Wahl 2021: Wendepunkt in Deutschlands Wirtschaftspolitik?

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Tomasz Wieladek, International Economist bei T. Rowe Price, hat sich mit den möglichen wirtschaftspolitischen Veränderungen und Auswirkungen auf den deutschen Aktien- und Anleihemarkt durch eine neue Regierungskoalition unter Beteiligung von Bündnis 90/Die Grünen auseinandergesetzt.

Unabhängig des genauen Wahlausgangs wird es zu einem Richtungswechsel in der deutschen Wirtschaftspolitik kommen, da die Grünen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Teil der neuen Koalition sein werden. Tomasz Wieladek, International Economist von T. Rowe Price, rechnet in der Folge mit höheren Ausgaben für Infrastrukturerneuerungen, aggressiveren Zielen zur CO2-Reduktion sowie Steuererhöhungen für die Nutzung brauner Energie. Zusammen mit einer verstärkten Ausgabe von Anleihen könnte dies im nächsten Jahr zu einem Ausverkauf bei Bundesanleihen führen.

Vier mögliche Koalitionen

  • SPD und Grüne: Es besteht grundsätzlich die Möglichkeit, dass SPD und Grüne allein eine Mehrheit erreichen. Dieses Szenario ist allerdings nur mit einer Wahrscheinlichkeit von zehn Prozent zu erwarten.
  • SPD, Grüne und FDP: Diese Koalition scheint am wahrscheinlichsten (40 Prozent): Wenn Grüne und SPD einen Koalitionspartner brauchen, würden sie vermutlich mit der FDP in Koalitionsverhandlungen treten wollen, da sie am ehesten einen Kompromiss finden.
  • SPD, Grüne und Linkspartei: Diesem Szenario rechnen wir lediglich eine 15-prozentige Wahrscheinlichkeit aus, da einige Standpunkte der Linkspartei inkompatibel mit Deutschlands aktueller Auslandspolitik sind.
  • CDU und Grüne: Nach Rot-Grün-Gelb könnte diese Koalition am ehesten wahrscheinlich eintreten (35 Prozent). Obgleich die Zeit für Armin Laschet knapp wird und die CDU nach aktuellen Umfrageergebnissen wohl nicht den höchsten Stimmenanteil gewinnen wird, hat er doch Erfahrung darin, schwierige Kampagnen zu seinem Erfolg zu wenden.

In jedem Fall wird die neue deutsche Regierung die Förderung grüner Technologien priorisieren. Die Grünen wollen in den nächsten zehn Jahren 500 Milliarden Euro ausgeben, um den Umstieg auf erneuerbare Energien zu beschleunigen. Das wollen sie durch Infrastrukturinvestitionen und höhere Kohlenstoffsteuern erreichen. Um das zu finanzieren, möchte die Partei dieSchuldenbremse in Deutschland revidieren. Ob diese ehrgeizige Agenda jedoch durchgesetzt wird, hängt davon ab, ob der Hauptkoalitionspartner der Grünen die CDU oder die SPD sein wird.

2022 könnten die Renditen für Bundesanleihen steigen

Dieser sich abzeichnende Wandel der deutschen Wirtschaftspolitik hat wichtige Auswirkungen auf die nationale Wirtschaft sowie auf die Preise von Vermögenswerten.

Da die neue Regierung voraussichtlich die Schuldenbremse lockern wird, gehen wir davon aus, dass die schuldenfinanzierten Ausgaben insgesamt um 0,5 bis 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts pro Jahr ansteigen werden.

Zudem haben die SPD und die Grünen wichtige Versprechen zur Umverteilung und zum Zugang zu Sozialleistungen gemacht. Höhere Mindestlöhne und sogar direkte Umverteilung sind denkbar, um die am wenigsten wohlhabenden Haushalten beim Tragen der Kosten für die „Grüne Wende“ zu unterstützen.

Insgesamt werden diese Maßnahmen erhebliche wirtschaftliche Auswirkungen haben. Seit Anfang der 2000er Jahre hat Deutschland deutlich mehr gespart als investiert. Diese überschüssigen Ersparnisse haben nicht nur die Renditen von Bundesanleihen, sondern auch von anderen globalen sicheren Anlagen verringert. Das grüne Investitionsprogramm wird diese Sparschwemme abbauen, indem es die Investitionen erhöht.

Ein stärkeres soziales Sicherheitsnetz wird wahrscheinlich auch zu einem Rückgang des Vorsorgesparens der Haushalte führen. Und schließlich würde eine größere Emission von Bundesanleihen zur Finanzierung des Übergangs zur Klimaneutralität die Renditen in die Höhe treiben. Zusammengenommen könnten diese Maßnahmen im Jahr 2022 einen deutlichen Ausverkauf von Bundesanleihen auslösen.

Wir gehen davon aus, dass die Auswirkungen auf die deutschen Aktienmärkte gemischt ausfallen. Einerseits werden die Erträge von Unternehmen, die sich auf kohlenstoffintensive Aktivitäten spezialisiert haben, aufgrund höherer Steuern sinken. Andererseits würden Unternehmen, die entweder zur grünen Wende beitragen oder weniger kohlenstoffintensive Tätigkeiten anbieten, von diesen größeren Veränderungen in der Regierungspolitik erheblich profitieren, was sich wiederum in ihren Aktienkursen widerspiegeln dürfte.

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