„Aktuelle Tarifstrukturen in vielen Fällen nicht mehr zeitgemäß“

Dr. Gero Nießen, Director bei der Unternehmensberatung Willis Towers Watson in Köln, spricht über die Aussichten für die Kfz-Versicherung angesichts des rasanten technischen Fortschritts und sagt, ob der Branche eine Revolution bevorsteht.

Gero Nießen Willis Towers Watson
Gero Nießen: „Juristische Anforderungen für Versicherer werden ganz klar steigen.“

Cash.: Ihr Haus erwartet durch sogenannte Assistenzsysteme im Fahrzeug mittelfristig Kosteneinsparungen, weil es aufgrund der technischen Möglichkeiten in Zukunft weniger Schäden geben werde. Wie könnte sich dies auf die Tarifierung in der Kfz-Versicherung in Deutschland auswirken?

Nießen: Die Geschwindigkeit, mit der sich die Automobilbranche derzeit weiterentwickelt, ist enorm. Die aktuell verwendeten Tarifstrukturen für die Kfz-Versicherung sind an dieser Stelle in vielen Fällen nicht mehr zeitgemäß. Kernaufgabe für die deutschen Versicherer ist daher eine flexible Tarifierung, die sich stärker an den individuellen Daten von Fahrer und Fahrzeug orientiert.

Durch telematische Anwendungen ist der Zugang zu Fahrerdaten bereits möglich. Selten genutzt werden derzeit hingegen noch individuellere Fahrzeugdaten zu speziellen Assistenzsystemen für die Tarifierung, denn der Zugriff auf diese Daten mittels Fahrzeugidentifikationsnummer ist ein nicht zu vernachlässigendes Investment.

Selbstfahrende Autos werden aktiv getestet und kürzlich hat auch der US-Autobauer Ford angekündigt, in fünf Jahren komplett selbstfahrende Autos ohne Lenkrad und Pedale in Serie auf die Straße zu bringen. Erwarten Sie, dass entsprechende Fahrzeuge auch in Zukunft noch individuell versichert werden müssen oder wird die Hersteller-Haftpflicht zunehmend Gewicht bekommen?

Durch die Technologisierung bekommt die Hersteller-Haftpflicht zwar einen höheren Stellenwert, aber dennoch: Fahrzeuge ohne Lenkrad und Bremse – auch selbstfahrende Autos – sehe ich in der näheren Zukunft noch nicht auf unseren Straßen. Die Fahrer sollen jederzeit eingreifen können, ähnlich wie es beim Fliegen mit dem Autopilot der Fall ist, wodurch eine normale Kfz-Haftpflichtversicherung erhalten bleiben wird.

Natürlich wird der Hersteller in die Pflicht genommen für etwaige Unfälle bei autonomen Fahrzeugen oder Fehlfunktionen von technischen Features. Die Anforderungen im juristischen Sinne werden für die Versicherer also ganz klar steigen. Auch wenn das Thema im deutschen Versicherungsmarkt aktuell noch wenig diskutiert wird: Die Kombination aus Produkthaftung am Fahrzeug und individueller Kfz-Versicherung könnte künftig massive Regressforderungen zwischen Versicherern mit sich bringen.

Einer Umfrage Ihrer Beraterkollegen von KPMG zufolge glauben die meisten Versicherungsmanager in Deutschland, dass es, „wenn überhaupt, irgendwann in ferner Zukunft“ zu umfassenden Veränderungen im deutschen Kfz-Versicherungsmarkt kommen wird. Ist das ein Trugschluss?

Kurzfristig sehen auch wir keine Revolution im Kfz-Versicherungsmarkt. Mittel- bis langfristig wird es aber definitiv Veränderungen und Verschiebungen geben. Sobald beispielsweise Telematik-Tarife an Fahrt aufnehmen, werden einige Versicherer realisieren, dass sie ihre Tarife schneller an den Markt und die wachsende Konkurrenz durch Automobilhersteller anpassen müssen.

Im Hinblick auf das autonome Fahren sehen wir gerade eine rasante Beschleunigung der Entwicklung: Ging man vor einem Jahr noch davon aus, dass selbstfahrende Autos in zehn bis 15 Jahren auf den Markt kommen, sprechen Anbieter heute schon vom Verkaufsstart 2020! Dennoch muss sich der Fahrzeugpark in Deutschland erst einmal erneuern, dies wird umfassend nicht vor 2035 oder 2040 der Fall sein.

Interview: Lorenz Klein

Foto: Willis Towers Watson

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