„Aufschieben ist immer die schlechteste Lösung“

Foto: HDI, Alte Leipziger, Swiss Life
Die Diskussionsteilnehmer von links: Thomas Lüer, Vorstandsmitglied HDI Lebensversicherung AG; Jens Martin, Zentralbereichsleiter Produktmanagement Leben Alte Leipziger; Markus von Rotberg, Bereichsleiter Vertriebsdirektion Süd von Swiss Life

Cash. sprach mit drei Branchenexperten über die zielgruppengerechte Ansprache im Bereich Arbeitskraftabsicherung, die Aufklärungsarbeit der Vertriebspartner und die Bedeutung von Social Media in diesem Segment.

Die Gefahr einer Berufsunfähigkeit ist latent, jeder vierte oder fünfte Berufstätige wird im Laufe seines Berufslebens mindestens einmal berufsunfähig. Dennoch hapert es an der Bereitschaft, sich abzusichern. Sind die Deutschen Absicherungsmuffel beim Thema AKS?

Lüer: Die Statistik ist natürlich völlig richtig. Zahlen lügen nicht. Aber ich glaube nicht, dass die Deutschen Absicherungsmuffel sind. Es ist einfach so, dass kaum ein Mensch von sich aus überlegt: Ich muss mich dringend absichern gegen Berufsunfähigkeit. Es besteht kein Zwang. Niemand ist dazu verpflichtet. Das ist ganz anders, wenn ich ein Kfz erwerbe. Dann bin ich gezwungen, eine Versicherung abzuschließen, um dieses Kfz in Betrieb nehmen zu können. Aber Berufsunfähigkeit ist ein Thema, auf das man erst aufmerksam machen muss – und deshalb ist es für die Menschen relativ schwer, einen Zugang zu dem Thema zu finden. Corona hat das aber ein bisschen verändert über die letzten zwei Jahre. Den Menschen ist ihre Verletzlichkeit deutlich bewusster geworden. Deswegen sehen wir aktuell bei uns einen Anstieg im Vertrieb der Berufsunfähigkeitsversicherung. Mehr Menschen machen sich Gedanken darüber oder sind einfach zugänglicher für das Thema

von Rotberg: Eine BU kostet erstmal Geld, auch das ist ja ein Punkt, gerade in der aktuellen Zeit. Dennoch bleibt es unverzichtbar, eine BU zu haben und wie die Zahlen zeigen, ist dies ja auch tatsächlich notwendig. Dennoch muss man diese Sensibilität weiter propagieren, gerade bei jungen Menschen. Es ist die Herausforderung und der Auftrag der Branche, mehr BU-Versorgung im Markt zu schaffen.

Martin: Ich würde da differenzieren. Wir beobachten, dass Menschen, die Familie haben, die Kinder haben, affiner sind, eine BU abzuschließen und den Bedarf viel eher erkennen als zum Beispiel Alleinstehende. Das Bewusstsein dafür, Verantwortung für andere zu haben und vielleicht auch der Hauptverdiener zu sein, verstärkt das Gefühl, dass man vorsorgen muss. Da ist die Abschlussbereitschaft dann deutlich höher.

Das klingt ein bisschen danach, dass man für die Zielgruppe Singles eine andere Ansprache braucht als für die Zielgruppe Familie. Ist das korrekt?

Martin: Ja, in gewisser Weise schon. Wenn Familie vorhanden ist und man Verantwortung für andere hat, ist das Bewusstsein weiter ausgeprägt als bei jemandem, der alleinstehend ist und nur für sich selbst sorgen muss. Aber auch da kann man wirklich nur empfehlen, frühzeitig damit anzufangen, denn der Gesundheitszustand wird in aller Regel nicht besser über die Jahre. Und sich da frühzeitig abzusichern, sich die günstigen Prämien zu sichern, ist ganz wichtig. Aufschieben ist eigentlich immer die schlechteste Lösung.

Ist es eher so, dass der Vermittler auf die Kunden zugehen muss oder muss der Kunde auf den Vermittler zugehen? Wer braucht da eigentlich eher die Nachhilfe? 

von Rotberg: Bei den Beratern und Vermittlern ist die BU eines der Lieblingsprodukte. Ich glaube eher, dass es noch beim Kunden ankommen muss – gerade bei Themen wie Psyche. Damit befasst man sich natürlich nicht gern, aber psychische Krankheiten sind ein Hauptthema, das zur Berufsunfähigkeit führt. Man muss mit echten BU-Fällen aufzeigen, was ist, wenn man diese Absicherung nicht hat. Es ist ja schlimm genug, dass man seinen Beruf nicht mehr ausüben kann. Das ist ein Schicksalsschlag. Da weiter informativ unterwegs zu sein, ist sicher der richtige Weg.

