Fidelity: Zinserhöhung der Fed im Dezember kein Automatismus

Anna Stupnytska, Volkswirtin bei Fidelity Worldwide Investment, mit ihrem Marktausblick.

Anna Stupnytska, Fidelity

„Der Ausblick für das Weltwirtschaftswachstum im nächsten Jahr hat sich etwas eingetrübt, denn die von niedrigeren Energiepreisen ausgehenden Impulse für den Konsum lassen nach. Zugleich bleibt die Abkühlung in China eine Belastung. In den Industrieländern sind die Fundamentaldaten zwar unverändert solide. Von den angespannteren Finanzierungsbedingungen könnte jedoch Gegenwind ausgehen – sofern nicht binnen Jahresfrist eine deutliche Lockerung eintritt. In Anbetracht des geringen Preisauftriebs und der anhaltenden Belastung ausgehend von China und den Schwellenländern wird das die Europäische Zentralbank EZB und die Bank von Japan vermutlich dazu veranlassen, noch in diesem Jahr ihre quantitativen Lockerungsprogramme auszuweiten. Eine Zinserhöhung der US-Notenbank Fed im Dezember ist recht wahrscheinlich, aber wegen der jüngsten Wachstumsdynamik keine ausgemachte Sache. Die erste Zinserhöhung könnte unerfreulich werden, wenn die Fed die Zinszügel anziehen muss, weil sich der Preisauftrieb plötzlich beschleunigt, während sich zugleich das Wachstum abkühlt.

USA: Solide Fundamentaldaten

Bei vergleichsweise soliden gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen in den USA stehen die Chancen für ein Wirtschaftswachstum von rund 2 Prozent für die zweite Jahreshälfte gut. Am Arbeitsmarkt bessert sich die Lage weiter, wenn auch langsamer als zuvor. Konsum und Verbrauchervertrauen tendieren fest, der Dienstleistungssektor wächst und die Erholung am Immobilienmarkt schreitet voran. Auch wenn der Beschäftigungsbericht für September etwas schwächer ausgefallen ist, deutet bislang nichts darauf hin, dass sich der Positivtrend am Arbeitsmarkt umkehren könnte. Ich gehe vielmehr von weiter steigender Beschäftigung in den nächsten Monaten aus, sodass die Löhne früher oder später steigen dürften. Damit die Fed die Zinswende im Dezember einläutet, müssen folgende Bedingungen erfüllt sein: Die Binnenkonjunktur muss weiter brummen, die Inflation die Talsohle verlassen und spürbar steigen, und die Finanzierungsbedingungen müssen nachgeben.

Europa: Einige Treiber der Konjunkturerholung dürften sich abschwächen

In den Ländern der Eurozone setzt sich die Konjunkturerholung fort. In nächster Zeit dürften jedoch einige Treiber nachlassen. Abschwächen dürfte sich in den kommenden Quartalen etwa der von niedrigeren Energiepreisen ausgehende Auftrieb für den Konsum. Auch könnte der zuletzt wieder stärkere Euro in Verbindung mit der anhaltend schwachen Auslandsnachfrage den positiven Wachstumsbeitrag seitens der Nettoexporte schmälern. Seit April hat die Gemeinschaftswährung um rund acht Prozent auf handelsgewichteter Basis aufgewertet. Ein etwas stärkerer Euro wird im Schulterschluss mit niedrigen Rohstoffpreisen und der allgemeinen Schwäche am Arbeitsmarkt wohl etwas länger für stabile bzw. sinkende Preise sorgen. Trotz des gegenwärtig soliden Wachstums dürften der Gegenwind von außerhalb der Eurozone und auf neue Tiefs gefallene Inflationserwartungen letztlich einer weitere geldpolitische Unterstützung der EZB unumgänglich machen.

Seite zwei: Japan: Weiteres Konjunkturprogramm nicht ausgeschlossen

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