Marktreport Assekuranz: Wendepunkte

Foto: Christian Daitche, FotoBonn
Dietmar Bläsing, Vorstandssprecher des Volkswohl Bundes

2021 ist ein Jahr der Wendepunkte für die Assekuranz. Die Corona-Pandemie hat den digitalen Wandel massiv beschleunigt. Die Flutkatastrophe hat gezeigt, wie elementar wichtig Versicherungsschutz ist. Und Klimawandel und ein Höchstrechnungzins auf Nulllinie erfordern eine fundamentale Neujustierung bei der Kapitalanlage und neue Wege in der Altersvorsorge.

Es war hierzulande relativ ruhig geworden um die Friday for Future-Bewegung und Greta Thunberg. Aber die Klimakrise hat auch in Corona-Zeiten nichts von ihrer Aktualität verloren. Welche Wucht das Thema hat, zeigte sich im Sommer diesen Jahres mitten in Deutschland. Die Hagelschäden des Frühsommers und die Flutkatastrophe an Ahr und Erft Mitte Juli dürften dazu geführt haben, dass das Jahr 2021 mit rund 190 Toten in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, einer völlig zerstörten Infrastruktur und versicherten Sachschäden von über sieben Milliarden Euro zu einem der teuersten Naturgefahrenjahre überhaupt wird. Und die politischen Rahmenbedingungen hierzulande deutlich verschoben hat.

„Der Klimawandel ist kein abstraktes Phänomen, er ist wissenschaftlich belegt und hat jetzt schon Auswirkungen auf unsere Lebensqualität, auf die Existenzgrundlage vieler Menschen, auf die Geschäftsmodelle vieler Unternehmen und auf die Lebensräume künftiger Generationen. Die Fakten zwingen uns zum Handeln. Wir müssen das Thema auf den Weg bringen, sonst werden wir das Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, nicht einhalten können“, warnt denn auch Dr. Carsten Schildknecht, Vorstandsvorsitzender der Zurich Gruppe Deutschland im Interview mit Cash.

Sechs Billionen Euro für die Klimaneutralität

Einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey zufolge muss Deutschland etwa sechs Billionen Euro aufbringen, um Klimaneutralität zu erreichen. Die Versicherungsbranche allein will bis 2050 etwa 1,7 Billionen Euro nachhaltig anlegen und damit den Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft unterstützen. Die nachhaltige Umstellung der Kapitalanlagen ist dabei der Hebel. Was hier fehlt, ist derzeit die gesetzliche Grundlage. „Was ist nachhaltig? Was versteht man genau unter ESG und Klimaneutralität? Das muss von der Politik geklärt werden. Denn wir wollen jeglichem Greenwashing entgegenwirken. Was wir heute haben, reicht noch nicht“, kritisiert Schildknecht.

Dennoch: „Nachhaltige Geldanlage ist immer mehr ein Thema“, sagt Andreas Ludwig, Bereichsleiter Produkt & Analyse bei Morgen und Morgen, Hofheim. Dabei ist es nicht nur der nachhaltige Umbau, der die Versicherer fordert. Zwar begleitet die digitale Transformation die Branche nicht erst seit gestern. Aber Fakt ist auch, dass die Pandemie in den vergangenen 18 Monaten den digitalen Wandel nochmals massiv angeschoben hat. Das mehrfache Herunterfahren des öffentlichen Lebens während der Pandemie hat die Kunden nicht nur scharenweise zu Versandhändlern wie Amazon getrieben. Auch die Nachfrage nach Versicherungen hat sich deutlich in Richtung der digitalen Informationen und Abschlüsse verschoben.

Das belegt das Insurtech-Radar 2021 der Unternehmensberatung Oliver Wyman und Policen Direkt. Danach konnten 80 Prozent der endkundenorientierten B2C-Insurtechs mehr Kunden gewinnen, als von der Pandemie. „Über 20 Prozent konnten die Zahl ihrer Neukunden sogar um mehr als 50 Prozent steigern“, erklärt Dr. Dietmar Kottmann, Partner bei Oliver Wyman und Leiter für das Versicherungsgeschäft in Deutschland. Doch nicht bei den Endkunden konnten die Insurtechs gewinnen.

Bei Insurtechs, deren Primärkunden die etablierte Versicherungswirtschaft ist, sogenannte B2B2C-Modelle, war die Entwicklung noch ausgeprägter: Über 80 Prozent von ihnen gewannen mehr Vertragspartner als vor der Pandemie, über ein Drittel notierten sogar einen Zuwachs von mehr als 50 Prozent. „Dies ist eine deutliche Indikation, dass es bei Versicherern eine erhöhte Nachfrage nach digitalen Versicherungslösungen gibt und diese verstärkt Lösungsangebote von Insurtechs suchen und nutzen“, stellt Kottmann fest. Zukaufen, was sich nicht selbst entwickeln lässt, lautet die Devise.