Lüer: Wenn über Berufsunfähigkeit gesprochen wird, stellen sich die Kunden häufig vor, dass man ein kaputtes Bein hat, einen kaputten Arm oder Rückenbeschwerden, also die klassischen körperlichen Beschwerden. Den Menschen ist gar nicht klar, dass die meisten Fälle der Berufsunfähigkeit statistisch gesehen im Bereich der Psyche stattfinden. Das ist ein Thema, auf das sie gar nicht direkt kommen. Es ist auch ein Teil der Beratung, darüber aufzuklären, dass das Feld der Beschwerden viel weiter ist als von den meisten Kunden angenommen wird.

Wie lange dauert denn eigentlich so ein Beratungsgespräch? Wie viel Anläufe braucht es von Seiten des Vertriebs, bis der Kunde sich entscheidet? 

von Rotberg: Das ist unterschiedlich. Es gibt kein Muster, das man auflegt. Man fängt mit der Bedarfsermittlung an. Es geht ja erstmal grundsätzlich um den größeren Begriff der Arbeitskraftabsicherung. Dann geht es darum, welche Gattung in Frage kommt. Für gewisse Zielgruppen ist die Grundfähigkeit vielleicht sogar die bessere Antwort auf das Thema Arbeitskraftabsicherung. In dieser Gemengelage sind es mit Sicherheit zwei, drei Termine, um überhaupt mal den Ist-Stand zu ermitteln und dann in die Lösungsfindung überzugehen. Es ist jedenfalls falsch, zu sagen: Du kriegst jetzt eine BU, egal was du machst, egal ob du körperlich tätig bist oder nicht, egal was die Prämie ist. Es ist ein Prozess, und der kann sich in zwei, drei Terminen wiederfinden, damit man eine optimale Lösung für den Kunden findet.

Ich habe das Gefühl, dass Schüler und Studenten zunehmend in den Fokus der Versicherer geraten. Welche Rolle spielt diese Zielgruppe für Sie? Kommt die Botschaft, sich schon in jüngeren Jahren abzusichern, auch an? 

Lüer: Ja, es ist schon zu sehen, dass sich mehr Versicherer mit diesem Thema beschäftigen. Schüler sind eine interessante Zielgruppe, sicherlich auch die Eltern, die die Notwendigkeit sehen, ihre Kinder langfristig abzusichern. Da ist der Einstieg als Schüler eine attraktive Lösung, weil man deutlich niedrigere Beiträge hat. Es ist ja eigentlich immer so, dass man ab 35, 40 schon einige Zipperlein hat, mit denen man zurechtkommen muss. Die jüngere Generation von 10- bis 15-Jährigen hat natürlich einen ganz anderen Gesundheitszustand. Wir als HDI bieten auch eine Schüler-BU an, ab zehn Jahren. Wir stellen individuelle Fragen für die junge Generation.

Martin: Bei uns ist das schon seit langer Zeit ein Thema. Wir waren einer der ersten Versicherer, die einen vollwertigen BU-Schutz für Schüler ab zehn Jahren angeboten haben. Man sieht jetzt, dass das auch in der Breite angekommen ist. Die Vermittler kommen sehr gut damit zurecht. Eltern, die für sich selbst schon eine Berufsunfähigkeit abgeschlossen haben, sind einfacher davon zu überzeugen, dass es sinnvoll ist, auch für das Kind frühzeitig damit zu beginnen. Wir haben deshalb zu Jahresbeginn eine Grundfähigkeitsversicherung auf den Markt gebracht, die bereits mit sechs Monaten abgeschlossen werden kann und die sich mit dem Heranwachsen des Kindes weiterentwickelt. Dabei besteht die Option, mit zehn Jahren in eine BU ohne Gesundheitsprüfung zu wechseln. Alternativ kann die Grundfähigkeitsversicherung weitergeführt und bei Bedarf erweitert werden. 

von Rotberg: Unser aktueller Neukunde im Bereich BU ist 26 oder 27 Jahre alt, also deutlich unter 30. Das ist schon eine gute Tendenz, wenn man so früh beim Kunden ist und sensibilisieren kann. Je früher man sich den Gesundheitszustand sichern kann, desto besser für den Kunden. Wenn wir auf ein Gros der Schüler abzielen, ist das schon mal ein guter erster Schritt. Je früher, desto besser.

