Interview Martin Gräfer: „In punkto Nachhaltigkeit sind die meisten Kunden weiter als viele Vermittler“

Die Bayerische treibt das Thema Nachhaltigkeit mit Nachdruck voran. Cash. sprach mit dem Bayerische-Vorstand Martin Gräfer über die Klimakrise, den nachhaltigen Umbau der Bayerischen, Pangaea Life und warum Kunden das Thema oftmals schon besser verinnerlicht haben, als viele Vermittlerinnen und Vermittler.

Die betriebliche Altersvorsorge soll, so die Vorstellung der Politik, neben der gesetzlichen eine tragende Säule im Altersvorsorge-Mix werden. Ein Problem ist, dass das, was der Staat und die politischen Entscheidungsträger im Rahmen des Betriebsrentenstärkungsgesetzes geplant haben, bislang kaum im den Köpfen der jüngeren Berufstätigen ankommt. Was wäre ihre Lösung?

Gräfer: Es gibt die Idee, das Problem über einen Zwang zu lösen. Das ist ein Denkansatz, den ich überhaupt nicht teile. Ich glaube, dass man mit Menschen in der Altersgruppe sehr wohl sehr klug reden kann. Diese Altersgruppe denkt heute anders, als wir es in dem Alter vielleicht getan haben. Ganz oft geht es gerade bei jungen Menschen eben nicht nur um Garantien oder um Rendite alleine. Nach unserer Erfahrung sind es gerade die jüngeren Menschen, die sich eine verlässliche, transparente, nachhaltige und verständliche Form von Vorsorge wünschen. Ein Zwang kommt nicht positiv an. Und das verstehe ich sehr gut.

Da möchte ich widersprechen. Ich glaube, dass wir die Menschen anders abholen müssen. Ich halte ein Obligatorium kombiniert mit einem Opting-Out-Modell durchaus für einen Ansatz, um die Menschen zu einer bAV zu bewegen.

Gräfer: Das kann durchaus sein. Aber wissen wir, wie die Arbeitsverhältnisse in den nächsten zehn bis 15 Jahren aussehen werden? Bisher habe ich dazu noch keine mich überzeugenden Studien gelesen. Nehmen sie einen jungen Menschen, der heute als Freelancer bei einer Firma in Deutschland arbeitet und im kommenden Jahr in die Vereinigten Staaten möchte, um dort weitere berufliche und persönliche Erfahrungen zu sammeln. Wie wollen Sie diese jungen Menschen absichern? Über eine mögliche Vorsorgepflicht allein funktioniert das nicht. Es ist gar nicht mehr so selten, dass immer mehr Menschen für mehrere Firmen oder Auftraggeber arbeiten. Wie wollen Sie das über die bAV zwangslösen? Ich bin übrigens durchaus für Opting-Out-Modelle. Man muss es allerdings differenziert betrachten. Denn ich glaube nicht, dass es diesen einen für jedermann perfekten Lösungsansatz geben kann. Gerade Alleinerziehende – oft sind es immer noch Mütter – werden wir mit einem Opting-Out gar nicht erreichen. Die Riester-Rente dagegen schon. Auch mit fünf Euro monatlichen Beitrag erhält ein alleinerziehender Elternteil diese Förderung. Das ist zumindest ein Einstieg und es ist völlig absurd, dass gerade die Sozialdemokraten diese soziale Form der privaten Altersvorsorge abschaffen und eine Reform boykottieren. Der Versuch, Komplexität zu simplifizieren und einfache Lösungen zu finden, über eine Zwangsversicherung oder eine gesetzliche Rente für alle, mag zwar pragmatisch klingen, aber es wird keine nachhaltige Antwort auf die Herausforderungen der Alterssicherung in der Zukunft sein. Gerne wird auch der norwegische Staatsfonds als Modell für Deutschland vorgestellt. Es wird aber vergessen, woher das Kapital für den Staatsfonds stammt. Nämlich aus dem Öl-und Erdgasverkauf. Verfügt Deutschland über Öl- und Erdgasfelder, mit deren Erträgen ein solcher Fonds befüllt werden kann? Ich glaube, dass die Simplifizierung, wie wir sie in nahezu allen Parteiprogrammen auch zur Bundestagswahl sehen, der Sache nicht gerecht wird. Was deutlich hemmt, ist die insgesamt sehr hohe Steuer- und Sozialabgabenlasten und das gerade für die Mittelschicht.

Also eher keine Pflicht zur Altersvorsorge?

