8. August 2011, 10:31
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US-Downgrade bringt Politik in Verlegenheit

Die Ratingagentur S&P hat die Kreditwürdigkeit der USA von AAA auf AA+ gesenkt. Die größte Volkswirtschaft der Welt hat nun dasselbe Rating wie Belgien und Neuseeland. Was bedeutet der erstmalige Verlust des Top-Bonitäts-Ratings?

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Trevor Greetham

Gastkommentar: Trevor Greetham, Fidelity International

Die US-Rating-Herabstufung kam nicht überraschend. Die Verkäufe der letzten Woche waren zum Teil von Gerüchten über diesen Schritt getrieben. Bereits am 14. Juli hatte S&P die US-Regierung vor einer Herabstufung ihrer Kreditwürdigkeit gewarnt, sollten konkrete Maßnahmen zum Schuldenabbau ausbleiben. Zumindest gibt es nun Gewissheit.

Die Tatsache, dass die größte Volkswirtschaft der Welt zum ersten Mal in ihrer Geschichte eine Herabstufung hinnehmen muss, dürfte dennoch für Unruhe sorgen. Zudem bringt sie die Politik in eine gewisse Verlegenheit. Schließlich haben die USA seit 1941 von S&P stets nur Bestnoten als Kreditnehmer erhalten.

Erleichterungs-Rally statt Ausverkauf?

In welche Richtung die weltweiten Aktienmärkte in den kommenden Tagen und Wochen tendieren werden, ist jedoch offen. Die Gewissheit um den Verlust des Top-Ratings könnte zu einer Erleichterungs-Rally statt zu einem Ausverkauf führen. Denn in der Regel ziehen die Märkte klare Verhältnisse vor. Allerdings sind Schwankungen in den nächsten Tagen nicht ausgeschlossen.

Schließlich müssen Anleger die Nachricht erst einmal verdauen. Im Nachhinein erweisen sich solche Phasen häufig als exzellente Kaufgelegenheiten. Deshalb sollten Anleger an ihrem langfristigen Horizont festhalten, selbst wenn es kurzfristig etwas ungemütlich werden könnte.

Für die US-Wirtschaft könnte der Verlust des Top-Ratings derweil mittelbare und unmittelbare Folgen haben. Die Kreditaufnahmekosten der USA könnten nach Meinung verschiedener Experten um etwa 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr steigen. Eine gewaltige Summe, deren Auswirkungen auf eine Volkswirtschaft von der Größe Amerikas sich aber in Grenzen halten dürften.

Eine gewisse Dollar-Schwäche wäre sogar in vielerlei Hinsicht von Vorteil für US-Exportfirmen. Ob die Herabstufung langfristig spürbar bei den Renditen von US-Staatsanleihen zu Buche schlagen wird, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Einige Analysen halten steigende Renditen in nächster Zeit aber für möglich.

Gerüchte um QE3 halten sich hartnäckig

Durch das veränderte Rating könnten die Vereinigten Staaten zudem zur Senkung ihrer Staatsausgaben gezwungen werden. Da die Leitindikatoren allerdings eine Konjunkturflaute andeuten, wären Haushaltskürzungen für die US-Wirtschaft zum jetzigen Zeitpunkt eine zusätzliche und alles andere als leicht zu schulternde Bürde.

Dagegen könnten weitere quantitative Lockerungsmaßnahmen der US-Notenbank dem Markt den so dringend benötigten Auftrieb geben. Gerüchte um dieses sogenannte Quantitative Easing, kurz QE3, halten sich hartnäckig. Mit der nun erfolgten Herabstufung ist zudem nahezu sicher, dass die Zinsen in Amerika noch für geraume Zeit extrem niedrig bleiben werden. Zweifellos könnten die USA, sofern sie dies denn wollten, auch die Steuern anheben und damit die Steuereinnahmen deutlich erhöhen.

Längerfristig könnte die Ratingherabstufung aber auch durchaus positive Folgen haben. Denn die jetzige Regierung, aber auch künftige US-Regierungen werden ihre Bemühungen zum Abbau der hohen Staatsverschuldung und zur Senkung der Ausgaben merklich verstärken müssen. Dabei ist Amerika nicht das einzige Industrieland, das mit einem riesigen Haushaltsdefizit zu kämpfen hat. Andere Länder könnten nun aufhorchen.

In seiner Mitteilung am Freitagabend warnte S&P, in den nächsten zwei Jahren müsste deutlich mehr gespart werden, um sicherzustellen, dass das langfristige Rating der USA nicht erneut gesenkt wird. Anders als S&P haben die beiden anderen großen US-Ratingagenturen ihr AAA-Rating indes bestätigt. Man plane derzeit nicht, die Vereinigten Staaten von der Liste der risikolosen Kreditnehmer zu nehmen, war von den beiden S&P-Konkurrenten zu hören.

Kaum Alternativen zu US-Staatspapieren

Unabhängig davon sollte man eines keinesfalls vergessen: Auch nach der Herabstufung des US-Ratings gibt es für die großen Gläubiger der Vereinigten Staaten wie China und Japan kaum eine Alternative zum Kauf von US-Staatspapieren. US-Staatsanleihen werden noch für lange Zeit der Eckpfeiler des weltweiten Finanzsystems und der US-Anleihemarkt der liquideste der Welt bleiben.

Zudem ist Amerika immer noch die größte Volkswirtschaft der Welt, die als äußerst dynamisch und flexibel gilt. In dieser Hinsicht können ihr nicht viele das Wasser reichen, und nur wenige würden darauf wetten, dass Amerika das Ruder nicht herumreißen kann.

Das mag auch erklären, warum die Unsicherheit über eine mögliche Herabstufung das Vertrauen der Anleger in die USA nicht umgehend erschüttert hat. Seit Gerüchte über eine mögliche Herabstufung die Runde machten, gibt es Anzeichen für verstärktes Kaufinteresse an US-Staatsanleihen. Offenbar sehen viele Anleger die USA auch weiter als sichere Bank – ob mit oder ohne Top-Rating. Die Kurse von US-Staatsanleihen jedenfalls notieren derzeit unweit ihrer Jahreshöchststände.

Der Autor ist Director Asset Allocation der Fondsgesellschaft Fidelity International

Foto: Fidelity

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