Herr Martin, Sie sprachen gerade von Ihrer Grundfähigkeitsversicherung, die bereits mit sechs Monaten abgeschlossen werden kann. Ist das nicht eigentlich noch zu früh?

Martin: Ich weiß nicht, ob es ein zu früh geben kann, wenn man einen sinnvollen Schutz für ein sehr junges Kind bekommen kann, der dann mitwächst. Natürlich kann man bei dem sechsmonatigen Kind noch nicht die Grundfähigkeiten versichern, die es als Erwachsener mal haben wird. Aber auch das Kind hat Fähigkeiten. Wir versichern in den ersten Monaten noch keine Grundfähigkeiten in dem Sinne ab, sondern da geht es eher um schwere Krankheiten, Krankenhausaufenthalt, Pflegebedürftigkeit. Ab drei Jahren geht es dann in einen echten Grundfähigkeitsschutz über. Dann sind auch Grundfähigkeiten versichert, die ein dreijähriges Kind hat.

Es gibt immer noch das Vorurteil, die Versicherer würden beim Thema Berufsunfähigkeit nicht zahlen. Das hört und liest man immer wieder. Warum hält sich das Vorurteil derart hartnäckig in den Köpfen? 

Lüer: Wir haben rund 1.800 Leistungsfälle im Jahr bei uns im Bestand. Die Leistungsquote ist relativ hoch, bei 84 oder 85 Prozent. Das heißt, die meisten Fälle gehen sauber über die Bühne, auch die Ablehnungen gehen größtenteils sauber über die Bühne. Es gibt Gründe für die Ablehnungen, die auch von den Kunden akzeptiert werden, oder wo sich aufzeigen lässt, dass eben keine Berufsunfähigkeit vorliegt. Diese ganzen Fälle, die positiv laufen, bekommt aber keiner draußen mit. Wenn es dann stattdessen heißt, im entscheidenden Moment des Lebens hilft der Versicherer nicht, dann bleibt das bei den Kunden haften. Das ist unglücklich, weil es der Berufsunfähigkeit nicht gerecht wird. Auch im internationalen Vergleich ist die Berufsunfähigkeitsversicherung ein außergewöhnliches Konstrukt, das umfassenden Schutz bietet und seinesgleichen sucht. Deswegen ist das Vorurteil schade, aber da kommt eben auch die Beratung zum Tragen. Es ist Aufgabe der Berater, die Vorteile aufzuzeigen.

von Rotberg: Die Fälle, bei denen es nicht zu einer Leistungszusage kommt, sind medial natürlich spannender. Über den Großteil der Menschen, denen wir eine BU-Leistung auch auszahlen, wird hingegen nicht berichtet. Aber genau da muss die Branche noch mehr machen. Es muss in die Köpfe rein, dass Versicherer leisten, wenn es darauf ankommt und wir zu unserer Verantwortung stehen. Das zeigen ja auch die Zahlen.

Aber kaum ein Vermittler bringt diese Argumente, die ja sehr schlüssig sind. Müsste man die Vertriebsart da nicht mal überdenken?

von Rotberg: Wenn sie als Vermittler zum Kunden gehen und von Ratings und Analysen von Franke und Bornberg oder Morgen & Morgen sprechen, sagt das dem Kunden erstmal gar nichts. Es gibt aber Argumente, die für den Kunden nachvollziehbar sind und das sind dann eben: Jeder Vierte wird berufsunfähig und wir als Swiss Life beweisen seit Jahrzehnten, dass wir zu unserer Verantwortung und unserem Leistungsversprechen stehen. Das sind Belege, die Vermittelnde anführen können und anführen müssen.

Martin: Ich weiß aber nicht, ob es gut wäre, die Leistungsquoten in den Vordergrund zu stellen. Die höchste Quote spricht nicht unbedingt für die höchste Qualität. Es geht wahrscheinlich eher um Fragen wie: Wie unterstützt der Versicherer im Leistungsfall? Hat er wirklich Leute, die sich auskennen, die für den Kunden da sind? Hat der Kunde in dieser schwierigen Situation persönliche Ansprechpartner beim Versicherer oder bedient er sich nur irgendeines externen Dienstleisters, der die Leistungsprüfung macht? Wie gut wird der Kunde verstanden und unterstützt, hat er Möglichkeiten, das per Telefon zu machen oder bei sich zu Hause? Da muss man ein Service-Angebot bereitstellen, das dem Kunden in dieser schwierigen Situation hilft.

