Die Bröning-Kolumne: Logik schlägt Glaskugel

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Tim Bröning, Fonds Finanz

Alle Jahre wieder stehen zum Jahreswechsel die Marktausblicke der Investmenthäuser an, in denen zu lesen ist, welche Anlageklassen im nächsten Börsenjahr am aussichtsreichsten sind und welche man als Anleger lieber meiden sollte. Es gibt an den Märkten viele Unsicherheiten, die Raum für Spekulationen und waghalsige Prognosen lassen. Nahezu sicher ist hingegen, dass uns Kapitalanleger 2022 vor allem ein Sachverhalt begleiten wird: die Inflation. Die Bröning-Kolumne

Das Eingeständnis der Fed

Am wichtigsten Kapitalmarkt der Welt, den USA, kletterte die Teuerungsrate im November 2021 auf fast sieben Prozent. Lange sprachen die Zentralbanker der US-Notenbank Fed von einem vorübergehenden Effekt. Doch Ende November hat der alte und neue Fed-Chef Jerome Powell abrupt einen bisher ungekannten Ton angeschlagen und dadurch für Aufsehen bei internationalen Anlegern gesorgt. Das kleine Wort „vorübergehend“ strich Powell aus seinem Vokabular. Alles deutet jetzt darauf hin, dass die Währungshüter nun doch länger mit höheren Inflationsraten rechnen, als sie zunächst zugaben. Für viele Marktteilnehmer wäre das hingegen keine Überraschung.

Die Weichen für Inflation gestellt

Aufmerksamen Anlegern ist sicher aufgefallen, dass die Fed und die EZB für die Zukunft vorgesorgt haben. 2020 und 2021 wurden in weiser Voraussicht die Inflationsziele angepasst. Statt einer Punktlandung bei zwei Prozent soll die Inflation nun im Schnitt über einen längeren – und praktischerweise schwammig definierten – Zeitraum erreicht werden. Eine mittelfristig hohe Inflation ist – sofern sie nicht ausufert – genau das, wonach sich die Notenbanken und Politik lange gesehnt haben und nach vielen vergeblichen Versuchen endlich erreichen dürften. Nur so können die globalen Schuldenberge schonend entwertet und die Weltwirtschaft am Laufen gehalten werden.

Notenbanken mit eingeschränktem Handlungsspielraum

Doch was können die Notenbanken tun, wenn die Inflation stärker als gewünscht ansteigt? Zum einen hat die Fed im Dezember beschlossen, die noch hohe monatliche geldpolitische Unterstützung in Form von Anleihekäufen schneller und deutlicher als erwartet zurückzufahren (Tapering). Zum anderen signalisierten Powell und seine Kollegen die Leitzinsen ab 2022 mehrmals anheben zu wollen, um die Inflation einzudämmen. Drastische Leitzinsanhebungen dürfte es trotzdem nicht geben.

Denn Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre bewies der damalige US-Notenbankchef Paul Volcker zwar, dass diese eine ausufernde Inflation effektiv bremsen können, aber auch erhebliche Nebenwirkungen haben. Volckers dramatische Erhöhung des Leitzinses bis auf über 20 Prozent stürzte die USA in eine tiefe Rezession mit tausenden Firmenpleiten und hoher Arbeitslosigkeit. In unserer mittlerweile eng vernetzten Welt würden zu starke Zinsschritte auch andere Volkswirtschaften in die Knie zwingen. Nichts fürchten Notenbanker und politische Verantwortliche mehr, als die erste zaghafte Erholung der Wirtschaft inmitten der Corona-Pandemie abzuwürgen. Auf den Notenbanken lastet daher ein enormer Druck.

Möchte man einen Kollaps der Wirtschaft mit Unternehmenspleiten und Massenarbeitslosigkeit verhindern, müssen die Realzinsen (Leitzinsen minus Inflation) im negativen Bereich gehalten und die Schulden so über die sogenannte „Financial Repression“ entwertet werden.

Wohin mit dem Ersparten?

Wer jetzt sein mühsam Erspartes nicht dem Girokonto oder dem Sparbuch überlassen will, der ist nicht um die Anlageentscheidungen zu beneiden, die in dieser Gemengelage zu treffen sind. Eine Inflationsrate von rund sieben Prozent bedeutet bei Ersparnissen in Höhe von 100.000 Euro beispielsweise einen Kaufkraftverlust von jährlich ca. 7000 Euro. Da weder Bargeld noch Anleihen in Zeiten hoher Inflation eine Lösung des Problems bieten, bleibt Anlegern letztendlich nur das Investieren in Sachwerte und ein Blick auf zuletzt ungeliebte Nischeninvestments.

Wer nach all den Kursanstiegen am Aktienmarkt nach günstig bewerteten Unternehmen sucht, der könnte bei den jahrelang ungeliebten Telekommunikations- und Rohstoffwerten fündig werden. Hier finden sich z. B. Unternehmen, die verlässlich Dividenden von drei, fünf oder acht Prozent zahlen. Mit niedrigen zweistelligen oder sogar einstelligen Kurs-Gewinn-Verhältnissen ermöglichen sie darüber hinaus den günstigen Einstieg.

Chancen bei Minenbetreibern

Des Weiteren sind viele Betreiber von Edelmetallminen derzeit finanziell so gut aufgestellt wie noch nie. Laut dem US-Hedgefonds Crescat Capital sind die Bargeldreserven von Gold- und Silberminen prall gefüllt, was für weitere gewinnbringende Investitionen oder auch Sonderdividenden verwendet werden kann. Das Geschäft war für die Minenbetreiber zudem noch nie profitabler, da über die letzten Jahre Kosten reduziert, Schulden abgebaut wurden und gleichzeitig die Edelmetallpreise gestiegen sind. Von jedem Euro Umsatz bleibt somit mehr Gewinn übrig.

Bislang hat sich die gute fundamentale Ausgangssituation allerdings nicht in den Aktienkursen niedergeschlagen, obwohl der Goldpreis bereits 2020 sein bisheriges Rekordniveau von 2011 übertraf. Im Vergleich zu vielen hochbewerteten Anlagesegmenten erscheint das Aufholpotenzial bei Minenaktien geradezu verlockend.

Abseits der bisher schon stark gestiegenen Marktsegmente gibt es durchaus noch Alternativen für Anleger, die den Mut haben, unabhängig der Konsensmeinungen zu investieren. Nicht anzulegen und hohe Bargeldvermögen oder Anleihebestände zu halten, ist im aktuell inflationären Umfeld jedenfalls keine empfehlenswerte Alternative. Dazu braucht es nicht die Lektüre zahlreicher Jahresausblicke, die manchmal einem Blick in die Glaskugel gleichen, sondern nur etwas Logik und vielleicht ein Geschichtsbuch.

Tim Bröning ist seit 2009 in der Geschäftsleitung der Fonds Finanz Maklerservice GmbH und verantwortlich für den Bereich Non-Insurance, Finance & Legal.

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