Getsurance muss Insolvenz anmelden

Portrait von Herr Dr. Becher von Getsurance
Foto: Florian Sonntag
Dr. Becher, Getsurance

Alles geht digital, lautete das Motto der Brüder Viktor und Johannes Becher bei der Gründung ihres Insurtechs Getsurance im Jahr 2016. Jetzt hat das Berliner Insurtech Insolvenz angemeldet. Die Geschäfte laufen derweil erst einmal weiter.

Das Insurtech Getsurance musste Insolvenz anmelden. Das berichtet das Online-Portal Gründerszene.de. Zum Insolvenzverwalter wurde Rechtsanwalt Friedemann Ulrich Schade bestellt, der dort mit der Aussage zitiert wird, dass der Geschäftsbetrieb weiterlaufe, die Kunden würden wie gewohnt betreut.

Das Insurtech Getsurance wurde von den Brüdern Viktor und Johannes Becher 2016 gegründet und ging im Juni 2017 in Deutschland mit einer digitalen BU-Versicherung an den Markt. Im Jahr 2018 stieg die Reinsurance Group of America (RGA) als Investor ein. Investiert sind zudem die Investitionsbank Berlin und die Schweizer Postbank, PostFinance.

„Versicherung ohne Papierkram“ lautet der Werbeslogan auf der Webseite von Getsurance. Derzeit ist er dort immer noch zu lesen. Doch funktioniert ein BU-Versicherung rein digital? Anfang des Jahres hatte Cash. mit Viktor Becher über das Start-up und sein Geschäftsmodell gesprochen.

Becher zeigte sich dabei mehr als optimitisch, dass das Geschäftsmodell gute Chancen im Markt hat. Getsurance verkaufe BU-Versicherung ausschließlich digital. Rund 80 Prozent der Policen würden über das Smartphone abgeschlossen, so Becher. „Wir sind da relativ günstig im Vergleich zum Markt. Je nach Berufsgruppe gehören wir zu den fünf bis zehn günstigsten Angeboten“, sagt Becher.

Zum Jahreswechsel 2019/2020 hatte das Insurtech mit der Arbeitsausfallversicherung zudem ein Alternativprodukt für die Berufsunfähigkeitsversicherung in den Vertrieb aufgenommen. Auch weil die BU vielen körperlich Arbeitenden schlichtweg zu teuer sei. Hinzu komme die Gesundheitsprüfung.

„Also haben wir überlegt, wie sich die Versicherung radikal vereinfachen ließe. Und kamen auf die Idee mit dem gelben Schein. Den kennt jeder. Unser Ansatz: Ist jemand länger krankgeschrieben, erhält er das Geld von uns. Im Umkehrschluss ist es allerdings so, dass wir im Gegensatz zur BU nur für einen begrenzten Zeitraum zahlen“, sagt Becher.

Becher zeigte sich überzeugt, dass es gelingen werde, Getsurance zu einem großen europäischen digitaler Lebensversicherer  auszubauen. „Unser Ziel sind rund 100.000 Abschlüsse im Jahr. Mit eindeutigem Fokus auf Biometrie“,  sagte Becher seinerzeit im Interview. Fakt ist aber, dass das Insurtech Anfang des Jahres nur rund 6.000 Verträge im Bestand hatte, davon rund 1.500 Berufsunfähigkeitversicherungen.

Das Produkt laufe zwar erfreulich, sei aber bei Weitem keine exponentielle Wachstumsstory, gestand er ein. Becher sah die Gründe dafür vor allem in der Komplexität der BU Versicherung. Die würde sich dem Kunden nicht erschließen. „Das heißt, für jeden Kunden, der einen Vertrag abschließt, verlieren wir drei andere, die nicht abschließen. Warum? Weil sie das Produkt nicht verstehen“, so Becher.

In vielen Gesprächen oder Interviews äußerten Vertriebsvorstände gegenüber der Redaktion immer wieder Zweifel, dass der Verkauf einer BU rein digital gelingen könne. Es gibt Pull- und Pushprodukte im Markt. Die einhellige Meinung der Experten war, dass ein komplexes Produkt wie die Berufsunfähigkeitsversicherung letztlich zu erklärungsbedürftig sei und somit kaum für den rein digitalen Verkauf geeignet ist. Zwar läuft der Betrieb bei Getsurance nach Aussage des Insolvenzverwalters weiter. Doch ob „alles digital geht“ und das Modell für die Zukunft tragfähig ist, bleibt abzuwarten. (dr)

Foto: Florian Sonntag

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