Gräfer: Ich sehe die eigentlich sehr nachvollziehbare Idee einer Altersvorsorgepflicht für Selbständige durchaus kritisch. Wie soll jemand sparen, der kaum Geld zur Verfügung hat? Viele, gerade Unternehmerinnen und Unternehmer, dürften in der Corona-Krise ihre Ersparnisse für die Altersvorsorge angezapft oder gar aufgebraucht haben, um den Einkommensausfall zu ersetzen. Wem nicht genügend von seinen Einnahmen verbleibt, dem wird auch keine Altersvorsorge möglich sein. Ich jedenfalls kenne keinen Selbständigen, der sehenden Auges auf die soziale Grundsicherung im Alter zusteuern möchte. Es liegt also nicht allein an der Frage der Altersvorsorge, sondern auch daran die Abgaben- und Steuerlast so zu kalibrieren, dass auch jeder Mensch, der unternehmerisch tätig ist, aus eigener Kraft Rücklagen für die Altersvorsorge bilden kann. Auch wenn ich eher liberal orientiert bin, ist aus meiner Sicht die Regelung für ein Mindesteinkommen und einen Mindestlohn für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer noch wichtiger, denn das ist die Basis die zur Bildung eigener Altersvorsorge relevant sind.

Sie sprachen vom norwegischen Staatsfonds, der auch aus dem Verkauf des norwegischen Erdöls und Erdgases finanziert werden dürfte. Das Bayerische-Tochterunternehmen Pangaea Life setzt nicht auf Kohlenstoff-Investments. Die Umsatzentwicklung ist beachtlich.

Gräfer: Pangaea Life ist die Marke, die das Thema Nachhaltigkeit und Klimaschutz im Markt nach vorne treibt – und das mit beachtlichen, vor allen Dingen aber verlässlichen Renditen verbindet. Wir investieren als die Bayerische dort auch selbst mit rund 125 Millionen Euro ein ganz ansehnliches Kapital und hier ganz wesentlich auch Mittel aus dem Sicherungsvermögen unserer Lebensversicherer. Wir waren uns sicher, dass die Idee der direkten Investition in Sachwerte funktionieren kann. Denn die drei Punkte Rendite, kaum Volatilität und messbare Nachhaltigkeit werden, kombiniert mit Flexibilität, zunehmend nachgefragt und haben zurecht Konjunktur. Weil die Nachfrage vorhanden ist, werden wir neben unserem Erneuerbare-Energie-Fonds einen weiteren Fonds ergänzen. Dort investieren wir in nachhaltige Wohnimmobilien in Deutschland. Auch hier eröffnen wir unseren Kunden der konventionellen Lebens- und Rentenversicherung eine attraktive Kapitalanlage oder Altersvorsorge. Dabei bieten wir eine Anlagemöglichkeit, die sonst nur institutionellen Anlegern offen steht. Die geringen Kosten verbunden mit der Flexibilität der fondsgebundenen Rentenversicherung und verlässlichen Renditen machen diese Anlage besonders attraktiv und in dieser Form als echte Innovation einzigartig in Deutschland.

Immobilien hierzulande zu finden, die diese Kriterien erfüllen, dürfte nicht ganz einfach sein?

Gräfer: Die Nachfrage nach solchen Immobilien ist enorm. Schließlich sind klimaneutrale Städte eines unserer wichtigsten Zukunftsprojekte. Kunden werden bei unserem Fonds auf bestehende und neue Projekte zurückgreifen können. Und zwar zu Konditionen, die sonst nur institutionelle Anleger erhalten. Diese Assetklasse enthält nicht nur Wohnimmobilien, sondern auch Finanzierungen von größeren Projekten.

Könnten Sie kurz die Anlagegrundsätzen erläutern, nach denen Sie bei Pangaea Life investieren?

Gräfer: In unserem Energie-Fonds „Blue Energy“ ausschließlich in die Herstellung und Speicherung von ökologisch nachhaltiger Energie. Aktuell sind es im wesentlichen Windkraft, Wasserkraft und Sonnenenergie. Wir investieren ausschließlich direkt in diese Energie-Anlagen – keine Beteiligungen. Diese müssen 100 Prozent ökologisch nachhaltig sein. Investitionen in ökologisch, sozial oder ethisch fragwürdige Bereiche schließen wir gemäß unseren Investitionskriterien kategorisch aus. Jeder, der bei Pangaea Life investiert, kann prüfen, wohin die Investments fließen. Wir haben eine Webseite, auf der Sie die Investments nachverfolgen können. Sogar virtuell im Rahmen unserer digitalen Investmentreise. Ich kenne keinen Wettbewerber, der das in ähnlicher Weise könnte. Das ist unserer Alleinstellungsmerkmal.

