Job-Verlust berechtigt? Inwiefern ersetzt KI den CFO bzw. sein Team? Welche Arbeitsplätze fallen weg, welche entstehen neu?

Tobias: Der CFO selbst muss keine Angst haben, dass sein Job wegfällt. Die menschliche Einordnung und Weiterverarbeitung digital generierter Auswertungen im Finanzbereich wird auch mit ausgereiften KI-Lösungen unverzichtbar sein. Das Aufgabenfeld des CFOs und seines Teams wird sich allerdings stark wandeln. Standardprozesse und Fleißaufgaben werden bis zu 100 Prozent automatisch ablaufen. Analysen auf Basis künstlicher Intelligenz werden zur neuen Arbeitsbasis und ermöglichen dem CFO die Entwicklung und Umsetzung ausgefeilterer und validerer Finanzstrategien. Er wird für das Unternehmen somit noch wichtiger, wenn er anderen „Spielern“ wie CDOs nicht aus Mangel an digitalen Kompetenzen das Feld überlässt. Oder mit einem maritimen Bild gesprochen: Der CEO bleibt der Kapitän, der CFO sollte aber der erste Offizier sein.

Auf unteren Hierarchieebenen werden jedoch einige Jobs durch Automatisierung wegfallen, bis 2025 etwa 35 Prozent. Die größten Einsparungen wird es bei den Routineaufgaben geben, etwa im Rechnungswesen und in der Datenaufbereitung im Controlling.

Wie groß ist das „Gap“ beim Einsatz neuer Technologien im Vergleich zu anderen Abteilungen?

Tobias: Die Lücke ist aktuell tatsächlich sehr groß. CFOs im deutschsprachigen Raum sind nicht besonders risikofreudig – weder in Bezug auf Investitionen noch bei der Einführung neuer Technologien. In anderen Funktionen, zum Beispiel im Vertrieb, kommen längst neue Systeme zum Einsatz, die mit KI und Allgorithmen arbeiten. Das beobachten die CFOs durchaus genau, um aus den Erfahrungen anderer Teams zu lernen und selbst von möglichst ausgereiften Lösungen zu profitieren. Für diese Beurteilung benötigt der CFO auf jeden Fall ein gutes IT-Verständnis, weshalb sich seine Rolle stark ändern wird.

Können auch Bedenken bezüglich Sensibilität der Daten Grund für den zögerlichen Einsatz von Prozessautomation und KI sein? Unternehmensfinanzen sind ja besonders heikle Daten. Inwiefern wäre diese Angst berechtigt oder nicht?

Tobias: Der zögerliche Einsatz von Prozessautomation und KI ist nicht auf Angst vor einem Datenklau oder dem Missbrauch der Daten zurückzuführen. Es dringt ja auch bei bereits flächendeckend angewendeten BI-Lösungen in der Regel nichts nach außen. Allerdings muss geklärt werden, wer in Zukunft die Hoheit über die Daten haben wird. Die unterschiedlichen Abteilungen müssen zusammenwachsen und Mindeststandards für Datenschutz festlegen. Der Finanzbereich kann dabei eine wichtige Klammerfunktion übernehmen. In Firmen wiederum, die einen CDO (Chief Data Officer) eingesetzt haben, muss der CFO aufpassen, dass Datenströme nicht an ihm vorbeilaufen.

Data Analytics und Digital Labs werden die Arbeit der Finanzexperten künftig  beherrschen. Kommen aus den finanzwissenschaftlichen Studiengängen noch die richtigen Leute für diesen Job? Was wären bessere Qualifizierungsmöglichkeiten – unternehmensübergreifende Traineeships?

Tobias: Wir glauben das ist nicht das große Problem. Vor 20 Jahren gab es Kaufleute und Ingenieure. Der Fortschritt brachte daraus den Wirtschaftsingenieur hervor. Wer sich heute in einem Unternehmen mit den Finanzen beschäftigt muss sich auch mit Physik, Statistik und Datascientitst auskennen. Es gibt neue Schnittstellen. Diese Art der Ausbildung muss in der Zukunft gefördert werden. Der CFO der Zukunft ist halb Wissenschaftler und halb ein Mensch der Finanzen.

Die Studie zeigt, dass nur noch 18 Prozent der CFO’s Blockchain-Technologien voranbringen. Im letzten Jahr war es noch jeder Dritte. Hat sich Blockchain als unpraktikabel erwiesen? War es nur ein Hype?

Tobias: In den letzten 1-1,5 Jahren war das Thema tatsächlich ein Hype. Doch nicht jede Technologie lässt sich sinnvoll in jedem Bereich einsetzen. Es wurde viel ausprobiert, doch andere Tools und Möglichkeiten haben sich als effizientere Lösungen erwiesen. Es geht dabei ja auch um eine Balance von Kosten und Nutzen. Das heißt nicht, dass Blockchain-Techologien sich als Sackgasse erwiesen haben. Für ihren Einsatz müssen aber erst einmal neue „Use-Cases“ entwickelt werden. Dann wird diese Technologie auf absehbare Zeit auch Anwendung in den Finanzabteilungen finden.

Der Einsatz von KI schreitet immer weiter voran. Ist es nicht an der Zeit über eine Zertifizierung von KI in Sachen Ethik und Sicherheit nachzudenken?

Tobias: KI und die Ethik beim Umgang damit benötigt in der Zukunft internationale Regeln. Es nützt uns nichts, wenn wir in der EU darüber reden, aber die USA und China einen ganz anderen Rahmen haben werden. Eine Debatte darüber ist aber wichtig und dringend.

Foto: Horváth & Partners

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