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27. Dezember 2012, 15:12
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Gutachten: Fehlberatung kostet Deutsche 50 Milliarden Euro

Durch „fehlgeleitete Abschlüsse“ in der Altersvorsorge entstehen Verbrauchern jährliche Schäden in Höhe von rund 50 Milliarden Euro. Zu diesem Ergebnis kommt ein Gutachten im Auftrag der Grünen-Bundestagfraktion. Aus Sicht der Versicherungswirtschaft beruht die Studie auf „falschen Annahmen“.

Professor Andreas Oehler, Universität Bamberg

Professor Andreas Oehler, Universität Bamberg (Archiv-Bild)

Allein durch fehlgeleitete Abschlüsse von Kapitallebens- und privaten Rentenversicherungen sowie „ineffiziente Riester-Verträge“ entstehen laut Gutachten jährliche Schäden von 17 Milliarden Euro – dabei entfallen rund 16 Milliarden Euro auf die genannten Versicherungen und mindestens eine Milliarde Euro auf Riester-Produkte, teilt der Bamberger Finanzwissenschaftler Professor Dr. Andreas Oehler mit, der das Gutachten im Auftrag der Grünen-Bundestagfraktion erstellt hatte.

Nach Angaben Oehlers ergeben sich die größten Schäden durch Finanzprodukte des „grauen“ Kapitalmarkts, die mit mindestens 30 Milliarden Euro zu Buche schlagen sollen. Hinzu komme ein Mindestschaden von einer Milliarde Euro aufgrund „fehlender und nicht genutzter Sondertilgungsmöglichkeiten bei der privaten Immobilienfinanzierung“ sowie Schäden in weiteren Marktsegmenten wie offenen und geschlossenen Fonds.

„Aufgrund der Daten, die in unserer Studie zusammengestellt worden sind, wird eher konservativ ein jährlicher Schaden in Höhe von mindestens 50 Milliarden Euro geschätzt“, sagt der Wissenschaftler, der für seine Analyse „verschiedene Studien aus unterschiedlichen Bereichen“ zusammengefasst hat.

GDV spricht von „falschen Annahmen“

Professor Andreas Oehler, Universität Bamberg

Jörg von Fürstenwerth, GDV

In der deutschen Versicherungswirtschaft stoßen die Thesen Oehlers auf heftige Kritik, die sich vor allem an der zugrundeliegenden Datenbasis entzündet. „Diese Zahlen sind falsch. Der Untersuchung liegen so viele offenkundig falsche Annahmen zugrunde, dass ihre erneute Veröffentlichung wirklich erstaunen muss“, kommentiert Jörg von Fürstenwerth, Vorsitzender der Hauptgeschäftsführung des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV).

Oehler habe bereits bei der nach GDV-Angaben erstmals im Jahr 2011 publizierten Untersuchung eingeräumt, dass die verwendeten Daten nicht repräsentativ seien, erklärt der Verband in Berlin. So stütze Oehler seine Untersuchung auf gerade einmal 1.115 gekündigte Verträge aus den vergangenen zehn Jahren. Hierbei handelte es sich nicht um eine repräsentative Auswahl, so Fürstenwerth, sondern ausschließlich um Beschwerdefälle. „Die Studie wurde auch in der wissenschaftlichen Fachöffentlichkeit analysiert und als unwissenschaftlich eingeordnet“, sagt der GDV-Manager.

Professor Andreas Oehler, Universität Bamberg

Nicole Maisch, Abgeordnete im Deutschen Bundestag für Bündnis 90/Die Grünen

In seinem Gutachten verweist Oehler unter anderem auf Daten der Verbraucherzentrale Hamburg, wonach sich bei einer Storno-Quote von vier Prozent bei Kapitallebens- und privaten Rentenversicherungen ein Schaden in Höhe von rund elf Milliarden Euro pro Jahr ergebe, bei einem Kündigungsaufkommen von sechs Prozent betrage die Summe circa 16 Milliarden Euro pro Jahr.

Der GDV wehrt sich mit der Behauptung, dass die tatsächliche Storno-Quote in den vergangenen zehn Jahren im Schnitt bei rund 3,8 Prozent gelegen habe und in den zurückliegenden Jahren stetig auf mittlerweile rund 3,5 Prozent gefallen sei. Für Widerspruch auf Verbandsseite sorgt zudem die Annahme Oehlers, dass sich pro vorzeitig gekündigtem Vertrag ein durchschnittlicher Verlust von 4.200 Euro ergibt. Diese Summe sei gemessen an den tatsächlichen, durchschnittlichen Versicherungssummen „absolut unrealistisch“, heißt es aus Berlin. Die einmalig einkalkulierte Abschlussprovision einer Police mit 25 Jahren Laufzeit und 100 Euro monatlicher Zahlung liege branchenüblich bei 1.200 Euro. Zudem seien Verluste überhaupt nur bei Kündigungen in den ersten Vertragsjahren zu erwarten.

Grüne fordern neues Basisprodukt für die Altersvorsorge

Die Auftraggeber des Gutachtens sehen sich hingegen bestätigt: „Der deutsche Steuerzahler buttert jährlich Milliarden in die private Altersvorsorge – das soll die Rentnerinnen und Rentnern reich machen – nicht Banken und Versicherungsmakler. Überhöhte Gebühren und Provisionen dürfen nicht länger an der Rente der Sparer zehren“, kommentiert die Grünen-Bundestagsabgeordnete Nicole Maisch.

Die kalkulierten Schäden für die Sparer seien immens, weil „schwarz-gelb weiter interessengeleitete Geschenke an die Finanzbranche verteilt und vor einer effizienten, verbraucherorientierten Regulierung aller Vertriebsformen und aller Produkte zurückschreckt“, so Maisch. Sie fordert, dass der Markt für Altersvorsorge-Produkte übersichtlicher werden müsse: „5.000 Riester-Produkte überfordern selbst Finanzexperten. Wir fordern die Prüfung eines einfachen, kostenschlanken, öffentlich organisierten Basisprodukts für die private Altersvorsorge, das Standards im Markt setzt“, ergänzt die Politikerin.

Neben vermeidbaren Mehrkosten in der Altersvorsorge, moniert Oehler zudem die „im EU-Vergleich eher hohen Kosten für die Konto- und Depotführung sowie andere Kosten wie Fremdabhebegebühren an Geldausgabeautomaten sowie gemessen an der Kundenbonität oft deutlich überhöhte Zinsen für Dispositionskredite.“ (lk)

Fotos: Universität Bamberg, GDV, Bündnis 90/Die Grünen

1 Kommentar

  1. Seit über einem Jahr möchte ich von der Versicherung Auskunft über einen von mir festgestellten Fehlbetrag beim Garantiezins üb. 3.653,– € bekommen. Wie aus dem mir inzwischen vorliegenden Schriftverkehr zu ersehen, versucht man mich mit den bisherigen Argumenten zu verarschen! Wer kann mir weiterhelfen bei meinem Kampf gegen die Versicherungsmafia ?

    Kommentar von Hans-Dieter Dierding — 24. März 2013 @ 07:37

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