Versicherer: „Keine großvolumige Anpassung auf Solvency II“

Könnten Sie näher erläutern, warum es für die Versicherer sinnvoll sein könnte, die Risikoprämien zu diversifizieren?

Sehr gern: Die Verzinsung deutscher Staatsanleihen nach Abzug der Inflation – wir sprechen von Realverzinsung – ist extrem niedrig. Sie lag in 2015 im Jahresdurchschnitt für zehnjährige Bundesanleihen bei minus 0,75 Prozent. Im Vergleich dazu lag das Produktivitätswachstum im selben Jahr in Deutschland pro Kopf bei plus 0,9 Prozent. Obwohl Versicherer mittel- bis langfristige Investoren sind, partizipieren sie bei Neuanlagen in deutsche Staatsanleihen nicht am Produktivitätswachstum. Deshalb macht die Diversifikation von Risikoprämien Sinn. Hierbei denken wir an eine verstärkte geographische und sektorale Diversifikation in Fixed Income, die auf Risikoprämien wie etwa für Illiquidität, Inflation, Volatilität, Währung, Momentum, Alpha, Value vs. Growth. Ein zunehmend wichtiger Aspekt sind darüber hinaus Prämien für politische Risiken.

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Am 1. Januar 2016 ist Solvency II in Kraft getreten. Wie bewerten Sie die Fortschritte der deutschen Lebensversicherer bei der Umsetzung nach gut einem halben Jahr? Was gefällt Ihnen, was missfällt Ihnen?

Die Einführung von Solvency II wirkt nicht schlagartig von einem Tag zum anderen. Es ist ein mehrjähriger Prozess. Der Fokus liegt jetzt darauf, sich mit der Wirkungsweise von Solvency II vertraut zu machen. Eine direkte und großvolumige Anpassung der Kapitalanlage auf Solvency II ist nicht zu beobachten. Das ist auch deshalb so, da die Versicherer sehr stetige Investoren sind. Gleichzeitig steuern sie nach mehreren Rechnungslegungsvorschriften – nach Handelsgesetzbuch, nach Steuerbilanz und manche Unternehmen zusätzlich nach IFRS.

Isoliert betrachtet sind die Solvency II-Bilanzen derzeit sehr volatil. Das heißt, die Eigenmittel schwanken sehr stark. Die Bewertungsmethoden für Vermögen und Verbindlichkeiten sind noch recht neu und ihre Wirkungen sorgen manchmal für Überraschungen.

Durch die Kapitalanlage kann viel zur Stabilität der Ergebnisse beigetragen werden. Diese Möglichkeiten werden von Marktteilnehmern eher unterschätzt. Die Portfoliostrukturen sind noch nicht auf die Verbindlichkeiten abgestimmt. Daher sind nach unserer Berechnung in den letzten drei Jahren auf Marktwertbasis die Verbindlichkeiten stärker gestiegen als die Vermögenswerte. Die weitere Planung und Implementierung der Kapitalanlage werden eine große Herausforderung sein, für die es gute Prozesse und eine leistungsfähige IT braucht.

Interview: Lorenz Klein

Foto: NN Investment Partners

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