Man muss die Vertriebspartner beim Thema BU ja auch schulen. Wie gehen Sie mit Ihren Vertriebspartnern, mit Ihrem Außendienst diese Herausforderung an? Oder ist das Learning by Doing für die Vermittler?

Lüer: Unsere Maklerbetreuer, Regionalmanager oder auch Account-Manager bekommen genau erklärt, wie solche Leistungsfälle aussehen, wie die Abläufe sind, an wen man sich wenden kann, um schnell Hilfe zu bekommen. Dieses ganz Set wird unseren Leuten nahegebracht, sodass es draußen erklärbar wird. Es gibt ja auch viele junge Berater, denen man die Zusammenhänge erklären muss, weil ihnen die Erfahrung fehlt.

von Rotberg: Es ist wichtig, ein Grundverständnis zu haben: Was passiert genau im Leistungsfall, wie sind die Prozesse und warum? Möchte der Makler überhaupt, dass Kundenkontakt besteht? Auch das ist eine Frage, die geklärt werden muss. Es gibt erfahrene Makler, die sagen: Nein, ich mache das alles selbst. Ich bin der Mittelsmann meines Kunden. Andere Makler sind froh, wenn man in Absprache mit ihnen direkt auf den Kunden zugeht. Es ist sicherlich auch hilfreich, mit der einen oder anderen Veranstaltung Verständnis für Abläufe und Fragen, die gestellt werden, zu schaffen. 

Wie lange dauert denn eigentlich der Prozess von dem Moment, in dem eine BU eintritt bis zur Bestätigung der BU? Einige Versicherer werben ja mit einer Regulierungsdauer von 180 Tagen. 

von Rotberg: Es gibt keine Schablone, die man darüber legen kann. Das ist leider so. Es hängt von vielen Faktoren ab: Klarheit des Krankheitsbildes, Rückfragen zu den benötigten Unterlagen, Erforderlichkeit eines Gutachters und so weiter. Das kann im Durchschnitt mehrere Wochen dauern, aber auch das ist von vielen Einflussfaktoren abhängig. Deshalb ist es in meinen Augen fast unmöglich, eine Zahl zu nennen, das wäre auch nicht richtig. Die Realität ist, dass jeder Fall individuell ist und jeder Schicksalsschlag berücksichtigt werden muss. Es ist die Verantwortung des Versicherers, schnellstmöglich für klare Verhältnisse zu sorgen. Wir bei Swiss Life garantieren darum innerhalb von zehn Tagen den Erstkontakt nach Eingang des Leistungsantrags. 

Martin: Es gibt keine Standardfälle. Das muss individuell betrachtet werden, und es sind ja auch immer zwei Faktoren, die betrachtet werden müssen: Das eine ist die gesundheitliche Einschränkung, die der Kunde hat, das andere ist der Beruf, den er ausgeübt hat. Man muss schauen, ob er noch zu 50 Prozent den Beruf ausüben kann, den er zuletzt hatte. Deswegen kann das selbst beim gleichen Krankheitsbild zu ganz unterschiedlichen Auswirkungen auf die berufliche Tätigkeit führen. Es gibt aber Soforthilfen für bestimmte Diagnosen. Wir haben zum Beispiel die Soforthilfe bei Krebs eingeführt, bei der wir sehr schnell leisten, unter anderem dann, wenn uns ein Krankenhausbericht vorliegt, dass eine entsprechende Chemotherapie, Strahlentherapie oder Kombination stattfindet. Wenn das der Fall ist, erkennen wir das innerhalb weniger Tage an und erbringen für 15 Monate die Sofortleistung. Der Kunde hat dann später noch Zeit, einen Leistungsantrag auszufüllen. Denn jeder, der jemanden kennt, der an Krebs erkrankt ist und so eine Therapie bekommt, weiß, dass der Kunde in dieser Situation ganz sicher nicht den Kopf dafür frei hat, einen BU-Leistungsantrag auszufüllen.

Es gibt die BU, Grundfähigkeitsversicherung, Erwerbsunfähigkeitsversicherung (EU): Für wen ist welches Produkt passend? Es gibt ja durchaus Vermittler, die sich mit dem Thema noch nicht so richtig gut auskennen.

