Wiederaufbau der Ukraine – wer soll das bezahlen?

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In den vergangenen Tagen gab es in der öffentlichen Diskussion mehrere Schätzungen darüber, was es denn wohl kosten würde, die Infrastruktur und den Wohnungsbestand der Ukraine nach dem Krieg wiederherzustellen. Sie reichten bis zu einer Größenordnung von 1.000 Milliarden Euro. Das ist deutlich mehr als das ukrainische Bruttoinlandsprodukt des vergangenen Jahres (168 Mrd. Euro), würde aber natürlich nicht auf einmal aufzubringen sein, sondern über einen längeren Zeitraum.

Bezahlen müsste das fairerweise Russland, das Land, das den Krieg unprovoziert und ohne plausiblen Grund vom Zaun gebrochen hat und daher für die Zerstörungen verantwortlich ist. Da Russland militärisch nicht von der Ukraine besiegt werden kann, also nicht bedingungslos kapitulieren wird, wird es sich zunächst weigern, für die Schäden aufzukommen.

Finanziell wäre es allerdings kein Problem, denn das russische Nettoauslandsvermögen ist sehr groß und hat bis zuletzt weiter zugenommen. In ihrer neuen Frühjahresprognose hat die EU-Kommission geschätzt, dass es 2022 in der russischen Leistungsbilanz zu einem Überschuss von 13,7% des Bruttoinlandsprodukts kommen wird, Folge der Energiepreisexplosion und der Wirtschaftssanktionen des Westens, die das Importieren in diesem Jahr sehr erschweren. Ein solcher Überschuss entspricht der Zunahme der Nettoforderungen gegenüber dem Ausland. Kaum ein anderes Land hat, relativ zur Wirtschaftsleistung, ein so großes Auslandsvermögen wie Russland. Nur Deutschland, China und Japan haben in den vergangenen Jahren netto mehr Kapital exportiert. Russland lebt unter seinen Verhältnissen und häuft Reserven an.

Wenn die Wirtschaftssanktionen gegen Russland und seine Führungsschicht noch eine Weile beibehalten und bereits gefassten Beschlüsse tatsächlich in vollem Umfang und von allen umgesetzt würden, könnte es am Ende doch gelingen, Russland zur Kasse zu bitten – denn wir haben es mit einem wirtschaftlich kleinen Land zu tun, das um ein Vielfaches mehr vom Westen abhängt als umgekehrt. Das Bruttoinlandsprodukt der NATO ist etwa 25mal so groß wie das von Russland, selbst die Europäische Union ist neunmal größer. Niemand im Westen braucht Angst davor zu haben, dass Russland den Gashahn zudreht – der Weltmarkt ist groß und flexibel und es gibt viele Alternativen.

Sollte es zu einem Rüstungswettlauf kommen, wird es daher nur einen Sieger geben. Für Russland liefe er auf einen dramatischen und systemgefährdenden Rückgang des Lebensstandards hinaus – der ohnehin schon sehr niedrig ist: Das Sozialprodukt pro Kopf liegt bei weniger als einem Drittel des EU-Niveaus. Es geht weiter abwärts: Nach der EU-Prognose wird das reale russische BIP bereits in diesem Jahr um 10,5% niedriger sein als 2021, das Niveau der Verbraucherpreise dagegen um etwa 20% höher. Es fängt an wehzutun.

Wenn der Westen weiter zusammenhält, wird das Regime in Moskau am Ende größere Konzessionen gegenüber der Ukraine machen müssen als es sich dies zurzeit vorstellt. Dazu gehören vermutlich nicht nur der komplette Rückzug der Truppen aus der Ukraine, sondern auch beträchtliche Reparationszahlungen für den Wiederaufbau. Je länger der Krieg dauert, desto wirksamer werden die Sanktionen. Leider bedeutet das allerdings erst einmal noch mehr Leid und Zerstörung, und Tausende von Toten.

Autor Dieter Wermuth ist Economist und Partner bei Wermuth Asset Management.

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