Corona und die Folgen – quo vadis, Assekuranz?

„Einfache Versicherungen sind nicht komplizierter zu kaufen, als ein Buch zu bestellen“, sagt denn auch der ehemalige AWD-Vorstandsvorsitzender Carsten Maschmeyer.

Der Unternehmer, der mit seinem von ihm gegründeten Venture-Capital-Unternehmen Alstin Capital beim Digitalversicherer Neodigital eingestiegen ist, machte im Interview mit Cash. – im Special Versicherungen, das am 19. November erscheint – mehr als einmal deutlich, dass er die Zukunft der Branche in der Digitalisierung sieht. „Der Makler wird, um mit den Angeboten am Markt mithalten zu können, sich selbst digitalisieren müssen.“

Carsten Maschmeyer: „Komplexe Produkte funktionieren nicht rein digital.“
Foto: Fotobonn/Christian Daitsche

Gleichwohl zeigt er sich überzeugt, dass komplexe Produkte wie die betriebliche Altersversorgung, die private Krankenversicherung oder die Berufsunfähigkeitsversicherung über die rein digitale Schiene nicht funktionieren, weil die Kunden dort wegen der Komplexität überfordert seien. „Wir werden, so glaube ich, drei Formen sehen“, sagt Maschmeyer. „Einmal die Sach- und Kompositprodukte, die voll digital verkauft werden. Dafür muss man keine 40 Kilometer fahren. Dann wird es Produkte geben, bei denen Sie den Mensch als Vertrauensfaktor, Problemlöser und Konzeptbauer benötigen. Und es wird Mischformen geben, wo die Kunden einen Teil digital erledigen, aber dann doch auf das Telefon oder die Videoberatung umschwenken“, so Maschmeyer.

„Der stationäre Vertrieb muss sich ändern“

Neodigital-Vorstand Voss stützt Maschmeyers Aussage. „Klar, man könnte alles digital regeln. Bei Convenience-Produkten, wie einer Tierhalterhaftpflicht- oder einer einfachen Hausratversicherung kann der Kunde das relativ autark tun. Bei lebensbeeinflussenden Themen, wie der Berufsunfähigkeit, würde ich eine Beratung hinzuziehen. Und gerade bei den komplexen Versicherungen wird es immer Menschen geben, die Hilfe bei der Entscheidungsfindung benötigen.“

Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Familienversicherung Dr. Stefan Knoll hatte auf der Halbjahresbilanzpressekonferenz seiner Gesellschaft Mitte August 2020 davon gesprochen, dass der stationäre, analoge Vertrieb sich ändern müsse, ansonsten würde er seine Existenzberechtigung verlieren.

Dazu Voss: „Als volldigitaler Versicherer würde ich sagen, dass ist nicht das Ende der Beratung. Der Makler wird, um mit den Angeboten am Markt mithalten zu können, sich selbst digitalisieren müssen. Der, der sich dagegen verschließt, der hat es dann wirklich nicht begriffen.“ Seit dem 2. November 2020 befindet sich Deutschland in einem zweiten Lockdown light. Die Folgen, ungewiss.

„Das ist Glaskugelleserei“, sagt auch Generali Vorstand Stachon. Dabei hatte die Branche gerade die Folgen des ersten Lockdowns zwischen Ende März und Anfang Mai scheinbar gut verdaut. In zahlreichen Interviews, die der Autor des Beitrags über den Sommer und frühen Herbst geführt hatten, äußerten sich die Vorstände der Unternehmen äußerst zufrieden mit dem Neugeschäft, dass – nach dem Stillstand im April – wieder sehr gut angelaufen sei. Überraschenderweise laufe es sehr gut. Man sei auf Vorjahresniveau oder zum Teil sogar darüber, hieß es immer wieder bei Gesprächen mit Vorständen.

Prognosen über Vorjahresniveau?

Die Aussagen sind verblüffend, weil sie Prognosen der Managementberatung EY Innovalue konterkarieren, die für dieses Jahr deutliche Markteinbußen in allen drei Versicherungssparten erwartet. Für das laufende Jahr rechnet EY mit einem Rückgang des Neugeschäfts von 23 bis 27 Prozent, insbesondere im Einmalbeitragsgeschäft. Ins Strauchel geraten ist die PKV. Dort könnte das Neugeschäft um 22 bis 29 Prozent zurückgehen.

Noch heftiger sind die Schockwellen in der bAV. Während in der privaten Altersvorsorge die anhaltende Unsicherheit auf die Abschlussbereitschaft drücke, sei das Neugeschäft in der bAV beinahe komplett eingestellt. Dazu kämen Storni und Beitragsfreistellungen. Zuwächse erwartet EY Innovalue aufgrund des gestiegenen Risikobewusstseins vor allem in der Biometrie. Das Vorkrisenniveau dürfte laut EY Innovalue auch bis 2025 nicht erreicht werden.

Doch nicht Stornos, Stundungen oder beitragsfreie Verträge scheinen das Problem der Versicherer. „Die Liquidität der Versicherer war nie in Gefahr, sagt Dr. Guido Bader, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Aktuarvereinigung im Interview mit Cash. im Special Versicherungen, das am 19. November erscheint. Ungemach droht den Unternehmen von den Kapitalmärkten.

Die Niedrigzinsen sind das Problem

„Dort sind die Einschläge heftig“, sagt Bader. Und es sind nicht die Aktien, sondern das weitere Abrutschen der Anleihenzinsen, das zusätzlich Druck auf die Lebensversicherer ausübt – und das auf Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte. Verantwortlich hierfür ist die seit nun rund einem Jahrzehnt währende lockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank.

Bei 24 von 82 Lebensversicherern reichten die 2019 erwirtschafteten Erträge aus der Kapitalanlage nicht aus, um die Garantieverpflichtungen zu erfüllen und die gesetzlich vorgeschriebene Reserve zu bedienen. Das zeigt eine Analyse des Zweitmarkthändlers Policen Direkt.

„Das Niedrigzinsnivau dürfte durch die Coronakrise und die Geldpolitik der EZB für das gesamte Jahrzehnt zementiert sein“, konstatiert Dr. Friedmann Lucius, Vorstandsvorsitzender des Instituts der Versicherungsmathematischen Sachverständigen für Altersversorgung (IVS). Und das könnte letztlich fatale Folgen für die Stabilität der Gesellschaften haben.

Autor: Jörg Droste, Cash.

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