Martin: Ich würde zunächst mal die Unterscheidung machen, dass EU und BU die Berufstätigkeit versichern und die Grundfähigkeit Fähigkeiten, die unabhängig vom Beruf sind und auch unabhängig davon, ob man arbeitet oder nicht. Das ist eine Alltagsversicherung. Die BU sichert ganz konkret die Tätigkeit ab, die man tatsächlich ausübt. Sie ist mit Sicherheit der umfassendste Schutz, der genau dann einspringt, wenn man das nicht mehr kann. Die EU ist eine Worst-Case-Absicherung, wenn gar nichts mehr geht.

Lüer: Die Berufsunfähigkeitsversicherung ist der Porsche unter den Absicherungen. Das ist ein umfassender Schutz, wahnsinnig hochwertig. Das sieht man auch schon am Preis, den eine solche Absicherung hat. Die Grundfähigkeitsversicherung ist keine direkte Alternative, kann aber hier und da eingesetzt werden, wenn eine Berufsunfähigkeitsversicherung nicht infrage kommt. Die Erwerbsunfähigkeit ist für den Katastrophenfall – die Basisabsicherung.

Viele Kunden kennen die BU, aber eine Grundfähigkeitsversicherung kennen sie so gut wie gar nicht. Macht das nicht die Aufklärungsarbeit Ihrer Vertriebspartner umso wichtiger?

Lüer: Natürlich macht das die Aufklärungsarbeit wichtig. Das Thema Grundfähigkeiten ist von der Darstellung her relativ einfach, weil man es an bestimmten Fähigkeiten und Eigenschaften festmachen kann. Das stößt bei den Kunden ziemlich schnell auf Verständnis, ist einfach nachvollziehbar. Aber das Verhältnis von BU und Grundfähigkeitsversicherung zueinander und was eigentlich versichert ist, das muss man dann doch wieder intensiv erklären und auf die Bedürfnisse der Kunden abstimmen. Das ist die Hauptarbeit, die bei den Beratern liegt. Die Absicherung der Arbeitskraft ist nichts, was man in einem Termin einfach mal im Durchlauf macht und dann sagt: Für dich passt das, und jetzt unterschreibst du mal hier unten rechts. Ich bin froh, dass wir in den letzten Jahren bei den Beratern einen deutlichen Anstieg in der Qualität sehen. Insofern bin ich positiv gestimmt, dass wir uns da noch weiterentwickeln werden und eine höhere Durchdringung der BU in Deutschland sehen werden.

Martin: Man sieht einfach auch Unterschiede. Es gibt Vermittler, die haben sich schon sehr intensiv mit dem Thema Grundfähigkeit beschäftigt und sind da auch echte Experten. Es gibt andere, die fangen gerade an, sich damit zu beschäftigen. Entsprechend sieht dann auch unser Unterstützungsangebot aus, das die unterschiedlichen Bedürfnisse bedient.

Ich würde jetzt gern zum Thema Digitalisierung kommen. In den letzten zwei Jahren hat sich da viel getan, aber kann man die BU wirklich komplett digital beraten? 

von Rotberg: Wenn Sie an vers.diagnose als unterstützendes Tool denken, dann haben wir eine 48-Stunden-Policierungsgarantie. Da kann man BU-Themen schon sehr zügig und digital vorantreiben. Das geht nicht immer, weil der Gesundheitszustand manchmal eine gewisse Komplexität hat, aber coronabedingt ist ganz viel an den Start gebracht worden und wird jetzt weiter genutzt, auch was die hybride Beratung anbelangt. Man hat alle Möglichkeiten und kann sich sehr gut auf den Kunden einlassen. Es ist von Vorteil, wenn man auch digitale Wegstrecken nutzen kann.

Martin: Wir haben zusätzlich ein eigenes Risiko-Prüfungs-Tool, das wir auch für Risikovoranfragen einsetzen. Das ist im letzten Jahr 65.000-mal genutzt worden. In rund 65 Prozent der Fälle kommt es zu einem abschließenden Votum, sodass die Verträge mit einer digitalen Unterschrift quasi am selben Tag abgeschlossen werden können. Das Votum ist abschließend und verbindlich und das Angebot kommt genauso zum Tragen. Aber es gibt eben auch die anderen 35 Prozent, wo noch eine individuelle Prüfung nötig ist, und da ist dann die Frage: Wie viel Standardisierung bzw. wie viel Individualisierung will man? Ich glaube nicht, dass man alles standardisieren und automatisieren kann. Wenn man es standardisiert, wird man auch standardisierte Ergebnisse bekommen. Wenn man aber wirklich auf den Kunden zugeschnittene Voten bekommen will, dann brauchen die komplizierteren Fälle eben mehr Zeit und eine individuelle Prüfung durch ausgebildete Risikoexperten.