Nachhaltigkeit ist nicht nur eine Frage des Produktangebotes. Könnten Sie die Nachhaltigkeitsstrategie skzzieren?

Gräfer: Bis 2016 hatten wir noch keine klare Vorstellung, wie unser Ansatz aussehen könnte. Uns war klar, die Ökologie spielt die entscheidende Rolle. Aber Nachhaltigkeit ist letztlich ein Dreiklang aus Ökonomie, Ökologie und Sozialem. Im vergangenen Jahr haben wir dann unsere Version von Nachhaltigkeit formuliert. Wir wollten den Ansatz von Pangaea Life aber nicht komplett auf die Bayerische übertragen. Denn das wäre Greenwashing gewesen. Doch auch die Bayerische treibt das Thema Nachhaltigkeit mit Nachdruck voran und wirtschaftet bereits seit mehreren Jahren über Kompensationsmaßnahmen klimaneutral. Spätestens 2030 soll die Bayerische aus eigener Kraft klimaneutral agieren. Was wir seinerzeit noch gar nicht im Fokus hatten, ist Pangaea Life als Plattform zu etablieren. Also weiteren Unternehmen die Möglichkeit zu geben, sich daran zu beteiligen. Das ist der Grund, warum sich die Nürnberger an Pangaea Life beteiligt hat und den Vertrieb mit übernehmen wird. Wir haben zudem einen österreichischen Versicherer, der mit einem mittleren zweitstelligen Millionenbetrag in Pangaea Life investiert ist. Aktuell reden wir auch mit Versicherern außerhalb Deutschlands. Wir möchten in der Dachregion jeweils einen Partner finden. Mit der Nürnberger ist verabredet, dass in Deutschland auch ein weiterer Versicherer hinzukommen könnte. Die meisten Versicherer sind bei Kooperation allerdings sehr zurückhaltend. Je mehr Partner und Kunden wir für unsere Produkte begeistern können, desto größer der Impact für unseren Planeten.

„Letztlich werden die Vermittler immer stärker an das Thema herangedrückt, weil die Kunden es wollen. Die Klimakrise ist da.“

Die Versicherungsbranche schaltet auf grün. Finanziert den nachhaltigen Umbau der Wirtschaft und Geselllschaft durch die Kapitalanlagen. Nun zeigt aber eine Studie von Sopra Steria, dass das Thema bei weitem nicht den Stellenwert hat, den die Branche beziehungsweise der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft nachdrücklich betont. Wie erklärt sich dieser Widerspruch?

Gräfer: In einem derartigen Transformationsprozess gibt es immer kommunikative Speerspitzen, die ihre Position nutzen, um die anderen wachzurütteln. Alle Kollegen aus der Versicherungsbranche, mit denen ich spreche, sind sich der Bedeutung der ökonomischen Ausrichtung auf ökologische Themen bei der Kapitalanlage bewusst. Große Versicherer sind aber wie Tanker. Da braucht die Neuausrichtung der Kapitalanlagen Zeit. Es ist aber in der gesamten Branche ein Thema. Ein Problem ist, dass in den vergangenen vier Jahren die Einstiegspreise für ökologische Investments spürbar gestiegen sind. Ich schätze im niedrigen zweitstelligen Prozentbereich. Nicht wenige Versicherer fürchten, politisch zu nachhaltigen Investment gezwungen zu werden. Das treibt die Nachfrage und damit die Preise. Und das führt dazu, dass wir inzwischen zum Teil von Projekten auch Abstand nehmen müssen, weil sie nicht mehr auskömmlich sind. Wir wollen ökologisch investieren. Aber ohne Renditen funktioniert das nicht.

Wer prüft bei Ihnen die Investments?

