Schremmer, BNPP: „Eine Autarkie ist noch weit entfernt“

Foto: BNPP
Hagen Schremmer: „Deutschland ist für BNP Paribas ein Wachstumsland.“

Hagen Schremmer ist seit zwei Jahren CEO von BNP Paribas Asset Management Deutschland. Wir befragten ihn zur Geschäftsentwicklung im zweiten Corona-Jahr, das Thema Inflation und die Auswirkungen auf die Altersvorsorge der Deutschen und den Megatrend ESG.

Ein weiteres Corona-Jahr liegt hinter uns. Wie hat sich das Geschäft im Asset Management entwickelt?
Schremmer: Für unser Asset Management war das Jahr 2021 trotz Corona äußerst erfolgreich. Wir konnten eine Reihe neuer Kunden und Vertriebspartner gewinnen und unsere Asset-Basis in Deutschland im Wholesale wie auch im institutionellen Geschäft ausweiten. Vor allem in unseren strategischen Fokusbereichen haben wir ordentlich zugelegt, z.B. bei Private Debt, ETF und Index-Lösungen sowie nachhaltigen Themenfonds.

Schauen wir auf das aktuelle Marktgeschehen. Die Inflation macht breiten Anlegerkreisen zu schaffen. Wie bewerten Sie die Situation?
Schremmer: Lieferengpässe und enorme fiskalpolitische Anreize haben einen Inflationsschub ausgelöst, zusätzlich verschärft durch die Ukraine-Krise. All diese Faktoren dürften jedoch wieder abklingen und die Inflation wird sich letztlich wieder beruhigen, auch wenn ihr aktuelles Ausmaß und ihre Dauer die Erwartungen übertroffen haben. Die Notenbanken heben die Zinsen nicht nur wegen der Inflation an; sie haben vielmehr erkannt, dass die lockere Geldpolitik angesichts der hohen Inflation und des starken Wachstums unangemessen ist. Sobald die Zinsen wieder auf neutralem Niveau sind, werden die Notenbanken prüfen, ob die Inflation genug gesunken ist, um die Zinsanhebungen einzustellen. Sollte sich die Teuerung jedoch als hartnäckig erweisen und insbesondere die Löhne mitreißen, dann würden weitere restriktive Maßnahmen notwendig und die Gefahr einer Rezession steigen.

Auf der einen Seite stetig steigende Teuerungsrate, auf der anderen Seite nach wie vor Zinsen um den Nullpunkt. Was bedeutet dieses Dilemma für die Motivation der Deutschen, für das Alter vorzusorgen?
Schremmer: Die Motivation zur Vorsorge war grundsätzlich immer schon sehr ausgeprägt. Immerhin kennt man Deutschland als Nation der Sparer. Leider können Sparbuch und Produkte mit Kapitalgarantie im Umfeld negativer Zinsen und steigender Inflation den realen Vermögenserhalt nicht gewährleisten – vom Vermögensaufbau ganz zu schweigen. So setzt sich allmählich auch die überfällige Erkenntnis durch, dass nur sparen nicht ausreicht. Vielmehr braucht es eine langfristige, diversifizierte Kapitalanlage. Dazu braucht es ein Umdenken und weitere finanzielle Grundbildung quer durch die Gesellschaft. Hilfreich wäre aber auch eine flexiblere Regulierung der geförderten privaten Altersvorsorge – Stichwort Riester – sowie mehr Spielraum bei der Anlageverordnung.

Nicht wenige Experten sehen die Globalisierung als gescheitert an und fordern, über eine Welt- und Wirtschaftsordnung nachzudenken. Wie beurteilen Sie die Situation?
Schremmer: Die unter Trump eingeläutete Umkehrung der Globalisierung ist in der Tat weiter fortgeschritten als von vielen erwartet. Die Entkopplung zwischen den USA und China wird sich fortsetzen, auch wenn das Handelsvolumen beachtlich bleiben dürfte. Auch andere Länder werden versuchen, einen Teil der Produktion aus dem Ausland wieder zurückzuverlagern, doch die Kosten und der Arbeitskräftemangel werden hier Grenzen setzen. Die Globalisierung mag zurückgegangen sein, eine Autarkie ist aber noch weit entfernt.