Lüer: Auch wir nutzen vers.diagnose und haben da ständig steigende Zahlen. Und auch wir haben ein eigenes System, den sogenannten RiskVoter, mit dem unsere Erfahrungen und Zahlen ganz ähnlich sind wie die von Herrn Martin. Die Digitalisierung ist der Ritt in die Zukunft, weil sie das Geschäft an vielen Stellen effizienter gestaltet und vereinfacht. Woran ich noch nicht wirklich glaube, ist die reine Online-Abschlussstrecke für den Endkunden, der sich die BU selbst konfiguriert und abschließt. Das Produkt ist dafür schlicht und einfach zu komplex. Es zeigt sich immer wieder, dass die Kunden da kompetente, persönliche Beratung brauchen. Natürlich lässt sich die theoretisch auch über das Netz darstellen. Es ist aber ein großer Unterschied, ob man sozusagen mit einem Computer spricht oder einen echten Berater am Ohr hat. Ich glaube nicht daran, dass wir das in den kommenden Jahren im Netz sehen werden.

Aber wenn die Künstliche Intelligenz sich weiterentwickelt – und wir sehen ja Riesenschritte in diesem Bereich – ist es dann irgendwann denkbar, dass man BU-Geschäft komplett ohne Beratung machen kann? Vielleicht am Ende des Jahrzehnts?

Lüer: Natürlich ist es denkbar, dass man das Ganze so gestaltet, dass man auch über den Rechner, über das Netz, alle Antworten geben und vielleicht auch eine Beratung darstellen kann. Ob das dann echte Künstliche Intelligenz ist, lasse ich mal dahingestellt. Es müsste ein System sein, das wirklich responsiv ist, das auf die Fragen und Bedürfnisse der Kunden eingeht, die sich unweigerlich in einer Beratung stellen. Wir haben ja schon vieles in der Technik gesehen, deswegen will ich das nicht ausschließen.

Welche Rolle spielen eigentlich Facebook, TikTok und Co. für den Vertrieb und die Beratung? Ist das völlig abwegig? Oder wird Social Media immer stärker eingesetzt, um auch die jüngeren Zielgruppen zu erreichen?

Martin: Es wird eingesetzt. Das ist auch gut, um gerade in der jüngeren Zielgruppe das Bewusstsein zu wecken und den Bedarf zu zeigen. Es ist aber nichts, um dann wirklich die Beratung durchzuführen und Leads zu generieren. Aber für das grundsätzliche Thema der Sensibilisierung der jungen Leute, dass es wichtig ist, sich möglichst frühzeitig um eine Absicherung zu kümmern, da kann Social Media durchaus sinnvoll eingesetzt werden.

Lüer: Aufklärung ja, verkaufen nein. So sehe ich das auch. Die Social-Media-Kanäle sind natürlich auch in Hinsicht auf Marketing sehr geeignet, um sich positiv darzustellen. Aber wir haben die Erfahrung gemacht – selbst auf einer Plattform wie LinkedIn, die ja ein berufliches Netzwerk ist – dass die Vermarktung im Hintergrund steht und eher die Aufklärung wahrgenommen wird, um sich hier und da mal schlauzumachen.

von Rotberg: Berater und Vermittler nutzen diese Medien heute schon sehr erfolgreich – mit Social Selling über Facebook und die anderen Plattformen. Als Versicherer nutzen wir diese Kanäle, um zu informieren und auf unsere Berater zuzugehen. Für unsere Berater ist das eine ganz andere Welt, sie müssen sich da wirklich positionieren und Inhalte liefern, die der Kunde nutzen kann. Auch dafür haben wir mit Brandvocate ein Tool, mit dem der Berater im White Label Informationen mit den Kunden teilen kann. Sie können diese Multiplikatoren der Informationen und Bedürfnisse nutzen, und ich glaube, das ist der Weg, den wir zukünftig noch intensiver gehen können.

Dieser Roundtable ist teil des EXTRA Arbeitskraftabsicherung. Das ganze EXTRA finden Sie hier:

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