Corona bringt Volkswirtschaften unterschiedlich stark ins Straucheln

Die Ausbreitung des Coronavirus außerhalb Chinas habe deutliche Auswirkungen auf die globalen Wachstumsperspektiven. Dieser Ansicht sind Jared Franz, Stephen Green und Robert Lind, allesamt Volkswirte bei Capital Group. Insgesamt sei eine deutliche Verlangsamung der Weltwirtschaft in der ersten Jahreshälfte wahrscheinlich. Insbesondere für China und Europa sei die Lage schwierig, die US-Wirtschaft zeige sich dahingegen relativ robust.

US-Wirtschaft bleibt widerstandsfähig

Unter den großen Volkswirtschaften sei die USA am besten aufgestellt, um die Folgen der Corona-Epidemie zu meistern: „Die US-Wirtschaft ist überdurchschnittlich gewachsen und weist einen soliden Arbeitsmarkt auf“, sagt Franz. „Außerdem zeigt die Zinssenkung der Fed, dass sie den Ausbruch des Coronavirus und die potenziellen Auswirkungen auf die Wirtschaft sehr ernst nimmt.“ Die Herausforderung sei nun, dass die Aktienmärkte ursprünglich eine moderat positive Erwartung eingepreist hätten und in das Jahr mit einem erwarteten Kurs-Gewinn-Verhältnis von 18 gestartet wären – dies biete nun nur wenig Puffer. Darüber hinaus sei ein großer Teil des Unternehmenssektors im Verhältnis zum Eigenkapital hoch verschuldet. „Die Gewinnerwartungen der Unternehmen des S&P 500 waren für das Jahr 2020 bereits gedämpft und sind angesichts möglicher Versorgungsengpässe nun weiter gesunken“, so Franz. „Inmitten dieser Herausforderungen ist der Aktienmarkt in den letzten sieben Handelstagen des Februars um mehr als zwölf Prozent gefallen.“

Aufgrund der verschärften finanziellen Rahmenbedingungen sei eine weitere Lockerung der Geldpolitik wahrscheinlich. Allerdings habe dies nur einen begrenzten Einfluss, wenn Angebot und Nachfrage gleichermaßen von einem ökonomischen Schock betroffen sind. „Insgesamt rechne ich im Jahr 2020 mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von zwei Prozent in den USA sowie einem leichten Aufschwung in der zweiten Jahreshälfte“, so Franz. „Bei schlechterer Entwicklung könne sich diese Erwartung jedoch reduzieren und auch eine Rezession ist nicht vollends auszuschließen – auch wenn ich grundsätzlich nicht davon ausgehe.“

Deutliche Kontraktion der chinesischen Wirtschaft

Die Auswirkungen durch Corona werden angesichts des chinesischen Anteils an der globalen Wirtschaft von mittlerweile rund zwanzig Prozent deutlicher ausfallen als beim SARS-Ausbruch 2002 und 2003. Bereits vor Corona hätte die chinesische Wirtschaft das langsamste Wachstum seit 30 Jahren gehabt und im ersten Quartal werde sie negativ sein. Erste Anzeichen dafür zeige der Einkaufsmanagerindex (PMI). Bezogen auf das verarbeitende Gewerbe ist dieser im Februar auf ein Rekordtief von 35,7 Punkten gefallen, bezogen auf das nichtproduzierende Gewerbe sogar auf 29,6 Punkte. „Das spiegelt den Angstfaktor und die Unterbrechungen im Transportwesen wider und deutet auf eine breit angelegte Kontraktion der Wirtschaft hin“, argumentiert Green.

Im Vergleich zu anderen Ländern verfüge die chinesische Regierung zwar über mehr Möglichkeiten, die Wirtschaft zu stimulieren. So könne sie beispielsweise die Zinssätze deutlich senken oder fiskalische Anreize schaffen, da das Defizit des Landes unter fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts liege. Auch die Finanzierung von Infrastrukturprojekten durch die Ausgabe von Anleihen sei eine Option. Und viele Städte hätten beispielsweise bereits die Anzahlungen für den Kauf von Wohnungen reduziert und Peking habe Banken angewiesen, die Rückzahlung von Krediten für kleine und mittelständige Unternehmen zu verlängern. Wie wirksam diese Instrumente jedoch wirklich seien, hänge weitgehend davon ab, ob sich die Arbeitnehmer sicher genug fühlten, wieder ihrem Alltag nachzugehen oder eben jene Wohnungen auch zu kaufen. „Angesichts der Situation vor Ort gehen wir insgesamt davon aus, dass sich die Lage für die chinesische Wirtschaft frühestens im April normalisieren wird“, vermutet Green. „Eine leichte Wachstumserholung ist im zweiten Halbjahr wahrscheinlich.“

Europäische Wirtschaft kühlt deutlich ab

In Anbetracht des zuvor bereits niedrigen Wachstums in Europa werde eine Rezession im Jahr 2020 durch das Coronavirus wahrscheinlicher – insbesondere in Italien. „Sollte sich das Virus weiter ausbreiten, könnte es einen schweren Schock in einer der schwächsten Volkswirtschaften der Eurozone auslösen“, sagt Lind. „Ein starker Abschwung in Italien würde unweigerlich auf den Rest Europas übergreifen und die gesamte Region schwächen.“ Darüber hinaus sei Europa in erheblichem Maße von der chinesischen Wirtschaft abhängig. Eine sinkende Nachfrage aus China, verbunden mit einem Zusammenbruch der Lieferketten, würde die europäische Wirtschaft zusätzlich treffen.

Angesichts der sich anbahnenden Entwicklungen sollten Investoren Ruhe bewahren, bis sich die Märkte beruhigt hätten und der Ausblick zuverlässiger würde. Der Versuch des Markttimings berge inhärente Risiken. Wie umfangreich und andauernd der Abschwung schlussendlich werde, hänge letztlich davon ab, wie die Politik in den USA, Europa und China auf die Verbreitung des Virus und das sich verändernde makroökonomische Umfeld reagiere.

Foto: Shutterstock

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