Gräfer: Unsere Investmentgesellschaft ist Aquila Capital und ausschließlich im ökologisch-nachhaltigen Segment aktiv. Aquila entwickelt und verwaltet den Fonds. Für den Fonds gibt es einen Anlageausschuss, in dem auch wir Mitglied sind. Dort wird jedes Projekt nach strengen ökologischen, sozialen und ethischen Kriterien geprüft. Es muss einen nachhaltigen Beitrag liefern und es muss sich ökonomisch rechnen. Der Pangaea Life-Ansatz ist einzigartig in Deutschland und Europa. Insofern haben wir hier ein absolutes Alleinstellungsmerkmal. Zudem investieren wir mit unserem Sicherungsvermögen und sorgen so dafür, dass der Fonds ein Mindestvolumen hat. Und wir stellen sicher, dass der Kunde seine Anteile wieder verkaufen kann. In dem Fall übernehmen wir die Anteile. Auch das gibt es kein zweites Mal.

Nachhaltigkeit lässt sich in der Lebens- und Krankenversicherung gut darstellen. Und in der Sachversicherung?

Gräfer: Wir bieten die Gewerbeversicherung nur noch als nachhaltige Police an. Wir haben in der Hausratversicherung Pangaea Life Bausteine. Und ebenso in der Wohngebäudeversicherung. Die Kapitalanlage erfolgt über den Pangaea Life-Fonds, was für Kunden weniger entscheidend ist aber direkt nachhaltige Investments fördert. Und dann gibt es produktspezifische Nachhaltigkeitskomponenten. Dazu zählt, dass wir bei der Hausratversicherung zum Beispiel bis zu 20 Prozent mehr zahlen, wenn sich der Kunde im Schadensfall für ein nachhaltiges Ersatzprodukt entscheidet. Kunden fragen das nach und finden es gut. Die Vermittler ignorieren es häufig noch.

Umfragen aus Ende 2019 zeigen eine große Skepsis beim Vertrieb. Registrieren Sie hier inzwischen ein Umdenken?

Gräfer: Ich glaube, dass die meisten Kunden weiter sind als die Vermittler. Eines ist aber auch klar. Die Vermittler, die es ansprechen, haben damit ökonomischen Erfolg. Und letztlich werden die Vermittler immer stärker an das Thema herangedrückt, weil die Kunden es wollen. Die Klimakrise ist da. Das hat der Weltklimarat gerade bestätigt. Ich werde – persönlich wie auch im Unternehmen – meinen Beitrag zur Reduzierung der klimaschädlichen Emissionen leisten. Wenn ich die Diskussionen mit Maklern höre, dass Deutschlands Anteil am weltweiten CO2-Ausstoß gerade zwei Prozent beträgt, fehlen mir die Worte. Wenn ich schaue, wie lange Deutschland bereits extrem viel CO2 ausstößt – eigentlich mit Beginn der industriellen Revolution – und diese Emissionen pro Kopf berechne, gehören wir immer noch zu den Top-Fünf-CO2-Produzenten der Welt. Insofern haben wir viel zu tun und können nicht immer mit dem Finger auf andere zeigen.

Allein die Aussage, man sei nachhaltig, reicht den Kunden mittlerweile nicht mehr. Sie wollen einen neutralen Bürgen, der die nachhaltige Ausrichtung eines Unternehmens auch bestätigt. Wer ist Ihr Bürge?

Gräfer: Wir haben eine Nachhaltigkeitsstrategie und wir haben eine Vision: „Nicht heute zu Lasten von morgen, nicht hier zu Lasten von woanders“. Dass ich sie auswendig kann zeigt, wie ernst es mir und dem Unternehmen ist. Unsere Nachhaltigkeitsziele und Maßnahmen dafür machen wir nach den anerkannten Kriterien des Deutschen Nachhaligkeitskodex (DNK) transparent und verpflichten uns ebenfalls auf die Principles for Responsible Investment (PRi) der Vereinten Nationen. Wir haben unser gesamtes Haus für 2020 klimaneutral gestellt – noch mit Ausgleichsmaßnahmen. Unser gesamter Exklusivertrieb – und das sind nicht wenige – ist ebenfalls klimaneutral gestellt. Wir erwarten von jedem Partner dort, dass er seinen CO2-Fußabdruck berechnet. Dafür haben wir Programme entwickelt. Wir haben auch die An- und Abfahrten der Mitarbeiter mit einbezogen. Das machen längst nicht alle Gesellschaften. Die Mobilität und der damit verbundene CO2-Ausstoß lässt sich über mobiles Arbeiten begrenzen. Die Coronakrise hat gezeigt, dass es sehr gut funktioniert. Die Menschen, die weiter entfernt leben, müssen nur noch selten in die Firma kommen. Auch das ist ein wesentlicher Beitrag zur Klimaneutralität.

Das Interview führte Jörg Droste, Cash.

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