Zukunftstechnologie Smart Contracts: Warum Versicherungen jetzt die Weichen stellen müssen

Fotos: CV-Foto; Q_Perior
August Majer (li.) und Thomas Grasnick

Weg vom PDF, hin zum intelligenten Tool: Smart Contracts können Versicherungsgesellschaften beim Schadenmanagement große Dienste leisten. In Deutschland sind sie noch nicht etabliert, in anderen Teilen der Welt hingegen schon. Warum das eng mit Wetterphänomenen verbunden ist und was die hiesigen Unternehmen von den Entwicklungsländern lernen können. Ein Beitrag von August Majer und Thomas Grasnick, Q_Perior.

Der Agrarsektor kann ein Lied davon singen: Unwetter können binnen Minuten immense Schäden anrichten und den Ertrag eines ganzen Jahres gefährden oder sogar komplett vernichten. Auch für die beteiligte Versicherung bedeutet das in der Regel viel Aufwand, bis alle Fragen geklärt und alle Schäden begutachtet sind.

Denn bis der tatsächliche Schaden ermittelt und der Erstattungsvertrag final verhandelt sind, vergehen oft Monate oder Jahre. Um hier effizienter zu werden, können, wie in so vielen anderen Bereichen auch, digitale Lösungen gute Dienste leisten – darunter die in Deutschland bisher noch wenig genutzten Smart Contracts.

Was Smart Contracts mit Unwettern zu tun haben

Um besser zu verstehen, welche großen Möglichkeiten hier schlummern, lohnt der Blick in Entwicklungsländer, die regelmäßig von Naturkatastrophen betroffen sind und in denen entsprechend oft Schadenfälle entstehen. Diese Schäden zu bewerten, überfordert häufig die Möglichkeiten der lokalen Versicherungen, da beispielsweise Gutachter lange Strecken zurücklegen müssen oder die Infrastruktur nach Unwettern zerstört oder in schlechtem Zustand ist. Der Versicherung entstehen also große Kosten und Aufwände, den Versicherten steht ein langer Prozess bevor.

Smart Contracts können hier Abhilfe schaffen. Bei Smart Contracts handelt es sich um Computerprogramme, die Abbildung, Ausführung und Verifikation eines Vertrages ermöglichen. Das bedeutet: Schließen Versicherung und Versicherter einen Vertrag, werden in diesen gewisse Rahmenbedingungen programmiert. Wird eine oder mehrere Bedingungen erfüllt, löst das den Vertrag automatisch aus.

Dabei werden die vereinbarten Rahmenbedingungen beispielsweise zwischen Farmer und Versicherung direkt im Code implementiert. Tritt eine der Konditionen ein, zum Beispiel wenn Hochwasser oder ein Sturm ab einer gewissen Stärke auftreten, wird der Vorgang digital angestoßen. Dafür gibt es zwei Wege: Entweder lädt der Geschädigte Fotos seines Schadens in die cloud-basierten Systeme seiner Versicherung, die dort mit Künstlicher Intelligenz (KI) und Deep Learning-Methoden analysiert werden.

Oder der Vorgang wird automatisch ausgelöst und die Zahlung angestoßen, wenn die vorab festgelegten Konditionen eintreten – etwa wenn offizielle Wetterdaten bestätigen, dass der Sturm in der betroffenen Region die festgelegte Stärke erreicht hat. Davon profitieren beide Seiten. Die Versicherung kann deutlich effizienter arbeiten. Für die Versicherten dagegen verkürzen sich die Wartezeiten erheblich und die dringend benötigten Summen können deutlich schneller ausgezahlt werden.

Neuer Trend: parametrische Versicherungen

In vielen Entwicklungsländern finden Smart Contracts bereits breitere Anwendung. In Deutschland sind sie hingegen bislang noch nicht etabliert. Doch die Vorzeichen ändern sich. Vorreiter ist auch hier der Landwirtschaftssektor, für den es aufgrund des voranschreitenden Klimawandels immer wichtiger wird, sich gegen Naturereignisse wie Trockenheit und Ernteausfälle zu versichern.

Dabei rückt vor allem das Konzept der parametrischen Versicherung in den Fokus: Auch sie reguliert Schäden auf Basis von vorab definierten Messgrößen oder Indexwerten. Ausgezahlt wird dann, wenn das vereinbarte Ereignis eintritt, die Summe wird unabhängig vom tatsächlichen Schaden pauschal ausgezahlt. Parametrische Versicherungen lassen sich grundsätzlich für Ausfälle aller Art einsetzen, darunter auch IT- oder Cloud-Ausfallzeiten.

Am weitesten verbreitet sind sie bisher im Agrarsektor, weil die Parameter einfach bestimmbar sind, wie Niederschlagsmengen, die Anzahl der Sonnenstunden oder Trockenperioden. Landwirte in Deutschland haben das erkannt und handeln bereits. Branchen, die ebenfalls von auf Wetterdaten basierenden Versicherungen profitieren könnten, sind die Gastronomie, der Event- und Tourismusbereich, Betreiber von Winterdiensten oder Energieversorger.

