Patrick Barbe, Head European Fixed Income bei Neuberger, rechnet beim EZB-Zinsentscheid in dieser Woche mit einer Pause bei den Leitzinsen. Grund seien die wachsenden Risiken für die Konjunktur in der Eurozone. Eine weitere Anhebung im Dezember hält Barbe für wahrscheinlich, sollte der Gaspreis dauerhaft über 77 Euro pro Megawattstunde bleiben. Dieses Niveau hat die Europäische Zentralbank (EZB) in ihrem Negativszenario hinterlegt. Das geht aus einer aktuellen Markteinschätzung hervor, die Neuberger vor der geldpolitischen Sitzung am Donnerstag veröffentlicht hat.
EZB-Zinsentscheid: Warum Neuberger auf eine Pause setzt
Nach Einschätzung von Barbe verfolgt die EZB eine vorsichtige Linie und passt ihre Leitzinsen bislang nur präventiv an. „Das Ziel der EZB ist es, eine umsichtige Politik zu verfolgen - das heißt, die Leitzinsen präventiv anzupassen, solange es keine Lösung für die Wiederöffnung der Straße von Hormus gibt“, erklärt Barbe. Die Zinserhöhung vom Vormonat erklärt er damit, dass die Energiepreise das Niveau aus dem Negativszenario der Notenbank erreicht hätten. Seitdem habe sich die importierte Teuerung jedoch nicht auf die inländische Inflation ausgewirkt. Anders als 2022 stehe die EZB deshalb nicht unter demselben Handlungsdruck.
Neuberger geht davon aus, dass die Notenbank grundsätzlich an ihrer Einschätzung festhält. Danach erzeugen dauerhaft hohe Energiepreise auch in anderen Wirtschaftsbereichen indirekten Preisdruck. Zugleich dürfte sie diese Haltung angesichts der jüngsten Inflationsdaten vorsichtig anpassen. Die Kerninflation hat sich stabilisiert, nachdem die Teuerung bei Dienstleistungen im Jahresvergleich zurückging. Barbe wertet das als Zeichen, dass die schwache Nachfrage im Dienstleistungssektor und die hohen Zinsen Konsum und Immobilienmarkt belasten.
Kreditumfrage und schwache Konjunktur bremsen die EZB
Vor dem EZB-Zinsentscheid rückt zudem die jüngste Kreditumfrage der Notenbank unter den Banken der Eurozone in den Blick. Sie erschien am Vortag der Sitzung. Für das dritte Quartal zeigte sie eine Verschärfung der Finanzierungsbedingungen und eine sinkende Kreditnachfrage. Das dürfte die EZB laut Neuberger zu einer vorsichtigeren Kommunikation und einer stärker neutralen geldpolitischen Ausrichtung bewegen. Eine schwache Konjunktur und politische Risiken wie in Frankreich dürften demnach verhindern, dass sich die Inflation in der Eurozone breiter ausweitet. Das gilt selbst dann, wenn die Energiepreise hoch bleiben. Für 2027 erwartet der Vermögensverwalter eine anhaltende Zinspause. Der Schwerpunkt dürfte sich dann von der Inflationsbekämpfung hin zum Wirtschaftswachstum verlagern.
Anstieg der französischen Anleihe-Spreads: nur ein kurzfristiges Phänomen
Die weltweit steigenden Renditen an den Anleihemärkten setzen Staaten mit hohem Finanzierungsbedarf unter Druck. Sie müssen nach Einschätzung von Neuberger für neu ausgegebene Anleihen höhere Zinsen bieten. Besonders betroffen sei Frankreich, das mit dem größten Haushaltsdefizit der Eurozone den stärksten Finanzierungsbedarf aufweist. Die Risikoaufschläge weiteten sich bereits vor der Haushaltsabstimmung in Frankreich aus. Der Vermögensverwalter führt das eher auf die Zurückhaltung der Käufer zurück als auf einen Überschuss an Verkäufern. Das französische Finanzministerium habe sein Emissionsvolumen dennoch hochgehalten, um das Anleiheprogramm weitgehend abzuschließen, bevor der Haushalt endgültig verabschiedet ist.
Die Ratingagentur Moody’s bestätigte zudem das Rating Aa3 für Frankreich. Sie verwies dabei auf die breite wirtschaftliche Diversifizierung und leistungsfähige öffentliche Institutionen des Landes. „Der Anstieg des französischen Spreads ist also eher ein kurzfristiges Phänomen, das auf ein gespaltenes Parlament bis zur Präsidentschaftswahl im nächsten Jahr zurückzuführen ist“, so Barbe.
Chancen für Anleger bei mittleren Anleihelaufzeiten
Unabhängig vom aktuellen EZB-Zinsentscheid hält Neuberger die Markterwartungen an weitere kräftige Anhebungen der Leitzinsen für überzogen. Darin sehen die Experten Chancen für Anleiheinvestoren. Besonders mittlere Laufzeiten von fünf bis sieben Jahren böten derzeit ein attraktives Verhältnis von Risiko und Rendite. Der entsprechende Euro-Anleiheindex weist eine durchschnittliche Rendite von vier Prozent auf. Angesichts der schwachen Konjunktur schätzt Neuberger das Risiko als begrenzt ein. Zugleich haben die Zinsen in den Kernländern der Eurozone den höchsten Stand seit fast 20 Jahren erreicht.














