Langfristige Perspektiven statt punktgenauer Prognosen

Seit 25 Jahren erstellt J.P. Morgan Asset Management jedes Jahr einen umfassenden quantitativen und qualitativen Research-Report, der einen langfristigen Ausblick über die nächsten ein bis zwei Konjunkturzyklen ermöglicht. Ziel ist, eine Prognose darüber treffen zu können, wie sich die globale Wirtschaft, die Zinsen sowie die wichtigsten Anlageklassen über diesen Zeitraum hinweg entwickeln sollten. Jetzt hat der Asset Manager seine neue Prognose vorgestellt.

Während der DAX mit einem neuen Höchststand ins neue Jahr gestartet ist, beginnt an den Finanzmärkten wieder der Wettbewerb um die beste Punktprognose bis zum Jahresende 2021.

Angesichts der Unsicherheit rund um die Pandemie, die täglich zu neuen Überraschungen führt, lässt sich trefflich darüber streiten, wie zuverlässig Prognosen über einen doch recht langen Zeitraum von mehreren Monaten sein können.

„Je länger der Zeithorizont, desto weniger wahrscheinlich wird es, eine korrekte Prognose abzugeben“, ist Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management, sicher.

„Eine Möglichkeit, dieses Problem zu beheben, ist die Perspektive zu wechseln und sich losgelöst von kurzfristigen Zyklen auf die strukturellen Trends der Wirtschaft und der Kapitalmärkte konzentrieren“, beschreibt der Experte den alternativen Ansatz der „Long Term Capital Market Assumptions“, einem langfristigen Kapitalmarktausblick über zehn bis 15 Jahre hinweg.

Kursanstieg der Aktien richtig einordnen: Wirtschaftswachstum weiterhin positiv

Nach dem Absturz der Weltwirtschaft im ersten Halbjahr um 8,1 Prozent hat sich durch die kräftige Erholung im dritten Quartal der Rückgang des BIP seit Jahresanfang auf nunmehr 0,5 Prozent verringert. Damit ist das Aufholpotenzial der Wirtschaft nicht mehr so groß, wie noch im Sommer auf dem Tiefpunkt.

„Diese Erkenntnis hat für den Ausblick in der Kapitalanlage eine hohe Relevanz. Denn das Kurs-Gewinn-Verhältnis ist in den letzten Monaten kräftig angestiegen, wodurch die Frage berechtigt ist, ob es sich bei diesen Bewertungen überhaupt noch lohnt, in Aktien zu investieren – oder ob die ganze Erholung der Wirtschaft und die Überwindung der Pandemie nicht schon komplett eingepreist ist“, erklärt Tilmann Galler.

In der Tat reduzierten die inzwischen hohen Bewertungen die Ertragserwartungen von beispielsweise US-Aktien um drei Prozent jährlich, was im historischen Vergleich einem überdurchschnittlich hohen Abschlag entspricht.

„Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Langfristige Aktienrenditen sind neben der Bewertung auch von Gewinnwachstum und Dividenden abhängig – und hier ist die Lage aufgrund des wenig veränderten Ausblicks für das Wirtschaftswachstum immer noch positiv. In der Summe sollte das strukturelle Wachstum in den nächsten zehn bis 15 Jahren den Malus der hohen Bewertung übertreffen“, analysiert Galler.

Amerikanische Dekade an den Aktienmärkten neigt sich dem Ende

Die Experten von J.P. Morgan Asset Management trauen den US-Aktien weiterhin eine jährliche Rendite von 4,1 Prozent zu. „Dies ist zwar signifikant weniger als in den Vorjahren, doch immer noch mehr als auf der festverzinslichen Seite. Die Aktienmärkte in Europa, Asien und den Schwellenländern haben aufgrund eines geringeren Bewertungsabschlags und eines größeren Aufholpotentials der Wirtschaft nach der Pandemie eine höhere Ertragserwartung“, stellt Galler fest.

Verbunden mit einem zu erwartenden schwächeren Dollar mehren sich laut dem Experten die Anzeichen, dass sich die amerikanische Dekade an den Aktienmärkten dem Ende neigt. Und derzeit deutet vieles darauf hin, dass asiatische und Schwellenländeraktien den Staffelstab zukünftig übernehmen werden.

Normalisierung der Zinsen verzögert sich

Auf den Anleihenmärkten hat die Pandemie tiefere Spuren hinterlassen: Die Leitzinsen und die Staatsanleihenrenditen sind weltweit auf das tiefste Niveau der Nachkriegszeit gefallen.

„Die hohen Staatsschulden und die Abwesenheit von Inflation werden die Normalisierung der Zinsen um Jahre verzögern, wodurch sich die langfristigen Renditeaussichten zusätzlich verschlechtern. Wir erwarten für 10-jährige US-Staatsanleihen nur noch eine jährliche Rendite von 1,5 Prozent und für Euro-Staatsanleihen von gerade einmal 0,6 Prozent. Das bedeutet für die nächsten zehn bis 15 Jahre, dass selbst wenn die Notenbanken ab 2023 wieder die Zinsen erhöhen werden, bei relativ stabilen Inflationserwartungen mit Staatsanleihen kein realer Kapitalerhalt mehr möglich sein wird“, so Galler.

Langfristig weniger Ertragschancen mit klassischer Portfolioallokation

Für Anleger seien die langfristigen Aussichten zwiespältig. „Einerseits sind die Renditeerwartungen von Aktien immer noch positiv und deutlich oberhalb der Inflation. Andererseits zeigt sich, dass die Kursentwicklung der letzten 12 Monate bei Aktien und Renten die Renditeerwartungen weiter gesenkt hat“, führt der Kapitalmarktexperte aus.

Ein 60/40-Aktien-Renten-Portfolio in Euro habe für die kommende Dekade gerade einmal die Aussicht auf 2,7 Prozent Rendite pro Jahr. Im Vorjahr lag diese noch bei 3,2 Prozent. Und vor 12 Jahren ließ sich sogar 6,6 Prozent pro Jahr mit einer solchen Allokation verdienen. „Diese schwindenden Renditechancen des reinen ‚Marktbeta‘ machen für Anleger aktives Management und ‚Alpha‘ immer wichtiger“, lautet Gallers Fazit.

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