„Was ist nachhaltig? Was versteht man genau unter ESG und Klimaneutralität. Das muss von der Politik geklärt werden.“

Wie stark sich die etablierten Versicherer bei den Insurtechs engagieren, zeigt die Studie ebenfalls. Vor allem die sogenannten Neocarrier, die klassische Versicherungsprodukte digital neu interpretieren, sind im Fokus. „Neocarrier sind das heimliche Spielfeld der Assekuranz geworden. Bei mindestens 18 Insurtechs ist die etablierte Versicherungswirtschaft stark engagiert“, erklärt Dr. Nikolai Dördrechter, Insurtech-Experte und ehemaliger Co-Founder von Policen Direkt. Insurtechs hätten einen wesentlichen Beitrag zum Umdenken in der Branche geleistet und wichtige Impulse gesetzt.

„Und sie haben betagte Vorstände dazu bekommen, sich mit den Chancen der Digitalisierung und deren Notwendigkeit ernsthaft auseinanderzusetzen. Insurtechs sind eine treibende Kraft der digitalen Transformation der Branche geworden. Zu Recht kann man den Insurtechs hierbei eine Katalysator-Rolle zusprechen“, sagt Dördrechter. Aber auch bei etablierten Versicherern blieben die Produktivitätseinbrüche weitgehend aus. „Wir sind wirklich zufrieden; und hätte mir jemand zu Beginn der Corona-Pandemie vorhergesagt, wo wir jetzt, anderthalb Jahr später stehen, ich hätte ihm nicht geglaubt“, sagt Dietmar Bläsing, Vorstandssprecher des Volkswohl Bundes im Interview mit Cash.

Die ganze Corona-Zeit und die gefühlte körperliche Bedrohung durch das Virus hätten vielen Menschen vor Augen geführt, wie schnell ihre Existenz und die ihrer Angehörigen in Gefahr geraten könne. Das habe sich auch bei den Absatzzahlen im Bereich der Berufsunfähigkeitsversicherungen widergespiegelt. Da habe man tatsächlich gute Erfolge verbuchen können. Auch der Vorstandsvorsitzende der Stuttgarter Versicherungsgruppe, Dr. Guido Bader, zeigt sich hochzufrieden mit dem BU-Absatz.

„Das Neugeschäft läuft bombig“. Phasenweise habe sich der BU-Absatz verdoppelt – trotz des pandemiebedingten Lockdown. „Besonders gut läuft es bei denjenigen Vertriebspartnern, die professionell in der Beratung sind und stark auf die Videoberatung und digitale Beratungsansätze setzen. Ein Stück weit führe ich das aber auch darauf zurück, dass sich die Menschen zurückbesinnen und bei der Risikoabsicherung und Vorsorge einfach mehr tun“, sagt Bader.

Wenn Schwerfällige schnell reagieren

Dirk Schmidt-Gallas, Senior Partner und Leiter des Versicherungs-Practice bei der Unternehmensberatung Simon-Kucher ist beeindruckt, dass die Versicherer plötzlich Dinge realisieren konnten, die vorher gefühlt zwei Jahre gedauert haben. „Die ansonsten mitunter schwerfällige Branche hat im vergangenen Jahr erstaunlich schnell auf die Coronakrise reagiert“, so Schmidt-Gallas. Das ist in der Tat bemerkenswert, da die Versicherungswirtschaft gemeinhin nicht als besonders innovativ und anpassungsfähig gilt.“

Neodigital Vertriebs- und Marketingvorstand Stephen Voss zeigt sich wenig überrascht von der Entwicklung: „In einem Markt, der plötzlich einen Großteil seiner Kundeninteraktion verloren hat, führte die Pandemie dazu, dass eigene Vertriebsmodell zu schärfen und mögliche Schwachstellen in der durchgehenden Digitalisierung im Vertrieb, aber auch im Betrieb und Schaden zu identifizieren und Anpassungen vorzunehmen. Einige digitale Lücken in den Geschäftsmodellen der etablierten Versicherungsunternehmen haben sich in der Pandemie offenbart. Diese können nun geschlossen werden.“

„Die ansonsten mitunter schwerfälllige Branche hat im vergangenen Jahr erstaunlich schnell auf die Coronakrise reagiert.“

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