Fundamentaldaten oder Börsenstimmung ­ – was treibt die Aktien?

Jeden Tag erklären uns Finanzexperten und -gurus, in welche Anlagen man investieren sollte und in welche nicht. Grundsätzlich kann man dabei zwischen Psychologen und Fundamentalisten unterscheiden.

Gastbeitrag: Florian Esterer, Mainfirst Asset Management

Florian Esterer, Mainfirst

Für die Ersteren sind Aktienpreise das Ergebnis von Angebot und Nachfrage an den Finanzmärkten und damit abhängig von der sich verändernden Börsenstimmung. Für die Fundamentalisten repräsentieren Aktien hingegen Anteile an Unternehmen, deren Gewinne sich verändern, und eventuell in Form von Dividenden oder Aktienrückkäufen an die Aktionäre ausgeschüttet werden. Natürlich sind beide Einflüsse bedeutend für die zukünftige Entwicklung, und mathematisch kann man eine Aktienrendite abschließend erklären durch Gewinnwachstum, Dividendenrendite sowie die Veränderung der Bewertung als Maß der Börsenstimmung.

Dynamische Faktorgewichte

Die Faktoren sind allerdings nicht gleichbedeutend, vielmehr verändert sich ihre Bedeutung mit der Haltedauer einer Investition. Wir haben ein Universum von europäischen Unternehmen über die letzten 25 Jahre analysiert. Es wurde gemessen, wie stark die Renditeunterschiede zwischen den Aktien durch das Gewinnwachstum, die Veränderung der Bewertung oder die Dividendenrendite erklärt werden.

Die Ergebnisse zeigen, dass man sich – sofern man eine Position kürzer als ein Jahr halten will – über das Gewinnwachstum weniger Gedanken machen braucht. Vielmehr gilt es zu erkennen, in welche Richtung sich die Bewertung verändern wird. Im Gegenzug ist bei Haltedauern von drei Jahren und länger hauptsächlich das Gewinnwachstum tragend. Die Dividendenrendite schließlich erklärt nur einen kleinen Teil der Unterschiede. Ein langfristig agierender Investor wie Warren Buffett ist daher zurecht an einem ausreichenden Gewinnwachstum interessiert und auch bereit, etwas mehr dafür bezahlen. Ein Börsenhändler muss demgegenüber nur erkennen, wie sich die Bewertung entwickeln wird.

Aber hier ist die Analyse etwas irreführend, denn die Veränderung der Bewertung kann auch bedeuten, dass eine Aktie noch teurer wird. Wir wissen aber, dass günstig bewertete Aktien über längere Sicht eine bessere Rendite erwarten lassen. Die Frage ist, wie lange man im Durchschnitt eine Aktie halten muss, bevor sie von diesen Effekten profitieren kann. Die Tabelle zeigt die optimale Haltedauer für verschiedene Anlagestrategien mit einem europäischen Universum:

Für Anleger mit kurzem Anlagehorizont spielen kurzfristige Informationen, welche die Börsenmeinung beeinflussen, ein wichtige Rolle: Ob Gewinnerwartungen von den Analysten nach oben revidiert werden, oder ob Unternehmen die Gewinnerwartungen übertreffen konnten. Über mittlere Frist sind es eher niedrige Bewertungen, die für eine Investition sprechen, und in der langfristigen Betrachtung sollten die Bilanzkennziffern und die Unternehmensqualität stimmen. Das Erkennen des eigenen Anlagehorizonts ist der wichtigste Schritt in einem Anlageprozess, denn daran richtet sich die zu wählende Anlagestrategie aus. Wenn Horizont und Strategie nicht überein stimmen, werden Aktien zu früh oder zu spät verkauft und Renditemöglichkeiten gehen verloren.

Abschließend gilt: Nur wer seinen Anlagehorizont kennt und seine Anlagestrategie entsprechend daran ausrichtet, wird erfolgreich sein. Zumal der Horizont auch bestimmt, in welchen Abständen der Erfolg gemessen werden sollte. Nicht jeder Anleger sollte dem Investmentansatz von Warren Buffett folgen – der macht dies umgekehrt auch nicht.

 

Autor Florian Esterer arbeitet als Portfolio Manager bei Mainfirst Asset Management in Frankfurt.

Foto: Mainfirst

 

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