Die Ausverkäufe an den europäischen Anleihemärkten in der vergangenen Woche wecken herbe Erinnerungen an die Staatsschuldenkrise von 2011 und den Inflationsschock von 2022. Es gibt durchaus Parallelen, meint Karen Watkin, Senior Vice President and Portfolio Manager for Multi-Asset Solutions bei AllianceBernstein. Aufgrund der unterschiedlichen Rahmenbedingungen ist eine Wiederholung der Krisen jedoch unwahrscheinlich. Warum sie weiterhin an US-Aktien festhält - und inwiefern eine höhere Dollargewichtung durchaus Sinn machen könnte, erklärt die Finanzmarktexpertin in folgendem Marktkommentar.
Der jüngste Anstieg der Renditen europäischer Staatsanleihen bei gleichzeitig steigenden Ölpreisen verdeutlicht das schwierige Spannungsfeld zwischen Inflation, Wirtschaftswachstum und fiskalischen Risiken. Der Abstand zwischen den Renditen zehnjähriger französischer und deutscher Staatsanleihen ist innerhalb einer Woche so stark auseinandergedriftet, wie seit Beginn der Datenreihe im Jahr 1990 nicht mehr. Dies spiegelt eine wiederaufflammende Sorge über die Tragfähigkeit der Staatsverschuldung sowie die politische Unsicherheit wider.
Die aktuelle Entwicklung erinnert an die Situationen in den Jahren 2011 und 2022, auch wenn es wesentliche Unterschiede gibt. 2011 rüttelten Zweifel an der Tragfähigkeit der Staatsverschuldung und die wachsende politische Fragmentierung an der Stabilität des Euroraums. Heute sind die europäischen Banken besser kapitalisiert, und die Europäische Zentralbank (EZB) verfügt über ein breiteres Instrumentarium, um ungeordneten Marktbewegungen entgegenzuwirken. Eine Wiederholung der damaligen Krise erscheint daher weniger wahrscheinlich. Dennoch bleiben die fiskalischen Risiken bestehen, insbesondere wenn die Finanzierungskosten dauerhaft erhöht bleiben.
Inflationserwartung bleibt fest verankert
Im Jahr 2022 führte die steigende Inflation zu einer aggressiven Straffung der Geldpolitik, wodurch Staatsanleihen und Aktien gleichzeitig unter Druck gerieten. Damit büßten Anleihen einen Teil ihrer traditionellen Diversifikationsfunktion ein. Heute treiben höhere Energiepreise zwar die kurzfristige Inflation, der zugrunde liegende Preisdruck ist jedoch nach wie vor moderater, und die Inflationserwartungen bleiben fest verankert. Hinzu kommt, dass das Ausgangsniveau der Anleiherenditen zu Beginn dieses Jahres um fast drei Prozentpunkte über dem Niveau von 2022 lag. Das verschafft Anlegern einen größeren laufenden Ertragspuffer und dürfte zugleich das Potenzial für weitere Renditeanstiege begrenzen.
Auch in den USA sind die Anleiherenditen gestiegen, allerdings unter anderen wirtschaftlichen Vorzeichen. Die US-Konjunktur überrascht weiterhin positiv. Gestützt wird sie durch einen robusten Arbeitsmarkt und den anhaltenden Investitionszyklus rund um künstliche Intelligenz (KI), der zugleich die Unternehmensgewinne stabil hält. Europas Wirtschaft hat sich nach dem Ausbruch des Nahostkonflikts zwar widerstandsfähiger gezeigt als zunächst befürchtet. Die Wachstumsaussichten bleiben jedoch anfälliger, insbesondere aufgrund der schwächeren Konsumnachfrage und der größeren Abhängigkeit von Energiepreisen.
Gewinnumfeld spricht für US-Aktienmärkte
Vor diesem Hintergrund können Anleger bei Aktien grundsätzlich zuversichtlich bleiben, sollten jedoch zunehmend selektiv vorgehen. Die historische Erfahrung zeigt, dass die Aktienmärkte auch bei steigenden Anleiherenditen positive Erträge erzielen können, sofern sich die Unternehmensgewinne weiterhin robust entwickeln. Entscheidend ist dabei weniger das absolute Renditeniveau als vielmehr die Geschwindigkeit des Anstiegs und dessen Ursachen. Steigen die Renditen aufgrund eines stärkeren Wirtschaftswachstums, können Aktienmärkte dies in der Regel besser verkraften als Renditeanstiege, die auf anhaltenden Inflationsdruck oder Zweifel an der Schuldentragfähigkeit zurückzuführen sind. Zwar sind die fiskalischen Belastungen auf beiden Seiten des Atlantiks deutlich erkennbar. Das robustere Wachstums- und Gewinnumfeld spricht aus unserer Sicht jedoch für bessere Perspektiven am US-Aktienmarkt als in Europa.
Aktien aus den USA und den Schwellenländern sehen wir weiterhin als vorteilhaft. Ausschlaggebend sind die günstigeren Gewinnaussichten und die stärkere Beteiligung am KI-Investitionszyklus. In Europa sehen wir nach wie vor Chancen im Finanzsektor, der von höheren Zinsen profitieren kann, sofern das Wirtschaftswachstum und die Kreditbedingungen unterstützend bleiben. Bei Anleihen halten wir an unserer Untergewichtung des Durationsrisikos fest. Selbst wenn für die Zentralbanken nur noch begrenzter Bedarf an weiteren Zinserhöhungen besteht, könnten Sorgen um die Schuldentragfähigkeit und das hohe Emissionsvolumen von Staatsanleihen in den G7-Staaten die Renditen langfristiger Anleihen weiter nach oben treiben.
US-Dollar zum Schutz gegen geopolitische Risiken
Staatsanleihen dürften bei einem deutlichen Wachstumsschock weiterhin eine stabilisierende Funktion im Portfolio erfüllen. Als Diversifikationsinstrument sind sie jedoch weniger verlässlich, wenn steigende Renditen vor allem durch Inflationsrisiken und fiskalische Sorgen ausgelöst werden. Darüber hinaus kann es für Investoren sinnvoll sein, das Engagement in US-Dollar gegenüber dem Euro zu erhöhen und damit dem stärkeren relativen Wirtschaftswachstum und der unterschiedlichen Geldpolitik Rechnung zu tragen. Zugleich könnte eine höhere US-Dollar-Gewichtung einen gewissen Schutz gegenüber geopolitischen Risiken und den Risiken europäischer Staatsanleihen bieten.