Hinzu kommt, dass Smart Contracts grundsätzlich technisch nicht komplex sind. Sie lassen sich einfach und effizient mit existierenden Tools aufsetzen und mit den jeweiligen Datenquellen wie Wetterdaten verknüpfen. Eins jedoch ist Voraussetzung: leistungsstarke Cloud-Lösungen.

Cloud Computing ist das Fundament für die Digitalisierung von Versicherungsleistungen. Doch wie ist es in der deutschen Versicherungsbranche darum bestellt? Mittlerweile gut: Das Bewusstsein dafür ist vorhanden, vieles schon umgesetzt. Spätestens die Corona-Pandemie hat deutlich vor Augen geführt, wie wichtig es ist, sich dafür zu öffnen. Von jetzt auf gleich waren digitale Präsenz und die dazugehörigen Anwendungen entscheidend für den Geschäftsbetrieb.

Dennoch ist der Einsatz von Cloud-Anwendungen weiterhin sehr fragmentiert. Manche Unternehmen sind auf ihrem Weg in die Cloud schon weit vorangekommen, andere setzen auf hybride Modelle aus Cloud- und onsite gehosteten Lösungen.

Anders gesagt: Sie haben die Maschine immer noch im Keller stehen. Auch wenn es derzeit noch funktioniert, sind die Tage der isolierten On-Premise-Systeme gezählt. Zum einen wird es damit immer schwerer fallen, die Anforderungen zu erfüllen, darunter wachsende Kundenerwartungen in puncto digitale Customer Journey oder Reaktionszeiten im Schadenmanagement.

Zum anderen bekommen auch Versicherungen den Fachkräftemangel zu spüren: Mit der Generation der Babyboomer werden viele IT-Fachkräfte und Administratoren in den Ruhestand gehen, die nur schwer zu ersetzen sind. All das wird die Entwicklung hin zur Cloud in den kommenden zwei Jahren weiter beschleunigen. Dabei kann die Branche von den Erfahrungen anderer profitieren, etwa der Finanzindustrie.

Und die Technologie?

Bleibt der Blick auf die Technologie: Wer von Smart Contracts spricht, kommt schnell zur Blockchain. Manche setzen bereits auf die Blockchain als technische Grundlage, da sie die fälschungssichere, dezentrale Datenspeicherung und die Überprüfung der Zulässigkeit von Transaktionen ermöglicht. Andere nutzen die weiter verbreitete Distributed-Ledger-Technologie, die sich über mehrere Computer oder Standorte erstreckt. Welche Technologie bei den einzelnen Versicherern am Ende zum Tragen kommt, entscheidet die Präferenz und die schon vorhandene IT-Infrastruktur.

So oder so, die Zeit zum Handeln ist gekommen. Dass die Branche die Notwendigkeit der Digitalisierung erkannt hat, zeigt etwa die Signal Iduna: Hier wurde in diesem Frühjahr das Vorstandsressort mit dem zukunftweisenden Namen „Kunde, Service und Transformation“ für Chief Transformation Officer Johannes Rath geschaffen, um den digitalen Wandel voranzutreiben. Und die Ergo Group hat die Plattform „nexible“ mit einem flexiblen Framework aufgebaut.

Smart Contracts mögen bislang noch eine Nische sein, was die grundsätzlichen Digitalisierungsbestrebungen der Branche betrifft. Doch sie bieten interessante Vorteile, auch für das wichtige Feld digitale Customer Journey. Diese wird immer wichtiger: Die Generation der Digital Natives wächst zu einem wichtigen Kundensegment heran, das nahtlos und schnell Reiserücktrittsversicherungen buchen oder Autos gegen Hagelschäden absichern möchte.

Die hohen Anforderungen dieser Zielgruppe an digital verfügbare Produkte und schnelle Reaktionszeiten im Schadenfall müssen erfüllt werden. Was nicht mehr attraktiv ist: Verträge als PDF zu bekommen, die ausgedruckt, unterschrieben und per Scan zurückgeschickt werden.

Egal um welches Versicherungssegment es sich am Ende handelt – Smart Contracts sind eine elegante Lösung und wichtiger Baustein für Digitalisierungsstrategien. Sie sind unkompliziert zu programmieren und erzeugen im Schadenfall so gut wie keinen Verwaltungsaufwand im Backoffice. Damit sind sie ein weiteres Beispiel dafür, wie sich die Versicherungsbranche zukunftssicher aufstellen kann.

Zu den Autoren: Thomas Grasnick ist Associate Partner bei Q_Perior und begleitet Versicherungsunternehmen international seit vielen Jahren bei der Gestaltung innovativer, dynamischer Geschäftsmodelle. August Majer ist Senior Manager bei Q_Perior und hat langjährige Erfahrung in der Beratung internationaler Versicherungsunternehmen mit Schwerpunkt auf IT.

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