Aktien: Dividendenstrategie vor neuer Blüte

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Arne Rautenberg, Union Investment

Substanz statt Wachstum: Investoren entdecken bewährte Geschäftsmodelle wieder für sich. Es gibt gute Gründe, dieser Strategie zu folgen. Ein Gastbeitrag von Arne Rautenberg, Aktienfondsmanager bei Union Investment

Haben Sie schon Ihre Wintersachen in den Keller geräumt und genießen inzwischen das wärmere Wetter? Für uns ist es selbstverständlich, unsere Bekleidung den Jahreszeiten anzupassen. Doch auch an der Börse müssen sich Anleger hin und wieder an einer neuen „Großwetterlage“ orientieren. Lange Zeit standen Wachstumswerte (Growth) in der Gunst der Anleger weit oben. Die niedrigen oder gar negativen Zinsen ließen schier endlos hohe Bewertungen zu.

Parallel dazu konnten einige Branchen wie der Technologiesektor mit hohen Gewinnen und Marktanteilen glänzen. Growth-Investments wiesen somit insbesondere in den Jahren 2018 bis 2020 eine deutlich bessere Wertentwicklung auf als Substanzwerte (Value). Über weite Strecken des vergangenen Jahres gerieten Value-Aktien durch die Corona-Krise noch zusätzlich ins Hintertreffen.

Viele Branchen, die besonders unter den Mobilitäts- und Lockdown-Beschränkungen litten, sind eher Substanz- als Wachstumstitel. Letztere – wie Lieferdienste oder der Onlinehändler – erhielten hingegen zusätzlichen Rückenwind.

Die Frage nach Value oder Growth kommt der Frage nach Kaffee oder Tee gleich. Es ist fast schon eine Prinzipienfrage. Worauf kommt es mir bei meiner Aktienanlage an? Steht die Wachstumsfantasie und die Aussicht auf mögliche Erträge in der Zukunft im Vordergrund? Oder doch eher langjährig bewährte Geschäftsmodelle, die ertragreich sind und einen Teil der Gewinne ausschütten?

Substanzwerte waren lange erfolgreicher

Es gibt immer wieder Marktphasen, in denen sich die Growth-Strategie besonders auszahlte. Neben den schon angesprochenen letzten drei Jahren sei hier vor allem der Internetboom Ende der 90er Jahre erwähnt. Seit Anfang 2000 bis Ende 2017 entwickelten sich Substanzwerte jedoch besser als Wachstumstitel. Ein noch deutlich höherer Wertzuwachs ließ sich mit Dividendenaktien erzielen. Nicht selten beträgt die Dividendenrendite mehr als drei Prozent, in Ausnahmen auch mal fünf Prozent und mehr. Im langfristigen Vergleich hatte dieser Zusatzertrag einen erheblich wertsteigernden Effekt, der oft unterschätzt wird.

Wie groß die Differenz tatsächlich ist, zeigt eindrucksvoll der Blick auf den DAX. Dieser ist ein Performanceindex, sodass die regelmäßigen Ausschüttungen bereits in die Wertentwicklung mit einfließen. Für die vergangenen zehn Jahre (31.03.2011 bis 31.03.2021) ergibt sich ein Plus von 113 Prozent. Der Kursindex stieg im gleichen Zeitraum jedoch nur um 57 Prozent. Demnach hat sich die Rendite durch die Dividendenzahlungen verdoppelt.

Darüber hinaus sind Dividendenaktien aufgrund ihres soliden Geschäftsmodells auch weniger schwankungsanfällig. Die Logik dahinter ist einfach: Nur gute Unternehmen sind in der Lage, stetig hohe Gewinne zu erzielen.

Es wäre zu früh den Abgesang auf Wachstumstitel anzustimmen, denn dazu sind die Marktposition und die Ertragskraft einiger Schwergewichte einfach zu groß. Doch mit Bekanntgabe der ersten positiven Impfstoffnachrichten im November letzten Jahres kam es zu einem Regimewechsel an den Börsen. Seitdem stehen Value-Aktien in der Gunst der Anleger wieder ganz oben. Die Hoffnungen auf eine baldige Normalisierung der Weltwirtschaft ließ jene Werte in den Fokus rücken, die in den Monaten zuvor besonders stark unter Druck geraten waren.

Und hierzu zählen vor allem Substanzwerte. Viele Value-Fonds weisen daher seit November letzten Jahres eine beeindruckende Wertentwicklung auf. Seitdem begann sich auch die Schere in der Wertentwicklung zwischen Value und Growth wieder zu schließen. Damit konnte aber bislang nur ein kleiner Teil des in den Vorjahren aufgebauten Vorsprungs von Wachstumswerten aufgeholt werden. Das Potenzial für Dividendenaktien ist also da.

Steigende Gewinne sprechen für höhere Ausschüttungen

Ähnlich wie diverse Obstbäume blüht nun im Frühjahr auch die Dividendenstrategie wieder neu auf, denn Dividendenaktien sind mehrheitlich Value-Titel. Im vergangenen Jahr mussten mehrere Firmen ihre Ausschüttungen kürzen oder sogar gänzlich ausfallen lassen. Mitunter waren Geschenke an die Aktionäre auch nicht opportun, angesichts der erhaltenen Staatsgelder zur Unterstützung. Mit den wärmeren Temperaturen, dem Impffortschritt, dem besseren Umgang mit der Pandemie, Schnelltests und nicht zuletzt auch der Unterstützung der Geld- und Fiskalpolitik dürfte die Weltwirtschaft im Sommer zu einer Erholung ansetzen.

Für Länder wie die USA, die bei Impfungen besonders weit fortgeschritten sind, prognostizieren einige Analysten bereits einen Zuwachs der Wirtschaftsleistung von bis zu acht Prozent. Auch in Europa dürfe das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um rund fünf Prozent zulegen. Die optimistischen Prognosen gehen einher mit einer sich schon jetzt verbessernden Gewinnsituation der Unternehmen, wie es auch die gerade laufende Berichtssaison zeigt.

Viele Firmen sind in diesen Tagen regelrechte Gelddruckmaschinen, weshalb die Höhe der Dividendenausschüttungen wieder steigen dürfte. Auf den gerade jetzt anstehenden Hauptversammlungen ist daher mit entsprechenden Beschlüssen zu rechnen

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