20. März 2020, 15:23
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Schlumberger: “Es macht keinen Sinn, dem Staat umsonst Geld zu leihen”

Dr. Manfred Schlumberger, Vorstand und Leiter Portfoliomanagement bei Star Capital, mit einem Rundumschlag zu den Perspektiven der Kapitalmärkte.

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Dr. Manfred Schlumberger, Star Capital

 

Konjunktureller Ausblick

Die bereits verkündeten massiven fiskal- und geldpolitischen Stützungsmaßnahmen wirken erst mit einer gewissen Verzögerung. Im zweiten Quartal wird es einen brutalen wirtschaftlichen Einbruch geben, vergleichbar mit dem ersten Quartal 2009, dem Höhepunkt der Finanzkrise. Auch im dritten Quartal dürfte das Bruttosozialprodukt zwischen 3-5 % Prozent zurückgehen. Allerdings: Zieht man den Verlauf in China und Singapur heran, wird die Wirtschaft insbesondere im vierten Quartal wieder einigermaßen normal laufen und es wird im kommenden Jahr eine mächtige Aufholbewegung geben.

Jetzt die Saat ausbringen

Ein Vergleich der Rezessionen in den vergangenen 50 Jahren zeigt, dass die Gewinne je Aktie in der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/2009 um 72 % eingebrochen sind, während der Markt 50 % verloren hat. 2002/2003 lag das Minus bei 26 bzw. 60 %. Mit einem Minus von bisher 35 % beim Dax nähern wir uns – in Rekordzeit – dem Mittelwert der letzten Rezessionen. Was an Gewinnwarnungen und Rückgängen folgen wird, hat der Markt bereits weitgehend eingepreist. Der Buchwert bzw. das bilanzielle Eigenkapital der 30 Dax-Unternehmen liegt knapp unter 8000 Punkten. Auf diesem Niveau zu verkaufen ist, wenn überhaupt, voraussichtlich nur sehr kurzfristig richtig. Die gute Nachricht für Anleger vor diesem Hintergrund: Im jetzigen Umfeld kann man die Grundlage für eine starke Wertentwicklung für die nächsten Jahre, vielleicht sogar für das nächste Jahrzehnt schaffen.

Marktstimmung

Mit Blick auf die Marktstimmung wurden zuletzt Extremniveaus erreicht. Umfragen der American Association of Individual Investors (AAII) zeigen bereits ein Panikniveau. Ist die Panik am größten, ist der Tiefpunkt erreicht und es ist Zeit, mit (Hamster-)Käufen zu beginnen. Oder frei nach Baron Rothschild: Aktien muss man dann kaufen, wenn die Kanonen donnern! Auch die Renditeentwicklung bei US-Treasuries und Bundesanleihen zeigt, dass es nicht mehr viel tiefer gehen kann. Es macht schlicht keinen Sinn, dem Staat umsonst Geld zu leihen.

Zeit für einen Staatsfonds

Der Staat hätte jetzt die Gelegenheit, die Investitionen in Infrastruktur, Bildung und Digitalisierung hochzufahren. Der Unterricht läuft in Deutschland vor dem Hintergrund der Schulschließungen wie in der Steinzeit ab, bisweilen müssen Schüler ihre Aufgaben sogar an den Schulen abholen. In Südkorea ist man hier deutlich weiter. Dieses Beispiel zeigt wie rückständig Deutschland ist. Wir sollten langsam beginnen, vernünftig in die Zukunft zu investieren. Die Mittel sind da und die schwarze Null ist keine Monstranz! Jetzt wäre die Gelegenheit einen Staatsfonds aufzulegen und den Dax von den ausländischen Investoren zurückzukaufen. Knapp 70 % des deutschen Blue Chip-Index liegen in ausländischer Hand. So schlau sind unsere Politiker aber nicht. Die EZB könnte zwar auch Aktien kaufen, aber sie kauft stattdessen lieber italienische Staatsanleihen. Die japanische Zentralbank dagegen hat gerade ihr jährliches Aktienkaufprogramm verdoppelt.

Fixed Income

Der durchschnittliche Zinsaufschlag von Unternehmensanleihen gegenüber Staatsanleihen liegt in den USA bei 240 Basispunkten, in Europa bei fast 200 Basispunkten. Während der Finanzkrise 2008/2009 waren die Aufschläge noch deutlich höher, doch wir sehen hier gewaltige Chancen – vor allem, weil der Staat massiv das Bankensystem stützt. Bei High Yield Anleihen liegt der Spread gegenüber Staatsanleihen nahe 8 %, im Durchschnitt sind es 3,8 %. Es ist nicht ratsam auf diesem Niveau Anleihen zu verkaufen, da dies aufgrund des kaum liquiden Marktes nur mit erheblichen Abschlägen möglich ist. Im Gegenteil, auch hier liegen gewaltige Chancen. Im Anleihebereich liegt das Paradies vor uns und wir haben die Chance, in den kommenden Wochen und Monaten massiv zu investieren und damit eine fantastische Grundlage für die nächsten Jahre zu schaffen.

Positionierung StarCapital Winbonds plus

Aktuell liegt die Netto-Aktienquote bei unter 5%, der Rest (rund 10%) ist durch Index-Futures abgesichert. Der Schwerpunkt liegt in Europa. Wir haben US-Staatsanleihen reduziert, weil wir glauben, dass der Zins am langen Ende nicht mehr so stark nach unten gehen wird. Generell sind wir in einer Phase, wo alles leidet, weil Anleger, vor allem institutionelle Investoren Liquidität brauchen und deshalb auch sichere Anlagen verkaufen. Die größten Aktienpositionen im Fonds sind RWE, Johnson&Johnson, SAP und Sanofi. Im Bereich Fixed Income haben wir derzeit 25 % Unternehmensanleihen, 12 % Corporates, 18 % Schwellenländerbonds. Mit 8 % Staatsanleihen und 14 % Cash haben wir ausreichend Möglichkeiten, die Chancen zu nutzen, die sich in den nächsten Tagen und Wochen bieten. Darüber hinaus können wir im Aktienbereich defensive in offensive Titel tauschen.

Performance

Ende Februar hatten wir noch die Nulllinie erreicht, gestern im Tief sind wir bei 8 % Minus gelandet. Wir sind zuversichtlich, das in überschaubarer Zeit wieder aufzuholen. Das Geheimnis längerfristig besser zu sein als ein Index, liegt im antizyklischen Kaufen und in der Nutzung der Chancen, die der Markt immer wieder bietet. Derzeit sind wir in der Phase des Schlussverkaufs. Es ist noch nicht die Zeit für breit angelegte Hamsterkäufe, sondern für gezielte Engagements. In ein paar Wochen sollte die Zeit für breite Hamsterkäufe gekommen sein. Institutionelle Anleger leiden an der unsinnigen Regulatorik, die sie dazu zwingt, kurzfristige Risikobudgets einzuhalten, anstatt längerfristig die Grundlage für eine vernünftige Wertentwicklung legen zu können. Die Performance der nächsten Jahre wird uns für die aktuellen Risiken entschädigen. Jeder Kaufmann weiß: Der Gewinn liegt im Einkauf!

Foto: Star Capital

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