Eigentlich sollte in diesem Jahr das Thema ESG ganz oben auf der Agenda der Anleger stehen. Allerdings lässt der Krieg und zum Teil auch das Handeln der Politik, Stichwort Taxonomieverordnung, das Thema zuweilen in den Hintergrund treten. Wie beurteilen Sie die Situation und welchen Stellenwert hat ESG für BNP Paribas?
Schremmer: Bei BNPP AM ist Nachhaltigkeit seit langem Teil der DNA. ESG-Kriterien sind Bestandteil sämtlicher Investmentprozesse und über 80 Prozent unserer Publikumsfonds haben eine dezidiert nachhaltige Ausrichtung und sind als Finanzprodukte nach Art. 8 oder 9 der SFDR klassifiziert. Nachhaltigkeit steht sowohl bei institutionellen als auch bei privaten Anlegern nach wie vor ganz oben auf der Agenda. Anleger möchten durch nachhaltige Investments und insbesondere auch aktive Einflussnahme auf die Unternehmen Positives bewirken. Besonders nachgefragt sind unsere nachhaltigen Themenfonds. Sie investieren dezidiert in Unternehmen, die positive strukturelle Trends fördern und von diesen profitieren, etwa die Energiewende, smarte Ernährung, Wasser oder die Wiederherstellung von Ökosystemen.

Welche Einflussfaktoren sehen Sie darüber hinaus?
Schremmer: Wichtig ist aber auch das Handeln der Politik und der regulatorische Rahmen. Hier sehen wir eine dynamische Entwicklung, und damit die Herausforderung für alle Marktteilnehmer – ob Asset Manager, Distributoren oder Investoren –, sich auf die neuen Anforderungen einzustellen. Wir begrüßen regulatorische Schritte wie die Taxonomie und unterstützen sie. Ein klarer rechtlicher Rahmen und ein möglichst breiter, einheitlicher Geltungsbereich sind absolut wünschenswert. Gerade in Europa hoffen wir auf einheitliche Standards und eine möglichst hohe Vergleichbarkeit zwischen den Ländern.

Welche Ziele haben Sie sich für das Jahr 2022 gesetzt, in welchen Segmenten und bei welchen Themen will BNP Paribas in diesem Jahr besondere Akzente setzen?
Schremmer: Deutschland ist ein Wachstumsland für BNP Paribas als Gruppe und für Asset Management im Besoderen. Unseren Erfolg der vergangenen Jahre möchte ich noch steigern. Dazu bauen wir unser Team weiter aus. Erst im April konnten wir zwei großartige neue Kollegen in unserem ETF & Index Team sowie eine Kollegin im ESG Advisory für den deutschen Markt begrüßen. Und wir freuen uns auf weitere Zugänge. Auf der Produktseite konzentrieren wir uns weiterhin ganz auf unsere Stärken. Bei Private Debt sind wir führend und profitieren vom hervorragenden Marktzugang der BNP Paribas Gruppe. Die Kunden haben ein enormes Interesse an Lösungen von Infrastructure bis Real Estate Debt, ebenso wie Dutch Mortgages und europäische Mittelstandskredite. Im Privatkundengeschäft glänzen unsere nachhaltigen Themenfonds, aber auch unsere nachhaltigen Easy ETFs, die gern für langfristige Sparpläne genutzt werden. Und zu guter Letzt sind wir im engen Austausch mit unseren Firmenkunden zu ihrem Treasury- und Pensionsgeschäft. Besonders unsere flexiblen Lösungen im Liquiditätsmanagement und im Bereich Overlay stehen hier an erster Stelle.

Das Gespräch führte Frank O. Milewski, Cash.

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