Schwellenländer-Anleihen liegen im Trend

Leistungsbilanzen erfordern flexible Währungen

Die Grundüberlegung, die unserer Long-Positionierung zugrunde liegt, ist, dass Volkswirtschaften mit flexiblen Wechselkurssystemen ihre Währungen abwerten und dadurch ihre Leistungsbilanzen verbessern können. Ein gutes Beispiel dafür ist Brasilien: Die Leistungsbilanz der größten Volkswirtschaft Lateinamerikas hat sich im vergangenen Jahr um beachtliche 60 Milliarden US-Dollar verbessert. Hinzu kommt, dass eine Kapitalflucht, wie sie das Land vor allem in den Jahren 2013 bis 2015 erlebt hat, uns unwahrscheinlich erscheint. Insbesondere weil diese Kapitalflucht größtenteils bereist abgeschlossen ist. Auch in Russland ist das Umfeld unserer Ansicht nach günstig. Obwohl das Verhältnis von Ausfuhr- zu Einfuhrpreisen auf dem Niveau von 1998 stagniert, ist der Leistungsbilanzüberschuss auf das Niveau von 2007-2012 gestiegen – einem Zeitraum, in dem der Ölpreis im Durchschnitt bei über 90 US-Dollar pro Barrel lag. Ähnliches ist auch in Ländern wie beispielsweise der Türkei und Chile zu beobachten.

EM-Währung sind häufig niedrig bewertet

Auch Bewertungs- und Positionierungsaspekte stützen unsere Erwartungen im Hinblick auf Lokalwährungsanleihen. Viele der EM-Währungen steuern derzeit auf ihre tiefsten Stände seit 2003 zu und rentieren bei rund 7 Prozent. Selbst wenn BRL und RUB weiterhin volatil bleiben, dürften unserer Ansicht nach Carry-Differenzen und Bewertungsreserven für erheblichen Auftrieb sorgen. Das sollte nicht ignoriert werden. Eine galoppierende Inflation in einzelnen Wachstumsmärkten würde diese These natürlich zu Fall bringen. Doch da zahlreiche Zentralbanken bereits wiederholt bekundet haben an ihren jeweiligen Inflationszielen festhalten zu wollen, sehen wir dieses Risiko derzeit nicht. Die Positionierung der Investoren steht in starkem Gegensatz zum oben skizzierten Szenario: Die Zuflüsse zu Lokalwährungsfonds waren im bisherigen Jahresverlauf negativ, und zwar in einer Größenordnung von knapp 3 Milliarden US-Dollar.

Den stärksten Einfluss auf den Markt hat nach wie vor die Fed. Deren weitere Zinspolitik, insbesondere eine mögliche Zinsanhebung, wird bestimmen ob der USD stärker und EM-Währungen damit schwächer notieren werden. Ein Blick auf die Entwicklung der Vergangenheit – vor allem den Januar 1994 – trägt hier zu einem klareren Bild bei: Seinerzeit begann eine Zinsanhebung um gut 300 Basispunkte. Das ist weit mehr, als wir diesmal für wahrscheinlich halten. In der Folge reagierte der USD in den ersten paar Monaten mit einer Aufwertung. Dennoch konnten EM-Währungen mit soliden Außenhandelsbilanzen das Jahr ausgeglichen und in einigen Fällen soger mit Gewinnen beenden.

Heute verfügen die Akteure vieler Wachstumsmärkte nicht nur über umfangreiche Devisenreserven, sondern auch die Staatsschulden sind lang-laufend und in lokaler Währung. Nicht zuletzt bestehen flexible Wechselkursregime. Mit Abstrichen – wie oben erläutert – sind unserer Meinung nach viele dieser Volkswirtschaften in einer guten Verfassung, um eine potenzielle Zinsanhebung in den USA zu verkraften. Guillermo Ossés ist Head of Emerging Market Debt Strategies bei Man GLG, London.

Foto: Man GLG, London

 

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