Die Halver-Kolumne: Kevin Warsh – nur eine Taube im Falkenkostüm?

Robert Halver
Foto: Dirk Beichert
Robert Halver, Baader Bank

Donald Trump setzt bei der US-Notenbank auf Kevin Warsh, der als Verfechter von Stabilität und Inflationsbekämpfung gilt. Die Märkte reagierten zunächst nervös. Doch bei näherem Hinsehen spricht vieles dafür, dass auch unter Warsh der geldpolitische Spielraum begrenzt bleibt.

Donald Trump hat Kevin Warsh als neuen Chef der Fed ernannt. In der Finanzkrise 2008 war er kein unbedingter Fürsprecher für lockere Geldpolitik. Seitdem gilt er als Verfechter einer inflationsbekämpfenden und unabhängigen US-Notenbank. Die (Edelmetall-)Märkte haben dies zwischenzeitlich mit einem Abgesang auf die erhoffte taubenhafte Geldpolitik dokumentiert. Doch allein schon die Kraft des finanzwirtschaftlich Faktischen lässt deutliche Zweifel an einer falkenhaften Fed unter Warsh aufkommen.   

Hat Donald Trump sich für einen vermeintlichen Falken entschieden?

Der US-Präsident hat aus seinem geldpolitischen Herzen nie eine Mördergrube gemacht: Er will, dass die Fed ihre Zinsbedingungen deutlich lockert. So soll zunächst die Wirtschaft und der schwächelnde Immobilienmarkt gestützt werden. Aber ebenso will er die Schuldentragfähigkeit Amerikas erhalten.

Warum also dann ein neuer Notenbankpräsident, der sich vielleicht noch weniger als Amtsinhaber Jerome Powell Trumps Zinssenkungsgelüsten fügt?

Es hat viel mit politischem Kalkül zu tun. Trumps Angriffe auf die Fed und seine Schuldenmanie mit der Konsequenz einer geringeren Attraktivität des US-Dollars haben die Gefahr von „Sell America“ heraufbeschworen. Die Folge wären unverdaulich steigende Kreditzinsen. 


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Vor diesem Hintergrund ist die Nominierung eines vermeintlich falkenhaften Kevin Warsh ein taktisch kluger Schachzug. Auf dem Papier steht „Stabilitätsapostel“ Warsh dafür, dass sich die Säkularisierung der heiligen Fed sowie die Verwerfungen am US-Anleihemarkt und beim Dollar in Grenzen halten. Hätte der Präsident sich alternativ für eine typische Taube entschieden, wäre die Kritik an einer zunehmend unseriösen Fed-Politik immer größer geworden, mit allen Folgen für die US-Finanzmärkte.

Was nun, Kevin Warsh?

Natürlich hat sich Trump mit der Nominierung von Warsh nicht plötzlich von seinen Zinssenkungswünschen distanziert.

Umgekehrt sollte aber auch Kevin Warsh nicht als orthodoxer Hardliner gesehen werden, dem geldpolitische Stabilität über alles geht. Warum auch sollte sich Trump eine Laus in seinen Pelz setzen?

Indem er aber als Hardliner antritt, ist er besser positioniert, den Offenmarktausschuss der Fed als Entscheidungsgremium zu überzeugen, 2026 mindestens zwei, möglicherweise sogar drei Zinssenkungen vorzunehmen. Das Argument dazu: Wenn ein Hardliner dies so sieht, müssen die Argumente wohl stichhaltig sein.

Ein weiteres Argument dabei ist, dass die boomende Produktivität selbst bei robustem Wachstum niedrigere Leitzinsen erlaubt.

Nicht zuletzt könnte sich Warsh mehrere Leitzinssenkungen mit einem pragmatischen Kunstgriff erkaufen: Die kurzen Zinsen lockern, dafür die Bilanz verkleinern. So solle die Bilanz der Fed, die sich nach 2008 von 900 Mrd. US-Dollar zeitweise verzehnfacht hat und aktuell immer noch ca. 6,6 Bill. beträgt, weiter abgeschmolzen werden.

Allerdings wäre eine steilere Zinsstrukturkurve die Folge. Der Stresstest bei langen Anleihen würde nicht lange auf sich warten lassen. Eine Reduktion der Notenbankbilanz bei weiter großen Haushaltsdefiziten bedeutete, dass deutlich mehr private Anleger am US-Anleihemarkt und weniger die Fed die hohen Neuemissionen absorbieren müssten.

Haben darauf die Systemkonkurrenten Amerikas nicht nur gewartet, die der bislang unantastbaren US-Finanzaristokratie endlich Zacken aus der Krone brechen könnten? Und die Spekulanten gegen US-Bonds könnten endlich ohne Brandmauer Feuer legen.

Dann kommt es zum Schwur: Wird die Fed einfach zuschauen, wenn stark steigende Renditen die Refinanzierung Amerikas erschweren? Machen wir uns nichts vor: Sie würde eingreifen, weil sie eingreifen müsste. Es wäre nicht das erste Mal, dass Stabilität der Nation vor Geldstabilität geht.

Die Finanzmärkte zweifeln an der neuen Sachlichkeit der Fed unter Kevin Warsh, zu Recht

Die erste Reaktion auf einen vermeintlichen Hardliner war dramatisch. Aktien, Kryptos und vor allem Gold und Silber brachen brutal ein. Bei Edelmetallen haben professionelle Anleger nur auf eine Gelegenheit der Schubumkehr gewartet.

Doch fällt die zweite Reaktion deutlich verhaltener aus. Die Anleger wissen, dass man angesichts der epochalen amerikanische Schuldenmisere keine echte Stabilitätspolitik durchführen kann. Allein der Versuch – s. Finanzkrise 2008 – wäre zu riskant.

Und tatsächlich, die Anleiherenditen sind in Erwartung einer inflationsbekämpfenden Fed nicht gefallen, der große Verkaufsdruck bei Gold, Silber und Metallen hat sich umgekehrt und Aktien – auch die zinssensitiven High-Tech-Werte – streben wieder nach oben.

Natürlich, bis Kevin Warsh sein Amt übernimmt, werden Mutmaßungen und Gerüchte über seine Geldpolitik für erhöhte Volatilität sorgen.

Denn die Tatsache, dass in puncto Verschuldung der point of no return längst erreicht ist, lässt die Märkte am Glaubensbekenntnis der Geldpolitik nicht zweifeln: Wo die Not am größten, ist die Fed am nächsten.

Auf Kevin Warsh steht vielleicht Falke drauf, aber es ist genügend Taube drin bzw. es muss genügend Taube drin sein. Es geht darum, rechts zu blinken, aber links abzubiegen.

Robert Halver leitet die Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank. Mit Wertpapieranalyse und Anlagestrategien beschäftigt er sich seit Abschluss seines betriebswirtschaftlichen Studiums 1990. Halver verfügt über langjährige Erfahrung als Kapitalmarkt- und Börsenkommentator. Er ist aus Funk und Fernsehen bekannt und schreibt regelmäßig für Cash. 

Rechtliche Hinweise / Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG: https://www.roberthalver.de/newsletter-disclaimer

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