5. September 2016, 11:35
Teilen bei: Ihren XING-Kontakten zeigen | Ihren XING-Kontakten zeigen

Notenbanken haben ihr Pulver so gut wie verschossen

In den vergangenen Jahren haben die Notenbanken umfassende Maßnahmen zur Belebung der Wirtschaft unternommen. Doch die die Stimmen der Experten werden kritischer.

Shutterstock 319185521 -ezb in Notenbanken haben ihr Pulver so gut wie verschossen

Die EZB hat schon die Möglichkeiten der Geldpolitik stark ausgereizt.

„Man kann den Notenbankern wirklich nicht vorwerfen, zu wenig für die Stabilisierung der Weltwirtschaft zu tun. Es ist vielmehr die Politik, die ihre Hausaufgaben nicht macht und zwingend erforderliche strukturelle Reformen immer wieder verschiebt“ konstatiert Thomas Böckelmann, Investmentchef der Euroswitch, in seiner aktuellen Einschätzung der Kapitalmärkte. Vor allem in Europa sei vor dem Superwahljahr 2017 und nach dem Brexit-Schock der Reformunwillen besonders groß. Deutschland weigere sich beharrlich, das Geschenk negativer Zinsen anzunehmen und dringend erforderliche Milliarden in die Infrastruktur zu investieren. Auch die Notenbankvertreter bemühen sich redlich, weiter Überzeugungsarbeit in Richtung der politisch Verantwortlichen zu leisten.

Fed will Rezessionsängste zerstreuen

Die US-Notenbankchefin Janet Yellen (Fed) habe in den von den Marktteilnehmern mit Spannung erwarteten Reden erneute Zinsanhebungen in diesem Jahr nicht ausgeschlossen, gleichzeitig aber etwaige Rezessionsängste zerstreuen wollen. Nach Böckelmann sei der Spielraum für die Notenbanken angesichts der historisch niedrigen Zinsniveaus sehr gering bis nicht existent. „Stand heute müssen sich Mario Draghi (EZB) und Janet Yellen (Fed) wie Prediger in der Wüste fühlen“, so Böckelmann. Es sei fraglich, ob und wann die Politik die faktisch erreichten Grenzen der Geldpolitik akzeptiere und wieder wirtschaftspolitisch gestaltende Verantwortung übernehme. Auf Dauer werde den Kapitalmärkten das gespannte Sicherheitsnetz der Notenbanken nicht mehr reichen – der Ruf nach fiskalischen Maßnahmen werde lauter.

Europa kaum reformfähig

Insbesondere Europa biete laut Böckelmann ein eigenes Schauspiel in scheinbar endlosen Akten. Frankreich boxe Minireformen gegen das Parlament mit Notgesetzen durch oder kassiere diese gerne nach Protesten der Straße wieder ein. In Portugal will die politische Linke tatsächlich die Jugendarbeitslosigkeit bekämpfen, in dem diese gesetzlich verboten werde. Griechenland mache dem Leiter des Statistikamtes den Prozess wegen Landesverrats, nur weil dieser erstmals den griechischen Schuldenstand transparent offengelegt habe. Auch Deutschland weigere sich beharrlich, dringend erforderliche Milliarden in die Infrastruktur zu investieren. Zwar kann man Merkels jüngste Aussage, „der Stabilitätspakt enthält genug Flexibilität“, positiv im Sinne einer weiteren (leider erforderlichen) Verletzung der Kriterien deuten, verlassen kann man sich jedoch nicht darauf. Auch außerhalb von Europa zeigen sich die verantwortlichen Regierungen dies- und jenseits des Atlantiks zerstritten. Seit Jahren blockieren sich in den USA Demokraten und Republikaner in einer Patt-Situation. Japan stehe sich bei allem Gelddrucken selbst im Weg, da der dritte Pfeil der Strukturreformen nur eine Ankündigung und somit ungenutzt im Köcher bleibe.

Der Stillstand um das transatlantische Handelsabkommen TTIP und der jüngste plumpe Versuch der EU-Kommission, Apple für eine falsche Steuergesetzgebung zu bestrafen, wertet Böckelmann eher als weiteren Rückschlag für die Glaub- und Vertrauenswürdigkeit europäischer Politik. Insofern bleibe jedes Wort der Notenbanker bis auf weiteres entscheidend für die Markteinschätzung der Investoren. (tr)

Foto: Shutterstock

 

Ihre Meinung



Cash.Aktuell

Cash. 02/2019

Inhaltsverzeichnis Einzelausgabe bestellen Cash. abonnieren

Themen der Ausgabe:

Arbeitskraftabsicherung – Denkmalobjekte – Betriebsrente – Digital Day 2019

Ab dem 24. Januar im Handel.

Cash. 01/2019

Inhaltsverzeichnis Einzelausgabe bestellen Cash. abonnieren

Themen der Ausgabe:

Fonds Finanz – Robotik – Moderne Klassik – Finanzanalyse

Versicherungen

Die Top 5 der Woche: Versicherungen

Was waren die Klicker der Woche? Welche Versicherungsthemen stießen bei den Lesern von Cash.Online auf besonders großes Interesse? Unser neues wöchentliches Ranking zeigt es auf einen Blick.

mehr ...

Immobilien

Wohnungsbau: IVD fordert geänderte Bauordnungen

Jürgen Michael Schick, Präsident des Immobilienverbandes IVD, sieht enormes Potenzial für neue Wohnungen durch den Ausbau von Dachgeschossen und Nachverdichtung. Dem stehen jedoch vielerorts Bauvorschriften, Norman und Auflagen im Weg.

mehr ...

Investmentfonds

Die Top 5 der Woche: Investmentfonds

Auch in dieser Woche hat die Cash.Online-Redaktion untersucht, welche Investmentfonds-Themen die Leser am stärksten interessierten. Die fünf meistgeklickten Artikel des Ressorts finden sie hier:

mehr ...

Berater

Gehalt: So viel verdient Deutschland

Mit welchem Beruf zählen Fach- und Führungskräfte in Deutschland zu den Top-Verdienern und wie groß sind die regionalen Unterschiede beim Lohnniveau? Antworten auf diese und weitere Fragen liefert der Step Stone Gehaltsreport 2019 mit einem Überblick über die durchschnittlichen Bruttojahresgehälter.

mehr ...

Sachwertanlagen

Lars Schnidrig rückt zum CEO von Corestate auf

Der Aufsichtsrat der Corestate Capital Holding S.A., zu der unter anderem der Asset Manager Hannover Leasing gehört, hat Lars Schnidrig für vier Jahre zum neuen Chief Executive Officer (CEO) und Vorsitzenden des Vorstands berufen. Er hat ein ambitioniertes Ziel.

mehr ...
22.03.2019

RWB Group wird 20

Recht

BFH kippt den Bauherrenerlass

Der Bundesfinanzhof (BFH) hat eine uralte steuerliche Restriktion für geschlossene Fonds kassiert. Darauf weist die Beratungsgesellschaft Baker Tilly jetzt hin. Es gibt Vorteile für die heutigen Fonds, aber auch eine Fußangel.

mehr ...